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Das Märchen von ULI und ICU
Ein analoges Märchen mit System
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Es war einmal zur Zeit t gleich Null ein armer, aber rechtschaffener Zweipol namens ICU. Er bewohnte einen bescheidenen, möblierten Hohlraum mit Dielektrikum. Außerdem war er stolzer Inhaber eines minimalen Verlustwinkels (der gegen Null tendierte). Seinen Lebensunterhalt bestritt er mit Elektrolytzucht nahe den Quellen des Konvektionsstroms und des Verschiebunsstroms, einem Ort außerordentlich hoher Flussdichte. Außerdem gehörte er der Bewegung „Zweitore wehren sich“ an, die gegen die formal korrekte, aber diskriminierende, Behauptung, jeder Zweipol wäre Eintor, kämpfte. Immerhin war er eine Kapazität!
ICU liebte mit der ganzen Kraft seiner Übertragungsfunktion ULI; ULI, die induktivste Spule im ganzen Kreis, ULI, die einzige von allen, die völlig frei war von Parasitärelementen! Ihre kupfernen Windungen, ihr Ferritkörper, der so ganz ohne Remanenz war, und nicht zuletzt ihre so überaus harmonischen Oberwellen - besonders der Sinus - beeinflussten selbst die Permittivitäten ausgedienter Leidener Flaschen, was viel heißen will!
ULIs Vater, ein bekannter Industriemagnet und Leistungsfaktor, der seine Kompetenz nur in ausgewählten magnetischen Kreisen induzierte, hatte allerdings bereits ganz konkrete Schaltpläne für die Zukunft seiner Tochter. Sie sollte nur einer wirklichen Kapazität mit ausgeprägtem Nennwert angeschlossen werden, da hatte ihr Vater eine niedrige Toleranz!
Aber, wie so oft, hatte auch diese Masche einen Knoten, und der Zufall wollte es anders.
Als ULI eines Tages auf ihrem Picofarad nach Hause fuhr - sie hatte sich im Wellensalon des gerade angesagtesten Ozillographen eine topmoderne neue Sinus-Stehwelle auf ihren Scheitelpunkt legen lassen - geriet ihr ein Sägezahn in die Filterkette. Aber ICU, der die Gegend periodisch frequentierte, eilte mit minimaler Laufzeit herbei, und es gelang ihm, ULIs Kippschwingung noch vor dem Maximum der Amplitude abzufangen und gleichzurichten und so die Resonanzkatastrophe zu verhinden. Und ULI - nun, sie verhielt sich wider Erwarten umgekehrt proportional zu ihres Vater Schaltplänen. Das Schulbeispiel gegenseitiger Polarisation kam hier einmal wieder demonstrativ zum Ausdruck.
So ist sicher nicht dem Zufall zuzuschreiben, dass sie sich schon bald wiedersahen. ICU lud ULI zu einem Abendessen in das „Goldene Ringintegral“ ein. Aber das „Ringintegral“ war leider geschlossen. „Macht nichts“, sagte ULI, „ich habe zu Mittag einige Kilo Hertz gegessen und meine Sättigungsinduktion hat bis jetzt angehalten. Außerdem muss ich auf meine Feldlinien achten. Gehen wir stattdessen doch in die Cocktailbar von Cosinus Phi!“.
Der weise Cosinus Phi, bekannt für seinen großen Realanteil, sah die beiden auf Elektronenwolke Sieben und hatte einen guten Rat für ihre Schaltpläne bereit: „Auch ihr werdet in der Realität gegen Widerstand (▮ ▮ ▮) ankämpfen und Dämpfung erfahren! Aber durch den hervorragenden Gütefaktor (96,235) wird euch eine lange Schwingung beschieden sein“.
Nach dem Essen lud ICU dann ULI zu einer kleinen Rundfahrt im Rotor ein. Aber ULI lehnte ab: „Mir wird bei der zweiten Ableitung immer so übel!“, jammerte sie.
Und so unternahmen sie, immer dem Strompfad folgend, einen kleinen Frequenzgang ins nahegelegene Streufeld. Der Abend senkte sich über die komplexe Ebene, und im imaginären Raum erglänzten die Sternschaltungen. ULI und ICU genossen die Isolation vom lauten Getriebe der Welt. Sanft plätscherten die elektronischen Wellen ans Gestade und leise rauschten die Röhren in den umliegenden Gradientenfeldern. Hin und wieder hörte man das knarrende Geräusch eines abgeknickten Hyperbelasts, der sich knarrend an seiner Asymtote rieb. Sonst drang kein Laut durch die Stille, da die Fourier-Koeffizienten bereits alle verschwunden waren.
Da erklang in der Ferne das klagende Lied einer einsamen Drossel. ICU, dessen Gedanken mittlerweile schon sehr ins imaginäre diffundiert waren, wurde durch dieses Ereignis wieder auf die reelle Achse zurückversetzt.
Als sie an der Wheatstone-Brücke angelangt waren, genau dort, wo der Blindstrom in den Streufluß mündet, lehnten sie sich gemeinsam ans Gitter. „Jetzt oder nie“, sagte sich der junge Zweipol, der inzwischen bis an die Grenze seiner Spannungsfestigkeit aufgeladen war, nahm seinen ganzen Durchgriff zusammen und emittierte: „Liebe ULI! Bei Gauss, deine lose Rückwirkung hat es mir angetan und deine schrittweise Aproximation hat mich in einen metastabilen Zustand versetzt. Dein bin ich und will es sein bis t gleich unendlich!“
Mit diesem Geständnis übertrug sich ICUs ganze Spannung auf ULI, der Informationsgehalt dieses Signals durchflutete sie mit großer Steilheit, und im Überschwange des jungen Glücks gerieten die beiden in Reihenresonanz. Der Strom durchwirbelte sie in freier harmonischer Oszillation, bis ULIs Hertz rasend schnell schlug (2794,935 mal pro Sekunde), und gemeinsam erreichten sie voll ausgesteuert die Endstufe.
...und wenn sie nicht gedämpft worden wären (da sollte der weise Cosinus Phi leider recht behalten...), dann schwängen sie noch heute.
N 50° ICU⋅109 E 006° ULI⋅103
