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Neue Kriegerehrenstätte in
Uttenhofen
Einweihung am morgigen Totensonntag - Das einzige Baudenkmal
des Dorfes
1965
Uttenhofen hat
heute keine Kirche mehr. Ehemals war jedoch ein Gotteshaus
vorhanden, größer und reicher gegliedert als die Kirche zu Tullau.
Denn sie besaß einen 3,7 m breiten und 4,6 m langen Chor, ein
Netzgewölbe mit dem Haller Wappen und ein einschiffiges Lagerhaus.
Insgesamt waren wahrscheinlich drei Altäre aufgestellt. Nur der
Chor ist noch vorhanden und hält als Kriegerdenkmal nun einen neuen
Inhalt. Das ist die einzige Ehrenstätte im Kreis Schwäbisch Hall,
die in einem Bauwerk untergebracht ist und über einen
geschichtlichen Hintergrund verfügt.
Das ehemalige Langhaus ragte in die Straße hinein. Der Brand von
1572, der 41 Häuser verzehrte, hat es nicht zerstört, denn auf dem
Dorfbild von 1703 ist noch die ganze Kirche zu sehen. Ein
Dachreiter ragte aus dem Chordach, er muß also aus Holz gewesen
sein. Gradmann berichtet noch von einem zweiten Dorfbrand, der sich
1741 ereignete. Vielleicht ging damals das Lagerhaus zugrunde.
Jedenfalls zeigt es der Dorfgrundriß von 1827 nicht mehr. Die
Kapelle war eine Filiale von Westheim, besaß also keinen eigenen
Pfarrer.
Die ehemalige Kirche entstand 1516, also nur wenige Jahre von der
Reformation. Gottlob ist die Platte, die die Grundsteinlegung
meldet, noch vorhanden. Bisher im südlichen Nachbarhaus
eingemauert, wurde sie nun an die westliche Außenseite des Chores
verbracht. Ihr Text lautet:
"Anno dni, M . d. X . VI . am pfingst motag ist gelegt der erst
stein in des heilig kunig sigmun er."
(= Anno Domini 1516 am Pfingst-Montag ist gelegt worden der erste
Stein zu Ehren des heiligen Königs Sigismund.) Gradmann lässt den
Bau schon um 1400 errichtet sein, um 1500 sei nur das Chrogewölbe
eingesetzt worden. Nach dem Wortlaut der Inschrifttafel ist jedoch
die Sigismund-Kapelle als völliger Neubau 1516 entstanden. 1519
dürfte sie fertiggestellt gewesen sein, da vier Messen gestiftet
wurden.
Einsiedeln, Prag und Freising
Zu Ende des 15. Jahrhunderts errichte die Verehrung der Heiligen
und ihrer Reliquien den Höhepunkt. Man versprach sich von ihrem
Kult die Behebung der Nöte des Leibes und der Seele. Die
wundertätige Kraft der Heiligen unterlag jedoch Schwankungen, so
daß oft neue Gestalten die alten verdrängten. Der heilige Sigismund
war 516 bis 523 König der Burgunder. Er trat mit seinem Volk vom
Arianertum zum Katholizismus über, ließ jedoch seinen Sohn erwürgen
und tat für diese Untat schwere Buße. 523 von den Franken besiegt,
ward er in einem Brunnen etränkt. Wann man den Burgunderkönig
heilig sprach, wissen wir nicht. Er wurde gegen Sumpffieber und
Bruchleiden angerufen. Schon im 11. Jahrhundert verehrte man sein
Haupt im Kloster Einsiedeln in der Schweiz. Kaiser Karl IV. ließ
1354 seine Gebeine im Veitsdom zu Prag beisetzen und schenkte
einige Stücke davon dem Dom zu Freising. Einsiedeln, Prag und
Freising – weit entfernt von Uttenhofen – wurden zu
Mittelpunkten der Verehrung Sigismunds, den die Kunst mit Krone
Zepter und Schwert darstellt.
Wie kam der heilige Sigismund nach
Uttenhofen?
Es ist schwer zu sagen, auf welche Weise der heilige Sigismund
ausgerechnet nach Uttenhofen kam. In Schwäbisch Hall und in seinem
Reichsstadtgebiet hatte er nirgends eine Andachtsstätte, weder eine
Kapelle noch ein Altar. Jedoch wird 1156 ein Sigismund-Partikel im
Reliquienschatz von St. Michael aufgeführt. Doch ist daraus kein
Sigismund-Kult erwachsen. Der Heilige taucht zu Stöckenburg 1435 in
einem Glasbild auf. Der Vorname Sigismund ist in Hall sehr selten.
Man kann an den Stadtboten, Schuster und Meistersinger Sigismund
Weinbrenner denken, der 1472 die Wallfahrt zum Einkorn
herbeiführte. In ganz Württemberg sind nur in Oberspitalbach (das
einst zu Flügelau gehörte), Rottweil, Mühlhausen am Neckar (wo
starke Zusammenhänge mit Böhmen bestehen), Biberach, Dachenhausen
und Ulm Erinnerungen an Sigismund vorhanden, doch stets ist er
Nebenpatron, nie alleiniger Heiliger mit eigenem Gotteshaus.
Uttenhofen ist schon ein Unikum.
Ob der deutsche Kaiser Sigismund, der 1410 bis 1437 regierte, die
Ursache eines neuen Sigismund-Kultes gewesen ist? Er bewog Papst
Johann XXIII. Zur Einberufung des Konstanzer Konzils, das 1415
Johannes Hus und 1416 Hieronymus Faulfleisch von Prag verbrannte.
Als Huldigung für des Kaisers Namenspatron kann das Stöckenburger
Bilder aufgefaßt werden. Aber diese Verehrung des heiligen
Sigismund muß kurz und ohne Tiefgang gewesen sein. Und warum
erfolgte sie nur durch das Uttenhofer Gotteshaus und erst spät im
Jahre 1516? Gewiß war um 1360 böhmische Einwirkungen im Haller Raum
am Werk. Wir denken nicht nur an die normalen Beziehungen zwischen
dem luxemburgischen Kaiserhaus und der Reichsstadt, sondern auch an
die Burg Bilriet im Bühlertal, die 1350 böhmisches Lehen wurde. Der
Haller Stadtritter Rüdiger Lamparter von Ramsbach hielt sich um
1350 am Kaiserhof zu Prag auf. In Böhmen war Sigismund um diese
Zeit eine Art zweiter Landesheiliger.
Nimmt man an, daß
damals eine Uttenhofer Kapelle als Vorläuferin der heutigen
entstanden sei, dann wäre dieser Bau schon nach 150 Jahren wieder
niedergelegt worden, was kaum glaubhaft ist. Jedenfalls verschafft
das schlecht erklärbare und sehr seltene Auftauchen des
burgundischen Königs der Uttenhofer Kapelle eine erhöhte Bedeutung
und stellt sie in größere Zusammenhänge.
Die
neuen Ehrenstätte Zwei Seiten des Chores besitzen
Spitzbogenfenster, die nun schöne Glasgemälde (von Hans Klein,
Stuttgart) erhielten. Der alte, spitzbogige Triumphbogen, der
einstmals Chor und Langhaus trennte, ist heute Eingang zur
Ehrenstätte (mit einem Gitter von Emil Schmidt, Schwäbisch Hall).
In der Nordwand sitzt eine Sakramentsnische, deren obere
Abschlußleiste noch zu sehen ist, und eine Türe zur verschwundenen
Sakristei. Der entfernte Altar wurde wiederaufgestellt als
Kranzablage. An den Nord- und Südwänden sind die Gefallentafeln
(von Karl Nefzer und Otto Kübler, beide Schwäbisch Hall)
eingemauert. Die Westwand, die bisher nur bis zur Dachrinne des
Chores reichte, erhielt einen neuen Giebel mit einem Fenster (von
Oskar Götz, Uttenhofen). Aus dem steilen, gotischen Dach wächst ein
Glockentürmchen (von G. Saffrich und Albert Reichert, beide
Schwäbisch Hall). Die alte Glocke trug die Inschrift: „In
Gottes Namen gos mich Johann Georg Rohr in Heilbronn, 1710.
Uttenhofen.“ Sie wurde im letzten Kriege eingeschmolzen. 1956
hängte man eine neue Glocke auf mit der Inschrift: „Den Toten
zum Gedächnis, den Lebenden zur Mahnung“. Die Wirkung des
Gefallenenzeichens beruht nur auf einfachen klaren Bauformen.
Nach langen
Bemühungen des Unterzeichneten konnte die Kirchenruine – sie
diente früher sogar als Arrest für Landstreicher – einem
erhöhten Zweck zugeführt werden. Das ist nun das einzige Baudenkmal
des Dorfes Uttenhofen. Sollte man nicht auch bald das verlotterte
und doch so reizvolle Allerheiligen-Kirchlein in Unterscheffach
– es ist sogar romantisch – in Ordnung bringen nach dem
Vorbild Uttenhofens? Eduart
Krüger
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