
Ich war den
ganzen Tag lang geritten, durch eine eigentümlich öde und traurige
Gegend, auf die erdrückend schwer die Wolken herabhingen. Da
endlich, als die Schatten des Abends herniedersanken, sah ich das
Stammschloß der Usher vor mir.Ich betrachtete das Bild vor mir –
das einsame Gebäude in seiner einförmigen Umgebung, die kahlen
Mauern, die toten, wie leere Augenhöhlen starrenden Fenster, die
paar Büschel dürrer Binsen, die weißschimmernden Stümpfe
abgestorbener Bäume.
Nichtsdestoweniger beschloß ich, in diesem schwermutvollen Hause
einen Aufenthalt von mehreren Wochen zu nehmen. Sein Eigentümer,
Roderick Usher, war einer meiner liebsten Jugendfreunde gewesen,
doch seit unserer letzten Begegnung waren viele Jahre
dahingegangen.
Da hatte mich jüngst bei meinem Aufenthalt in einem entlegenen Teil
des Landes ein Brief erreicht – ein Brief von ihm –, dessen seltsam
ungestümer Charakter keine andere als eine persönliche und
mündliche Beantwortung zuließ. Das Schreiben zeugte entschieden von
nervöser Aufregung. Der Verfasser sprach von einer heftigen
körperlichen Erkrankung – von niederdrückender geistiger Zerrüttung
– und von dem innigen Wunsch, mich, der ich sein bester und
tatsächlich sein einziger persönlicher Freund sei,
wiederzusehen.
 Es ist
zweifellos: das Bewußtsein, mit dem ich das Anwachsen meiner
abergläubischen Furcht – denn dies ist der rechte Name für die
Sache – verfolgte, diente nur dazu, diese Furcht selbst zu
steigern.
Diese Dinge bemerkte ich, während ich über einen kurzen Dammweg zum
Hause hinaufritt. Ein wartender Diener nahm mein Pferd, und ich
trat unter den gotisch gewölbten Torbogen der Halle. Ein
Kammerdiener mit leichtem, leisem Schritt führte mich schweigend
durch dunkle und gewundene Gänge bis in das Arbeitszimmer seines
Herrn.
Bei meinem Eintritt erhob sich Usher von einem Sofa, auf dem er
lang ausgestreckt gelegen hatte, und begrüßte mich mit warmer
Lebhaftigkeit, die mir zuerst übertrieben schien – etwa als
gezwungene Liebenswürdigkeit des blasierten Weltmannes. Ein Blick
jedoch auf sein Gesicht überzeugte mich von seiner völligen
Aufrichtigkeit. Wir setzten uns, und da er nicht gleich sprach,
betrachtete ich ihn minutenlang – und wurde von Mitleid und Grauen
ergriffen. Sicherlich, kein Mensch hatte sich je in so kurzer Zeit
so schrecklich verändert wie Roderick Usher! Nur mit Mühe gelang es
mir, die Identität dieser gespenstischen Gestalt da vor mir mit dem
Gefährten meiner Kindheit festzustellen.
So sprach er also von dem Zweck meines Besuches, von seinem
dringenden Verlangen, mich zu sehen, und von dem trostreichen
Einfluß, den er sich von mir erhoffe. Nach einer Weile kam er auf
die Natur seiner Krankheit zu sprechen. Es war, sagte er, ein
ererbtes Familienübel, ein Übel, für das ein Heilmittel zu finden
er verzweifle – nichts weiter als nervöse Angegriffenheit, fügte er
sofort hinzu, die zweifellos bald vorübergehen werde. Sie äußere
sich in einer Menge unnatürlicher
Erregungszustände.
 
Ich sah, daß
er der Furcht, dem Schreck, dem Grauen sklavisch unterworfen war.
»Ich werde zugrunde gehen«, sagte er, »ich muß zugrunde gehen an
dieser beklagenswerten Narrheit. So, so und nicht anders wird mich
der Untergang ereilen! Ich fürchte die Ereignisse der Zukunft –
nicht sie selbst, aber ihre Wirkungen. Ich schaudere bei dem
Gedanken, irgendein ganz geringfügiger Vorfall könne die
unerträgliche Seelenerregung verschlimmern. Ich habe wirklich kein
Entsetzen vor der Gefahr, nur vor ihrer unvermeidlichen Wirkung –
vor dem Schrecken. In diesem entnervten, in diesem bedauernswerten
Zustand fühle ich, daß früher oder später die Zeit kommen wird, da
ich beides, Vernunft und Leben, hingeben muß – verlieren im Kampf
mit dem gräßlichen Phantom: Furcht.«
Schon seit Jahren hatte er sich nicht mehr aus dem Hause
herausgewagt – infolge eines Einflusses, dessen eingebildete
Wirkung er mir in so unbestimmten, schattendunkeln Worten
mitteilte, daß ich sie hier nicht wiedergeben kann. Wie er sagte,
hatten einige Besonderheiten in der Bauart und dem Baumaterial
seines Stammschlosses in dieser langen Leidenszeit auf seinen Geist
Einfluß erlangt – einen Einfluß also, den das Physische der grauen
Mauern und Türme und des trüben Pfuhls, in den sie alle
hinabstarrten, auf seine Psyche ausübte.

Jedoch gab er
zögernd zu, daß die seltsame Schwermut, unter der er leide, einer
natürlicheren, gewissermaßen handgreiflicheren Ursache
zugeschrieben werden könne – nämlich der schweren und langwierigen
Krankheit – ja der offenbar nahen Auflösung – einer zärtlich
geliebten Schwester – der einzigen Gefährtin langer Jahre – der
letzten und einzigen Verwandten auf Erden. Ihr Hinscheiden, sagte
er mit einer Bitterkeit, die ich nie vergessen kann, würde ihn
(ihn, den Hoffnungslosen, Gebrechlichen) als den Letzten des alten
Geschlechtes der Usher zurücklassen.
In den nächsten Tagen wurde ihr Name weder von Usher noch von mir
erwähnt; und während dieser Zeit war ich ernstlich und angestrengt
bemüht, meinen Freund seinem Trübsinn zu entreißen.
Sein Hauptentzücken jedoch bildete das Studium eines sehr seltenen
und seltsamen Buches in gotischem Quartformat – einem Handbuch
einer vergessenen Kirche –, des ›Vigiliae Mortuorum secundum Chorum
Ecclesiae Maguntinae‹.
Ich konnte nicht anders, als an das seltsame Ritual dieses Werkes
und seinen wahrscheinlichen Einfluß auf den Schwermütigen denken,
als er eines Abends, nachdem er mir kurz mitgeteilt hatte, daß Lady
Magdalen nicht mehr sei, seine Absicht äußerte, den Leichnam vor
seiner endgültigen Beerdigung in einer der zahlreichen Grüfte
innerhalb der Grundmauern des Gebäudes aufzubewahren.

Auf Bitten
Ushers half ich ihm bei den Vorkehrungen für die vorläufige
Bestattung.Nachdem der Körper
eingesargt worden war, trugen wir ihn beide ganz allein zu seiner
Ruhestätte. Die Gruft, in der wir ihn beisetzten, war so lange
nicht geöffnet worden, daß unsere Fackeln in der drückenden
Atmosphäre fast erstickten und uns nur wenig gestatteten, Umschau
zu halten.
Wir setzten
den Deckel auf, schraubten ihn fest, und nachdem wir die Eisentüre
wieder verschlossen hatten, nahmen wir mit Mühe unsern Weg hinauf
in die kaum weniger düsteren Räumlichkeiten des oberen
Stockwerkes.
Und jetzt,
nachdem einige Tage bittersten Kummers vergangen waren, trat in der
Geistesverwirrung meines Freundes eine merkliche Änderung ein. Sein
ganzes Wesen wurde ein anderes. Seine gewöhnlichen Beschäftigungen
wurden vernachlässigt oder vergessen. Er schweifte von Zimmer zu
Zimmer mit eiligem, unsicherem und ziellosem Schritt.
Aber als ich
die Hand auf seine Schulter legte, befiel ein heftiges Zittern
seine ganze Gestalt; ein krankes Lächeln zuckte um seinen Mund, und
ich sah, daß er leise hastend und stotternd vor sich hin murmelte,
so, als wisse er nichts von meiner Anwesenheit. Mich tief zu ihm
hinabbeugend, trank ich schließlich den scheußlichen Sinn seiner
Worte ein:
»Es nicht
hören? – Oh, ich höre es wohl und habe es gehört. Lange – lange –
lange – viele Minuten, viele Stunden, viele Tage habe ich es gehört
– aber ich wagte nicht – oh, bedaure mich – elender Schurke, der
ich bin! – Ich wagte nicht, ich wagte nicht zu reden!
Wir haben sie lebendig ins Grab
gelegt!

Sagte ich
nicht, meine Sinne seien scharf? Ich sage dir jetzt, daß ich ihre
ersten schwachen Bewegungen im dumpfen Sarge hörte. Ich hörte sie –
vor vielen, vielen Tagen schon – dennoch wagte ich nicht – ich
wagte nicht zu reden!
Als läge in der übermenschlichen Kraft dieses Ausrufes die Macht
eines Zaubers – so rissen jetzt die riesigen alten Türflügel, auf
die der Sprecher hinzeigte, ihre gewaltigen ebenholzenen Kinnladen
auf. Es war das Werk des rasenden Sturmes – aber siehe – draußen
vor der Türe stand leibhaftig die hohe, ins Leichentuch gehüllte
Gestalt der Lady Magdalen Usher. Es war Blut auf ihrer weißen
Gewandung, und die Spuren eines erbitterten Kampfes waren überall
an ihrem abgezehrten Körper zu erkennen. Einen Augenblick blieb sie
zitternd und taumelnd auf der Schwelle stehen – dann fiel sie mit
einem leisen schmerzlichen Aufschrei ins Zimmer auf den Körper
ihres Bruders – und in ihrem heftigen und nun endgültigen
Todeskampf riss sie ihn tot zu Boden – ein Opfer der Schrecken, die
er vorausempfunden hatte.
Wie verfolgt entfloh ich aus diesem Gemach und diesem Hause.
Draußen tobte das Unwetter in unverminderter Heftigkeit, als ich
den alten Teichdamm kreuzte. Plötzlich schoss ein unheimliches
Licht quer über den Pfad, und ich blickte zurück, um zu sehen,
woher ein so ungewöhnlicher Glanz kommen könne, denn hinter mir
lagen allein das weite Schloss und seine Schatten. Der Strahl war
Mondglanz, und der volle, untergehende, blutrote Mond schien jetzt
hell durch den einst kaum wahrnehmbaren Riss der vom Dach des
Hauses im Zickzack bis zum Erdboden lief. Während ich hinstarrte,
erweiterte sich dieser Riss mit unheimlicher Schnelligkeit; ein
wütender Stoß des Wirbelsturms kam; das volle Rund des Mondes wurde
in dem breit aufgerissenen Spalt sichtbar; mein Geist wankte, als
ich jetzt die gewaltigen Mauern auseinanderbersten sah; es folgte
ein langes tosendes Krachen wie das Getöse von tausend
Wasserfällen, und der tiefe und schwarze Teich zu meinen Füßen
schloss sich finster und schweigend über den Trümmern des Hauses
Usher.
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