Die
Belitzer Krebsesser
Es ist wohl bekannt, daß die Gewässer des Wendlandes einst sehr
reich an Krebsen waren. In dem Bach, der
entlang der Dörfer Belitz
und Reitze
floß, lebten diese Tiere dennoch nicht
in so reichlichem
Maße, so daß es
wegen des Krebsfangs fortwährend zu erheblichen
Differenzen unter den beiden Dorfschaften
kam.
Als die Gemeindeväter
von Belitz nun an einem Abend
beisammensaßen und
über ihre Probleme berieten, kam ihnen plötz-
lich eine ganz
besondere Idee. Daß die Krebse vom
Aussterben
bedroht waren, wenn man sie weiter mit solcher
Emsigkeit fing und
nichts für ihre Erhaltung tat, war schließlich
allen klar. Aber wie ließ
sich solches verhindern?
Ein alter Belitzer
riet, das Augenmerk auf die Mutterkrebse zu richten,
denn diese sorgen selbstverständlich auch in
der Krebswelt für fort-
währende Nachkommenschaft. Man
müßte also versuchen, sie
seßhaft zu machen,
um die Anzahl der Krebse zu erhöhen. Also
beschlossen die Belitzer, einen großen Mutterkrebs zu fangen
und
ihn unter der Brücke bei Belitz an die Kette zu legen. So hoffte man,
daß dieses
Krebsweibchen Generationen von tüchtigen, nicht zur
Auswanderung neigenden Völkchen um sich
scharren würde.
Und tatsächlich erfüllte sich die Hoffnung der
guten Belitzer. Bei gün-
stigem Wetter und
Winde von oben und bei hinreichendem Gewürm
als Nahrungsgrundlage auf dem Bachgrund
entwickelte sich die neue
Krebsart rasch und stark. Als Delikatesse
lieferten die Belitzer ihre
neue Züchtung nach Lüchow zum Ratskeller und
an Bauers Hotel.
Dort wurden die noch lebenden Krebse auf
flackerndem Feuer gesot-
ten und begeisterten alle Feinschmecker.
Nachdem nun die Fortpflanzung und Erhaltung
dieser Tierart durch
die geniale Idee zunächst gesichert war,
besann man sich auf die nun
schon lange unter der Brücke angekettete
Stamrnmutter. Da zu
befürchten war, daß sie ohnehin bald aus Altersschwäche sterben
würde, entschloß
man sich zum baldigen Handeln:
Um ihre Leinenprodukte zu vermarkten, waren
Belitzer Bäuerlein
früher bis nach Hamburg gereist. In der
Großstadt hatten sie von vor-
züglicher
Krebssuppe mit einzigartigem Wohlgeschmack gehört.
Selbstverständlich konnten sie es sich nicht
leisten, ihre Gelüste
danach zu stillen. Aber jetzt bot sich die
Gelegenheit!
Der Krebs unter der Brücke sollte es
ermöglichen, daß alle einmal
von einer ausgezeichneten
"Gemeinde-Krebssuppe" kosten konnten.
Am Sonntag in der Frühe trafen sich die Bauern
beim Dorfschulzen.
Auf dem Kamin loderte ein prasselndes Feuer.
Der Krebs wurde
geholt und in den großen kupfernen Kessel mit
Wasser gelegt, der am
Haken mit der eisernen Kette aufgehängt wurde.
Über die beim
Krebsmahl verwendeten Gewürze wird nichts
berichtet. Aber Hans
Fick, Jochen Trybian, Christoph Parum und Genossen lief schon das
Wasser im Mund zusammen in Erwartung des
delikaten Mahls.
Vielleicht war das, was an Düften in ihre
Nasen drang, dann doch
nicht so vielversprechend, denn einer traute sich
schließlich, einfach
einmal mit dem Finger zu kosten, was dort vor
sich hin brodelte.
Andere taten es ihm gleich. und alle schauten
sich verdutzt an. "Das
hat ja überhaupt keinen Geschmack, war die
übereinstimmende
Meinung.
Nachdem die Suppe nicht den erhofften Beifall
gefunden hatte,
beschloß man,
einmal an der festen Substanz. dem Krebs selbst, zu
kosten. Das Recht des Ersten hatte der
Schulze. Er rührte mit einem
großen hölzernen Löffel. dem
Schleef, in dem Kessel umher.
Doch er
fand nichts.
Die Bauern sehen sich fassungslos an und
konnten einfach nicht
begreifen, was sie in dem Augenblick erleben
mußten. Plötzlich
schaute einer nach oben, und sein Blick fiel
zielgerecht auf den
Deserteur. Er saß oben im Kamin an der Kette.
Das heiße Bad im
Kessel war ihm offensichtlich zu warm
geworden, und da war er an
der Kette hoch nach oben geklettert.
Die Belitzer
Bauern kamen schließlich und endlich doch noch zu
ihrem Recht, der Krebs wurde gekocht. Es wird
nicht berichtet, ob
die „Gemeindesuppe“ gemäß der Anteile von
Vollhufern, Halbhufern,
Kossatern und Brinksitzern zum Verzehr geboten wurde und ob
bei
dieser Teilung Reklamationen auftraten.