Die Hexe am
Limes
Es war früher Morgen
als Lioba zum Wasser holen an den kleinen Teich nahe des Steinwalls
geschickt wurde. Es war kalt und Nebel stieg aus dem Boden. Lioba
hatte Angst. Erst vor kurzem war ein junges Mädchen nicht mehr vom
spielen zurück gekommen. Das war keine Seltenheit, jeder wusste,
dass es nicht ungefährlich war sich in der nähe der Teufelsmauer
aufzuhalten. Oft gab es Übergriffe der römischen Soldaten auf die
Dörfler. Besonders junge Frauen waren begehrte Ziele bei den
Römern. Über dieses Mädchen allerdings sagte man, dass sie nicht
von den Römern gestohlen worden sei, sie wurde das letzte mal an
dem kleinen Teich gesehen. Die Kinder erzählen, dass sie sich mit
jemandem unterhalten habe, aber die Kinder haben niemanden außer
dem Mädchen gesehen. Viele im Dorf sagen, dass das Mädchen in den
Teich gefallen sein müsse, der ist aber nur wenige Handbreit tief
und selbst ein Kleinkind könne in der Mitte noch den Boden
berühren. Mittlerweile hatte Lioba den Waldrand erreicht, sie hörte
Vögel zwitschern und einen kleinen Wasserlauf plätschern. Sie
folgte langsam einem kleinen Pfad der zwischen den Bäumen entlang
führte. Ein paar Schritte hinter dem Waldrand war sie in die Stille
und die Dunkelheit des Waldes eingetaucht. Eine innere Unruhe
erfasste ihr Herz, sie fühlte sich unbehaglich, aber warum? Sie war
schon oft alleine hier? Ein paar Schritte weiter bemerkte sie die
Stille, es war absolut ruhig sie hörte keine Vögel singen. Das
einzige Geräusch war ein knacken. Es kam vom Teich. Lioba erstarrte
vor Schreck und versteckte sich hinter einem Baum. Es war wieder
still im Wald. Einen Augenblick später war erneut ein knacken zu
hören, jetzt war sie sich ganz sicher, es muss noch jemand am Teich
sein, aber wer? So früh am morgen waren nur die Männer ihrer Sippe
schon unterwegs und die gingen nicht zum Teich. Die Frauen waren
mit dem Frühstück beschäftigt und kümmerten sich um die Säuglinge.
Lioba verbarg sich tiefer im Dickicht der Bäume und Büsche. Sie
wusste nicht was sie tun solle, zurück zum Dorf und sich von den
Alten verspotten lassen oder sich ihrer Angst stellen. Sie war hin
und her gerissen. Sie wollte die Beine in die Hand nehmen und
verschwinden aber zu ihrer eigenen Überraschung bemerkte sie wie
sich ihre Beine in Bewegung setzten, allerdings in die falsche
Richtung. Hatte ihre Neugierde also wieder einmal gesiegt. Langsam
schlich sie nahe dem Boden vorwärts, immer in Deckung der Bäume und
Sträucher. Sie kam an den Felsabbruch direkt über dem Teich und
legte sich auf den Boden um über die Kante spähen zu können. Sie
kroch langsam an die Kante um nicht hinunter zu fallen, sie hielt
den Atem an, gefasst darauf einen Dämon oder Teufel zu erblicken.
Tatsächlich erblickte sie jemanden am Ufer, es war aber keineswegs
ein Dämon oder zumindest hatte sie sich Dämonen nie so vorgestellt.
Es war ein junger Mann, groß gebaut dunkles Haar, ganz anders als
die blonden Männer ihrer Sippe. Der Dämon stand bis zu den Knöcheln
im Teich und wusch sich mit entblößtem Oberkörper die Haare. Lioba
wusste nicht was sie tun solle, sie war ganz verzaubert von dem
Anblick. Sie hatte schon oft Männer ohne Oberhemd gesehen, aber nur
wenn sie auf dem Feld arbeiteten und noch nie hat sie gesehen wie
sich ein Mann gewaschen hatte. Sie wollte ihn weiter beobachten,
konnte aber nicht näher ran, der Felsabbruch war zu steil und auf
dem Pfad runter zum Wasser hatte sie keine Möglichkeit sich zu
verstecken. Also bleiben und warten. Der Mann kam aus dem Wasser
und ging ein Stück in ihrer Richtung, ihr blieb das Herz stehen.
Direkt unter ihr an den Felsen hatte er seine Rüstung abgelegt,
diese legte er jetzt wieder an und Lioba erkannte das der Mann ein
römischer Soldat war. Was machte er auf dieser Seite der Mauer? Es
war für Römer genauso gefährlich sich auf dieser Seite aufzuhalten
wie es für ihre Sippe gefährlich war sich der Mauer zu
nähern.
Lioba konnte ihren Blick nicht abwenden. Der Mann rüstete sich und
begab sich auf einen kleinen Pfad Richtung Limes. Ein paar Minuten
später war er im Unterholz verschwunden. Lioba blieb noch einige
Augenblicke liegen, ihr Herz schlug wie verrückt und wollte sich
gar nicht mehr beruhigen. Als sie glaubte, wieder gehen zu können
begab sie sich auf den Pfad runter zum Teich. Direkt nach dem
Felsabsturz ging sie von Weg ab und auf die Stelle zu an dem sich
der Römer angekleidet hatte. Sie sah die Fußspuren im Waldboden. An
der Stelle fand sie einen kleinen Dolch, den hatte der Soldat wohl
verloren.
Inzwischen war der Nebel verschwunden und die Sonne stand am
Himmel, es wurde höchste Zeit wieder ins Dorf zurück zu kommen.
Lioba füllte ihre Eimer im Teich und ging zurück zum Dorf. Die
Ziegen warteten schon durstig auf sie. Ihre Familie hatte bereits
das Essen beendet und war auf dem Feld zur Ernte. Die Zeit verging
und Lioba konnte den Römer nicht vergessen, jeden Abend sah sie
sich den Dolch an und träumte von ihrem Römer. Es war eine traurige
Zeit für Lioba, sie wusste dass ihre Liebe unglücklich bleiben
würde. Eine Liebe zwischen Römern und Germanen war unmöglich und
außerdem wusste ihr Angebeteter gar nichts von ihrer Existenz. Als
es nicht besser wurde beschloss sie zu einer Heilerin zu gehen. Sie
war eine alte Frau die alleine in einer kleinen Hütte wohnte und
man sagte ihr nach, die Geliebte eines großen Druiden gewesen zu
sein. Niemand hatte Kontakt zu der Frau, die Leute aus dem Dorf
hatten Angst vor ihr. Sie suchten sie nur auf, wenn sie keinen
anderen Ausweg mehr sahen. Lioba war an diesem Punkt angekommen.
Sie wusste weder eine noch aus. Sie hatte keinen Einfluss mehr auf
ihre Gedanken, ständig waren sie bei dem nebligen Morgen am Teich
als sie ihren Liebsten das erste und einzige mal sah. Sie konnte
ihre Arbeit nicht mehr verrichten und ihre Eltern waren böse auf
sie. Niemand verstand sie und sie konnte ihre Gefühle niemandem
erzählen. Sie hatte keine Vertraute unter den Dörflern, die anderen
Mädchen waren bereits verheiratet oder noch zu jung um sie zu
verstehen. Ihr letzter Ausweg war die alte Hexe. Sie ging in die
Hütte und fand sich in einer kleinen Kammer wieder welche voll mit
Töpfchen, Krügen und Gefäßen gestopft war. Aus einem anderen Raum,
abgetrennt durch ein schweres Tuch kam die alte auf sie zu. Ihr
Name war Tilrun. Tilrun griff Lioba unter den Umhang und entwand
ihrem Griff den Dolch des Römers. Tilrun drehte sich um und
verschwand mit dem Dolch wieder hinter dem Tuch. Lioba stand wie
versteinert in der Hütte, sie wusste nicht was sie tun solle. Nach
einiger Zeit erschien Tilrun wieder aus der Küche, diese befand
sich nämlich hinter dem großen Tuch. In der Hand hielt sie den
Dolch. Sie bat Lioba sich zu setzten. Tilrun setzte sich ihr
gegenüber und begann in einer alten Sprache einen Gesang. Lioba
verlor jedes Gefühl für Zeit und nach einer Weile, es war schon
dunkel geworden erklärte ihr Tilrun, dass sie mit diesem Dolch eine
Ziege opfern müsse und zwar an der Stelle an der sie den Dolch
gefunden habe. Die Ziege müsse in den Teich geworfen werden und bei
Vollmond werde sie wieder auferstehen und zurück zu Lioba kommen.
Nachdem die Ziege wieder auferstanden sei, müsse Lioba den Dolch an
die Stelle legen an dem sie ihn gefunden habe. Dann wird sich ihr
Schicksal erfüllen. Wie dieses Schicksal aussehe werde sie dann
erfahren.
Da der Winter
bereits über das Land gekommen war, konnte Lioba kein Zicklein
entbehren. Sie wurden alle gebraucht um über den Winter zu kommen.
Die Monate gingen ins Land und Lioba ward krank vor Kummer. Ihre
Familie hatte fast zum Ende fast kein Essen mehr und sie litten
Hunger. Der Bach der nahe der großen Mauer entlang floss, war
gefroren und das Fischen war nicht möglich. Gelegentlich gingen die
Männer der Sippe zu den Römern um Handel zu treiben aber es gab
fast kein Geld mehr im Dorf und Waren brauchten die Römer kaum, sie
wurden mit allem versorg was sie brauchten. Der Schnee begann zu
schmelzen und langsam verbesserte sich das Gemüht von Lioba, jetzt
wurden die neuen Lämmer geboren und mit ihnen ihre Chance den
Zauber einzulösen. Der Schnee war von den Felder verschwunden und
die ersten Früchte standen auf den Feldern. Jetzt endlich könnte
Lioba den Zauber wirken. Eines Nachts schlich sich Lioba auf das
Feld auf dem die Ziegen gehalten wurden und stahl eines. Sie
brachte es an den Teich und die Ziege fügte sich dem Willen Liobas
ohne einen Laut von sich zu geben. Lioba hatte Mitleid mit dem
armen Tier, solle sie wirklich ein Leben beenden nur damit sie
wieder in Ruhe leben könne? Unentschlossen stand sie im Wasser in
der einen Hand die Ziege in der anderen Hand den geweihten Dolch.
Der Mond stand schon hoch und voll über ihr und tauchte das
Wäldchen in silbernes Licht. Lioba setzte die Klinge an den Hals
der Ziege und mit leichtem Druck zog sie die Klinge durch den Hals
des Tieres. Das Blut floss in den Teich und schimmerte schwarz im
Licht des Mondes. Das Tier starb aber nicht sonder trank das Wasser
aus dem Teich und lief in Richtung Wall davon. Lioba erschrak,
sagte doch die Alte, dass das Tier im Teich bleiben solle bis es
wieder auferstehe, ihr Zauber war in Gefahr!
Lioba rann hinter dem Zicklein hinterher, konnte es aber nicht
erreichen. Es rann immer weiter auf die Mauer zu. Lioba hatte es
fast erreicht als sie den Waldrand erreicht hatten. Das Tier hielt
genau auf eine Römerstreife zu und Lioba hinterher. Die Römer sahen
das Tier und die Frau aus dem Wald stürmen und erschraken, das
Mädchen hatte einen Dolch in der Hand. Die Römer riefen das Mädchen
an, stehen zu bleiben, dieses verstand aber nicht und rannte weiter
auf sie zu. Die Römer senkten ihre Lanzen um das Mädchen zu
stoppen. Kurz vor den Lanzenspitzen blieb das Zicklein stehen und
Lioba bekam es zu fassen. Einer der Römer packte sie am Arm und
entwand ihr den Dolch in einer fremden Sprache sprach er auf sie
ein und Lioba war verzweifelt weil sie ja den Dolch noch verstecken
müsse. Alles lief schief, der Zauber würde sich nicht erfüllen,
erst die Ziege die nicht sterben wolle und jetzt eine Römische
Wache die ihr den Dolch abgenommen hatte. Lioba war verzweifelt und
ergab sich in ihr Schicksal. In dem Moment betrachtete ein Soldat
den Dolch genauer und Freude zeichnete sein Gesicht. Er nahm den
Helm vom Kopf und Lioba erkannte ihren Liebsten.
Lioba wurde mit ins römische Lager genommen und dem Hauptmann
vorgeführt. Dieser verstand die Sprache Liobas und übersetzte ihre
Geschichte den Anwesenden. Der Soldat war so ergriffen, dass er um
die Freilassung der Gefangenen bat. Sie wurde im übergeben und er
nahm sie zur Frau. In der Hochzeitsnacht ging er mit Lioba an den
Teich und gemeinsam versteckten sie den Dolch.
Seid jener Zeit gilt
dieser Ort als Heilig, große Seher, Schamanen und Druiden haben
hier ihr Zauber gewirkt und noch heute begegnet Wanderern ein
kleines Zicklein. Wer hier ein Opfer darbringt kann sicher sein,
seine Wünsche werden Erfüllung finden.