Im Jahre des Herrn 1452 gebar Magda zu Heynebach ihrem Gemahl Wilfryd einen Sohn, der fortan auf den Namen Till hören sollte. Über seine Kindheit im beschaulichen Nordhessen ist nichts näher bekannt, die Quellen berichten erst wieder über ihn, als er das heimische Gut verließ, um Richtung Küste zu ziehen.
Von einer frischen Brise getragen erreichte er im Jahre 1470 die Gemarkung Emden, wo er, inzwischen völlig mittellos, als Smutje auf einem Handelsschiff anheuerte. In einem bis heute erhaltenen Brief an seine Eltern beschrieb er die Seefahrerromantik, wenn die Sonne über dem leicht gekräuselten Meer untergeht und die Nacht das Schiff umfasst.
Eines Nachts hatte Till Steuerwache und wollte grad seine Ablösung wecken, als aus dem Krähennest der Ruf „Schiff voraus“ ertönte. Er stutzte. Wie konnte sich ihnen ein Schiff nähern? Sie hatten Anker geworfen, da Windstille herrschte und die Segel schlaff am Mast hingen, also wäre auch für andere Schiffe keine Fahrt möglich. Es war kein Nebel auf dem Wasser, der es hätte bisher verbergen können. Trotzdem näherte sich das andere Schiff schnell. Till stürzte zur Reeling vor und blieb dort schreckstarr stehen, denn nun konnte er Einzelheiten des rasch größer werdenden Seglers erkennen. Er sah Menschen an Deck, er sah geblähte Segel, er sah … eine schwarze Flagge am Mast. PIRATEN! Nun konnte er auch den Wind im Gesicht spüren, der das Piratenschiff wie von Geisterhand vorantrieb. Er war immer noch starr vor Schreck und nicht in der Lage Alarm zu schlagen. Das war auch nicht nötig, denn aus dem Krähennest schrie der Ausguck schon ohne Punkt und Komma.
Als die durch die Schreie aus dem Schlummer gerissene Mannschaft an Deck stürzte, hatten die Seeräuber ihr Schiff schon geentert. Wie ein steifer Wind schlugen ihnen die Kommandos der Fremden entgegen: „Waffen weg! Ladungsmeister herbei! Alle anderen hinlegen!“ Das Deck roch nach Salzwasser und Moder, als Till auf dem Bauch liegend seine Nase darauf drückte. „Hoffentlich begnügen sie sich mit der Ladung und lassen uns am Leben“ dachte er. Eine frische Brise kam auf und wehte die Stimmen der Piraten, die nun mit dem Beutemachen beschäftigt waren, auf die See hinaus.
Till blickte auf die glasige Oberfläche der nassen Planken und war in Gedanken um seine Familie und was er eigentlich hier mache verloren, als eine Hand ihn grob an der Schulter packte. „Und Du kommst auch mit.“ Die Hand riss ihn auf die Beine und er schaute in ein verwittertes Gesicht mit einem verfilzten Bart. Unterhalb einer mächtigen Nase war ein Loch in dem Bart, in dem wohl vor langer Zeit einmal Zähne wohnten, aus dem sich nun neben den eben gehörten Worten ein Gestank ergoss, der Till seinerseits den Atem raubte.
Ehe Till begriff, was mit ihm geschied, segelte er an Bord des Piratenschiffs schon gen Osten. Die Seeräuber, die ihn entführt hatten, waren, wie er feststellte, gar keine so schlechten Kerle, auch wenn sie ein wenig streng rochen. Till gefiel die Freiheit, die dieses Leben mit sich brachte. War es doch das, weshalb er seine Heimat und seine Familie verlassen hatte. Und der Blick auf eine spiegelglatte See bei Sonnenaufgang war das Schönste, das er sich vorstellen konnte.
Jahre später war Till zum ersten Offizier der Piratenmeute aufgestiegen, das heißt, dass er die alte Pferdepeitsche für den Käpt’n bedienen durfte. Daher hatte er dann auch seinen Spitznamen „Pferderiemen Till“ bekommen. So saß er an Bord der „Schwarzen Perle“, so hieß das Schiff, und sah zu, wie der Rauch seiner Pfeife senkrecht empor stieg. Plötzlich hörte er das Splittern von Holz, als wenn große Äste brechen würden. Und sofort danach dröhnte ihm Kanonendonner entgegen. Sie hatten nahe einer Insel geankert und nicht bemerkt, dass in einer Bucht Kommodore Nottington mit seinem Schiff, der Indazepter, gelegen hatte. Grad wollte Käpt’n Barbarossa auf den Angriff reagieren, als ihn eine Kugel tödlich ins Sternum traf. Till war nun der Kommandant der „Schwarze Perle“ und obwohl nur eine schwache Brise herrschte gelang es ihm, unter Erwiderung des Feuers mit seinem Schiff aus der Schussreichweite der „Indazepter“ zu gelangen. Dieser Sturm, der dort über sie hereinbrach, zeigte Till seine Sehnsucht nach der Heimat auf. Er hatte viel erlebt, seine Freiheit genossen und auch nebenbei das eine oder andere Goldstück verdient, aber nun war der Punkt gekommen, nach Hause zurück zu kehren.
Zunächst lief die „Schwarze Perle“ Tutuga an, die alte Stadt der Sünde, wo Till mit der Mannschaft das Überleben und den Abschied feierte. Als er am nächsten Morgen erwachte, hatte er überall weiße Schaumflecken auf der Hose und hoffte, dass es Bier sei.
So kehrte er schließlich nach Heynebach zurück. Doch bis zu seinem Lebensende verspürte er immer, wenn er den Wind im Gesicht spürte, eine tiefe Sehnsucht nach den hohen Wellen und der verwehten Gischt der See…
Wo der Schatz von Pferderiemen Till geblieben ist? Dieses Geheimnis hat Till wohl mit ins Grab genommen. Hinter vorgehaltener Hand, wenn es niemand hört, wird jedoch gemunkelt, dass er einen Hinweis auf das Versteck hinterlassen hat. Der Hinweis sei metallisch und zwei Fuß tief verborgen, so dass es keinem Unwürdigen bislang gelungen sei, sich diesen zu angeln. Aber das sind nur Gerüchte…
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