Brainstorm
Wir verbringen neunundneunzig Prozent unseres Lebens mit
routinemäßigem Alltag. Nur manchmal entführt uns die Neugierde aus
dieser langweiligen Vernunft in ein Abenteuer. Und die
folgenschwersten dieser Ausflüge beginnen immer ganz harmlos, so
wie zum Beispiel bei einem geselligen Abend in der Stammkneipe.
Unsere befand sich in Troisdorf und hieß „Zapfsäule“.
Hinten in einem kleinen Hof wurde bei gutem Wetter ein gemütlicher
Biergarten eröffnet. Das tolle Wetter erlaubte es allen endlich mal
wieder im Freien zu sitzen. Wir hockten entspannt gegenüber und
kühlten beide die Hände an dem frisch servierten Weizen. Es gab
einem ein beruhigendes Gefühl, sich an etwas festhalten zu können,
zumal die simplen Barhocker unangenehm hoch und nicht sehr stabil
waren. Jens löste wieder seinen Klammergriff und kramte entspannt
im Gesäß nach den Zigaretten, so als würde er es zum ersten Mal
machen und nicht genau wissen, wo sie zu finden sind. Er blickte
dabei verträumt in die Luft. Dann drängte er das gemütlichen
Vögelgezwitscher, durch seine raue Stimme unsanft in den
Hintergrund: „Die Schmidt war heute wieder total
aufgeschmissen, als ich von den chinesischen Rechenregeln
angefangen hab, oder?“
Ich gab keine Antwort. Natürlich war sie es gewesen. Er konnte es
ja mit jedem Lehrer aufnehmen. Ohne viel zu lernen übertrumpfte er
sie immer wieder, indem er einfach aktuelle Geschehnisse in den
Unterricht einwarf. Der Trick funktionierte jedes Mal gut, weil die
meisten Lehrer alle schon dicht an der Pensionierung waren, und
sich kein bisschen um die Verbesserung des Unterrichts durch ein
Anpassen ihrer Fächer an das aktuelle Zeitgeschehen kümmerten.
Klar, sie lasen auch die Zeitung, aber wohl nur, um sich nicht mit
den anderen Lehrkräften unterhalten zu müssen, und Jens schaffte
es, sie immer wieder von dem uralten Unterrichtstrampelpfad zu
locken, so dass sie die Orientierung verloren und auf die Nase
fielen. Es störte keinen, auch wenn wir danach den Stoff etwas
schneller durchkauen mussten, denn er versüßte uns allen damit die
Schulstunden. Die Lehrer verloren so sehr an Überheblichkeit, dass
sie insgesamt besser zu ertragen waren.
Eine weitere Stärke von Jens waren seine Ideen. Vor allem, wenn es
darum ging, den selbsternannten Autoritätspersonen eins
auszuwischen, lief seine Kreativität zur Höchstform auf. Streiche
spielen war sozusagen sein Hobby. Einmal zapften wir die
Lautsprecheranlage vom Schulgebäude an, nahmen die Stimmen auf und
spulten dann witzige, selbst zusammengemixte Durchsagen vom
Direktor ab. Oder wir ließen einfach mal die Schulglocke zu früh
läuten.
Jens und ich kennen uns nun schon seit der sechsten Klasse. Ich bin
in der Schule zwar nie so gut wie er, aber dafür war ich bei seinen
Plänen immer die Person, die seine Ideen aus der Theorie in die
Praxis umsetzten konnte. Wir waren ein perfektes Team. Ihm fehlte
einfach die Geduld und Technik, um die notwendigen Geräte oder
Bauteile für seine Gemeinheiten zu kreieren. Egal welche
Schaltungen zu löten oder welche Passwörter zu knacken waren, es
war nie ein Problem für mich. Und falls die Streiche mal aufflogen,
war ich immer nur im Hintergrund.
Es war wieder schön still im Biergarten und in der Luft vermischte
sich der frische Duft der Fliederblüten mit dem Zigarettenqualm.
Eine Amsel hockte auf dem höchsten Punkt des Dachgiebels und sang
uns stolz vor, was sie heute alles gefuttert hatte. Das animiert
Jens, und er zerstörte die Idylle durch sein lautes Nachdenken:
„Aber den Bit, den kriegen wir auch noch irgendwie!“
Dann neigte er nachdenklich den Kopf und trank gedankenverloren
einen ausgiebigen Schluck Bier.
Es war typisch. Während andere die Natur und ihren Feierabend
genossen hatte er wieder keine Ruhe im Kopf. Jetzt war mir klar, an
was er dachte. Ein Lehrer war von unseren Streichen noch
unangetastet. Es war unser Informatikprofessor, den wir liebevoll
Bit nannten. Er war ein etwas kräftiger, kleiner und
außergewöhnlich netter Lehrer. Aber er war der einzige, dem wir nie
etwas vormachen oder einen Streich spielen konnten. Er war ein Ass,
was die Software und Hardware von Computern angeht, konnte super
den Unterricht gestalten und lies sich von niemandem ins Boxhorn
jagen. Wenn Jens ein Ablenkungsmanöver, mit den neuesten
Erkenntnissen aus der Nanotechnologie oder den aktuellsten
Entwicklungen in der Computerchipindustrie startete, dann leitete
er ihn immer wieder geschickt auf den Unterricht zurück oder
donnerte ihm eine Berichterstattung über das Thema für die nächste
Woche auf.
Es gibt wenige Berufe, in dem man als Genie so viel Zeit für seine
eigenen Ideen hat. Deshalb ist Bit trotz seiner Qualifikation wohl
Lehrer geworden. Immer wieder war er damit beschäftigt, neue
Software zu entwerfen, und verpackte sie zusätzlich noch so
geschickt in unseren Unterrichtsstoff, dass die Zeit mit ihm nie
langweilig wurde.
Dennoch schlummerte in jedem von uns das Verlangen, gerade ihm
einen Streich zu spielen. Die Krönung wäre, wenn wir es schaffen
würden, in sein Laptop einzudringen und an irgendwelche Daten zu
kommen. Derjenige, dem das gelingen würde, wäre wohl der Held
schlechthin gewesen........
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Euer Auto könnt ihr z.B. bei N50 24.277 E007 55.868
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