e>Die Ohrenbrücker
Oben in der Edelgasse und unmittelbar dabei
hatten Adelsfamilien wie die Grafen von Ingelheim, die Herren von
Horneck, von Buseck, von Rodenstein, von Wallbrunn, von Sponheim,
von Saulheim und andere mehr ihre Höfe. Die Höfe brauchten
Personal. Also siedelte man es „über der Bach“ an, und
das noch vor dem Bau der Ringmauer. So könnte die Ohrenbrücke als
untere Verlängerung der Edelgasse jenseits der Selz entstanden
sein. Die kleinen Häuschen der Geringsten standen später also
außerhalb der Mauer und die Menschen, die darin wohnten, außerhalb
der Gesellschaft. Und wenn fremden Fahrensleuten die Tore der
Ringmauer verschlossen blieben, dann fanden sie immer noch Aufnahme
in den dürftigen Herbergen „vor der Ohrenbrücke“. Und
Spielleute, Gaukler, Händler und anderes fahrendes Volk
hinterließen im Verlauf der Jahrhunderte hier unverkennbare Spuren
in Form von Nachkommen. Drei Zigeunersippen hatten hier über viele
Generationen hinweg ihr Standquartier. In der NS-Zeit wurden
Mitglieder dieser Sippen in KZs gebracht.
Stets waren hier auch einige Kleinbürgerfamilien
ansässig. Im 16. Jahrhundert wohnte der Junker Haberkorn mit seiner
Familie hier. Mittelpunkt der Ohrenbrücke war jahrhundertelang der
Röhren-Laufbrunnen. Viele noch heute lebende Bewohner konnten hier
an den Abenden das starke Arbeitspferd des Landwirts Karl Kopp und
die kleinen Zigeunerpferde der Ohrenbrücker Landfahrer beim Tränken
erleben. Frauen und Mädchen kamen mit Eimern und Kannen zum Brunnen
und verweilten hier zu einem Schwätzchen. Am Brunnen war das
– wie man heute sagen würde – Kommunikationszentrum der
Ohrenbrückbewohner.
Mitte der 1920er Jahre platzte die Ohrenbrücke
aus allen Nähten. Einige weitere wohnsitzlose Familien hatten sich
dazwischengedrängt und auch der Wandertrieb in den Frühjahrsmonaten
brachte keine spürbare Entlastung mehr. Da sah sich der
Ober-Ingelheimer Bürgermeister Wilhelm Bauer zu einer
außergewöhnlichen Maßnahme veranlasst. Die „Ingelheimer
Zeitung“ berichtet darüber: „Notwohnungen.
Ober-Ingelheim, 2. September 1926. Die Gemeinde Ober-Ingelheim hat
bei der Direktion der Reichseisenbahn 3 Eisenbahnwagen für
Wohnzwecke bestellt“. Und aus dem entsprechenden
Ratsprotokoll gehr hervor, dass diese Wagen als Behelfswohnungen
für 3 kinderreiche Familien bestimmt waren. Die Wagen wurden noch
im Herbst 1926 zwischen dem Ohrenbrücker Tor und der Selzbrücke auf
vorbereitete Sockel gestellt und an die Strom- und Wasserversorgung
angeschlossen. Ein dreigeteiltes Freiluft-Plumpsklo war auf der
Rückseite gezimmert worden. Rund 30 Menschen wohnten hier in
äußerst primitiven Verhältnissen bis etwa 1938.
Da die Ohrenbrücker in Ingelheim sehr bekannt
sind, dachte ich mir ich zeig mal die schöne Seite dieser
Gegend.