Die Sage vom Meerweibchen
Es ist schon lange, recht lange her. Da war der Ort Brüggen eines Tages in eine sonderbare Aufregung gekommen. Die Mannsleute machten alle lange Gesichter, und die Frauensleute waren ganz sprachlos.
Man hatte nämlich in den Leinewiesen bei Brüggen ein Meerweibchen gefangen. Halb Mensch, halb Fisch und dazu das wundervolle lange meergrüne Haar. Man konnte sich nicht genug wundern über das einzigartige Geschöpf. Das unglückliche Meerweibchen flehte wer weiß wie, man möchte ihm die Freiheit wiedergeben; aber einen so köstlichen und seltsamen Fang wollte man doch ganz gewiss nicht wieder freilassen, und da man nicht recht wusste, wohin damit, so schleppte man das Meerweibchen auf den Gutshof zur Gutsherrschaft. Diese hielt das seltsame Geschöpf gefangen.
Es weinte und bat tagelang um Erlösung. Es gab die besten Worte, dass man es doch bloß wieder zu seinen unglücklichen Kindern lassen möchte! Doch man glaubte ihm einfach nicht und ließ es auch nicht wieder frei, so sehr es sich auch härmte. So kam es, dass das Meerweibchen sich durch stillen Gram nach und nach verzehrte. Kurz vor seinem Tode schleuderte es der Gutsherrschaft einen furchtbaren Fluch ins Gesicht: „Ihr kriegt hier wohl graue Röcke, aber keine grauen Köpfe!" Und man erzählt sich, dass dieser Fluch noch bis in unsere Zeit sich erfüllt hätte, dass also niemand im Schlosse (um die Ecke zu bestaunen) wirklich alt würde.
Quelle: Sagen aus dem Hildesheimer Land