Der untreue Diener
Theophrastus lag auf dem Totenbett und sprach also zu seinem
Famulus: "Was meinst du, ob ich diesmal wieder aufstehe? Aber, sage
mir aufrichtig, denn du weißt, daß ich in allen Dingen entschlossen
bin und keine Furcht kenne. Also werd' ich auch nicht zittern, wenn
es einmal Ende sein muß, denn ich habe von der Welt Reichtümer und
Ehren immer dafür gehalten, daß sie nicht ewig bei unsereinem von
Fleisch und Bein bleiben können, und was die anderen irdischen
Freuden betrifft, so hab' ich mir nie viel daraus gemacht; wie du
auch wissen magst, daß ich nie nach Weibergunst habe streben
wollen." Der Famulus tat sich Gewalt an, um bei diesen Worten
ernsthaft zu bleiben, denn er hatte den Schalk im Nacken und wußte
gar wohl, warum sein Herr der Frauengunst aus dem Wege ging; auch
sah er, daß der Wunderdoktor sich selbst nicht mehr kurieren könne,
und dachte schon daran, die vielen Tinkturen des Meisters zu erben,
durch deren Verkauf er sich zeitlebens ein schönes Stück Geld werde
erwerben können. Deshalb freute er sich heimlich auf seines Herrn
Tod, stellte sich aber jetzt vor ihm sehr betrübt und gab ihm zur
Antwort: "Herr, ihr seht so frisch und gesund aus wie irgendeiner
und seid dicker als jemals; ich möchte darauf wetten: Ihr werdet
noch lange leben, wofür ich Gott und alle Heiligen stündlich
anrufe." Theophrastus, der durch seine Frage eigentlich nur die
Würdigung seines Dieners prüfen wollte, erkannte nun dessen falsche
Gesinnung, ließ aber nichts merken, sondern befahl ihm, eine Phiole
vom Gesimse herabzulangen, worin ein Elixier enthalten sei, das das
Zipperlein unfehlbar heile; die Phiole übergab er dem Famulus mit
dem Auftrag, schnurstracks auf die Salzachbrücke zu gehen und sie
dort, über den Fluß haltend, zu zerschlagen, damit das Elixier in
den Fluß rönne, denn es hätte noch andere Eigenschaften, die, um
nicht Schaden anzurichten, nicht jedermann kennen dürfte. Der
Famulus gelobte alles zu vollführen und ging. Als er aber kaum vor
der Türe war, dachte er in seiner Untreue: "Das ist ein rechter
Neidhart, der gerne möchte, daß seine kostbaren Medikamente keinem
anderen als ihm Geld einbringen sollen, deshalb will er sie lieber
vernichten; denn das glaube ein Dümmerer, daß das Elixier noch eine
unbekannte schädliche Kraft berge. Ist er aber nur erst tot, so
kann ich die Leute wohl ebenso zu meinem Vorteil mit dieser Tinktur
kurieren als er." So verschloß er die Phiole in seiner Kammer und
ging dann zum Meister, ihn belügend, daß dessen Auftrag vollzogen
sei. "Ich danke dir", sprach Theophrastus sanft, "aber sage mir
auch, was du gesehen hast, als die Tinktur ins Wasser rann." -
"Gesehen? Nichts, lieber Meister!" antwortete verblüfft der
Famulus. Da hob sich Theophrastus zürnend vom Sterbebett auf. "Dann
belogst du mich. Geh also augenblicklich wieder hin und tue wie ich
dir befahl, sonst geschieht dir ein großes Unglück!" Darüber
erschrak der Famulus so sehr, daß er sich nicht lange besann,
sondern die Phiole nahm und zur Brücke ging. Dort tat er genau das,
wie ihm sein Meister befohlen, denn die große Angst hatte ihn ganz
rechtschaffen gemacht. Mit einem Stein zerschlug er die Phiole, und
die Tinktur rann in die Salzach. In demselben Augenblick schimmerte
die ganze Oberfläche des Flusses wie gediegenes Gold, und der
Famulus sah mit Schrecken, welch herben Verlust er erlitten, denn
das Elixier hatte die geheime Kraft, alles in Gold zu verwandeln.
Er raufte sich verzweifelt das Haar, aber was halfs, der
Goldschimmer verschwand allmählich von den Wellen, und die
Goldkörner sanken zu Boden. In der Hoffnung, noch so eine kostbare
Phiole zu finden, rannte er heim. Als er in die Krankenstube trat,
mit kreideweißem Gesicht, merkte Theophrastus gleich, daß sein
Diener die Falschheit eingebüßt habe und fing derb an zu lachen.
"Herr, Herr!" schrie der Famulus und wollte Auskunft, aber der
Meister sprach: "Ich sagte dir, es wäre dir ein Unglück, die
geheime Kraft der Tinktur zu kennen; jawohl, ein Unglück wär's,
wüßt' ich sie in einer Hand wie die deine ist!" Aber der Famulus
faßte sich rasch und erwiderte heuchlerisch: "Herr, ich bekenne
reumütig meine Unwürdigkeit; doch wer ist würdig auf Erden? Darum,
wenn ihr noch mehrere solcher Phiolen habt, so sagt mir, welche es
sind, damit ich hingehe und sie alle vertilge." - "Es war die
einzige, du Narr", sprach der Meister, "glaubst du, man braut ein
Goldelixier eimerweis?" Und er lachte wieder laut über der Welt
Torheit und lachte in einem fort, bis ihm der Atem ausging. Er
wurde stattlich begraben, wie es sich für einen in geheimen
Wissenschaften so tief gelehrten Mann geziemt. Die Salzach aber
führt seit jener Begebenheit Gold im Sande... |