Der Wassenberger
Galgenberg
Das Amt
Wassenberg besaß jahrhundertelang ein eigenes Gericht. Das
Gerichtshaus befand sich sehr lange am unteren Ende der
Kirchstraße. Der Wassenberger Vogt führte bei der
Gerichtsverhandlung den Vorsitz. Bis 1550 besaß das Hauptgericht
zudem 6 Schöffen, auf Lebenszeit gewählt, später sieben. Im Jahre
1555 kam es durch den Herzog von Jülich zu einer neuen
Prozessordnung. Vorher galt auch hier die Rechtsprechung nach
Prozeßbüchern, wie z.B. der Sachsenspiegel, Schwabenspiegel oder
eigene Volks- und Stadtrechte.
Noch heute
sind viele alten Gerichtsakten erhalten. Bei leichten Vergehen
wurde der Delinquent durch die Stadt geführt, um einen Bürgen für
sich zu finden. Für den Angeklagten trat, wenn er sich nicht selbst
verteidigen konnte, ein Fürsprecher auf. Die Schöffen entschieden,
ob der Angeklagte der „peinlichen Befragung“ oder sogar
der Folter unterworfen wurde. Die Praxis dieser sadistischen
Tortour war grauenhaft.
Auch das Wassenberg vom Mittelalter und früher Neuzeit kannte die
Folter. Am Ende, wenn der gefolterte Mensch unter furchtbaren
Qualen gestand, folgte die drakonische Strafe gleichermaßen für
Jung und Alt: Hängen, Köpfen, Rädern, Verbrennen, Ertränken –
Hinrichtungsformen, die in den Wassenberger Gerichtsakten oft zu
finden sind.
Kinder und
Jugendliche werden genauso wie Erwachsene behandelt. Die soziale
Kathegorie „Kind“ gab es noch nicht.
Die häufigste Todesstrafe war in Wassenberg der Galgen. Der
Wassenberger Galgenberg „dr Jaljeberch“, noch heute so
genannt, liegt oberhalb des Waldrestaurants „Tante
Lucie“, - in der Nähe der heutigen Klosterstraße. Der Hügel
hat viel Schreckliches gesehen. Viele sind hier „mit dem
strick so vom leben zum thodt“ gelangt.
Bei solchen Ereignissen umstanden meist zahlreiche Zuschauer den
ort der Handlung. Magistrat und Geistlichkeit sind aus offiziellen
Gründen anwesend.
Unterwegs zum Galgenberg verweilt der Verurteilte in Wassenberg
noch einen Augenblick an einem religiösen Bilderstock, in der nähe
des Brühltores. Dann wird er an eine Karre gebunden und durch die
„bruel“ zum Galgenberg geführt. Am Richtort erfleht ein
Geistlicher für ihn die Barmherzigkeit Gottes. Das Urteil wurde
dann nochmals verlesen. Dann zerbrach der Vogt ein Holzstäbchen
(„den Stab über jemanden brechen“) und das Urteil wurde
vollstreckt.
Besonders in den unruhigen Zeiten des
„Hundertjährigen Krieges“ mit seinen „Mordbuben,
seinem Gesindel, seinen entlaufenen Söldnern, seinen Streiffern,
Freibeutern, plünderern, Straßenschändern“ muss der
Scharfrichter oft in Aktion. Zahlreiche Angaben finden sich darüber
in den Wassenberger Gerichtsakten des Hauptstaatsarchives
Düsseldorf.

Hier einige
Schicksale, die einst an dieser Stelle ihr Ende
fanden:
Dezember 1550 – Die
berühmt-berüchtigten
Blaatesräuber werden in ihrem Versteck im Walde zwischen Myhl
und Gerderath von zwei in Bauerntracht verkleideter Kompanien
Grenadiere gefangen genommen. Das Hauptgericht in Wassenberg ließ
die Räuber foltern. Als sie alles gestanden hatten, wurden die
Urteile gesprochen. Der Räuberhauptmann Hessel wurde
„lebendig gerädert“, in furchtbarer Weise gequält und
erst nach stundenlanger Prozedur zum Tode gebracht. Seine
Spießgesellen kamen alle an den Galgen und blieben dort solange
hängen, bis sie herunterfielen. Die Räubergeschichte erzählt:
„Auf dem Galgenberg wurden 18 Galgen errichtet, welche wie
ein verdorrter Wald aussahen.“
1584 – Ein junger italienischer
Soldat wird von Wildenrathern bei der Plünderei ertappt, ergriffen
und nach Wassenberg ins Verließ geschafft. Auch er endet auf dem
Galgenberg.
1586 – Ratheimer Schützen
erwischen 1586 zwei blutjunge Burschen, die verirrt, versprengt und
verlaufen, ohne „passeport“ angetroffen werden. Einer
hat eine junge Frau mit einem Kleinkinde bei sich. Die Burschen
werden nach Wassenberg gebracht und dort gefoltert. Einer gesteht
unter höllischen Schmerzen „heimliche Mordtaten“. Tod
durch den Strang lautet das Urteil. Seine junge Frau wird davon
gejagt.
14.10.1587 – plündernde und
herumstreunende Soldaten überfallen bei Arsbeck den Dedericher
Bauern und wollen ihm das Pferd stehlen. Zur Hilfe eilende Nachbarn
greifen ein. Die Täter fliehen, werden verfolgt, einer wird
eingeholt. Nach Wassenberg gebracht, macht man kurzen Prozess mit
ihm. Auf dem Galgenberg endet er am Strang.
1597 – Birgelener Schützen fangen
fünf Herumstrolcher: drei werden peinlich examiniert, zwei
gefoltert und alle durch das Wassenberger Gericht zum Galgen
verurteilt.
Also denkt daran,
… wenn ihr diese Dose hebt, dann verfolgen euch mit
Sicherheit die Augen vieler hingerichteter Seelen, die einst hier
auf den Hügeln ihr Ende fanden.