1.
Januar - Die 9.
Rauhnacht
Die sieben
Hexen
Es war einmal ein Fischer.
Jeden Morgen wunderte er sich aufs neue darüber, daß sein Boot naß
geworden war, geradeso, als habe sich jemand seiner während der
Nacht bedient. Um zu erfahren, was es damit auf sich habe,
versteckte er sich eines Nachts hinter einer Düne, unweit der
Stelle, an der sein Boot lag. Als es Mitternacht schlug, hörte er
auf einmal Stimmen und Gelächter. Er riß seine Augen weit auf und
gewahrte einer Schar von Frauen. Sie trugen lange Kleider, und jede
hatte ein kleines Licht bei sich. Sie stiegen in sein Boot, und er
hörte, wie eine sagte: "Einer für die eins, einer für die zwei,
einer für die drei, einer für die vier, einer für die fünf, einer
für die sechs, einer für die sieben." Beim letzten Wort war das
Boot verschwunden, wie Rauch im Wind.
Am andern Morgen aber lag es wieder an der gleichen Stelle und
wieder war es, wie gewöhnlich, naß geworden. Aber diesmal wußte der
Fischer, woran er sich zu halten hatte.
In der folgenden Nacht wollte er mehr in Erfahrung bringen. Er
hatte keine Ruhe mehr, bevor er nicht wußte, wohin die Frauen die
ganze Nacht über in seinem Boot fuhren und was sie draußen auf dem
Meer verrichteten.
Als es dunkel geworden war, versteckt er sich im Heck seines Bootes
und harrte regungslos aus.
Als es Mitternacht schlug, erschienen die sieben Frauen wieder, und
jede trug ein Licht bei sich. Sie stiegen in das Boot und als alle
Platz genommen hatten, sagte diejenige, die die Schar anzuführen
schien: "Einer für die eins, einer für die zwei, einer für die
drei, einer für die vier, einer für die fünf, einer für die sechs,
einer für die sieben."
Aber das Boot bewegte sich nicht. Es blieb so liegen, wie es lag.
Die Anführerin wandte sich nun an die andern und sprach: " Meine
Schwestern, ist denn eine von euch schwanger?"
Sie antworteten ihr alle mit nein.
Es muß aber eine schwanger sein. Diejenige weiß es selbst nur noch
nicht."
Un dann sprach sie die Worte: "Einer für die eins, einer für die
zwei, einer für die drei, einer für die vier, einer für die fünf,
einer für die sechs, einer für die sieben, einer für die
acht."
Das Boot glitt geräuschlos aufs Wasser und wurde emporgetragen wie
Rauch vom Winde. Es machte an einem unbekannten Ufer halt. Die
Frauen sprangen an den Strand und folgten einem Pfad. Neugierig
schlich der Fischer ihnen nach. Da sah er sie ein Haus betreten,
das sehr verrufen aussah. Man hörte Geschrei und Gejohle, Flüche
und Gelächter. Es war ein Höllenlärm. Männer gingen ein und aus und
erzählten sich gegenseitig allerhand. Aber sie redeten in einer
Sprache, die der Fischer nicht verstand. Es schien ihm, als sei er
in Ägypten. Palmen wuchsen dort. Er schnitt sich einen Palmenzweig
als Beweisstück, daß er alles wirklich erlebt und gesehen hatte,
und eilte zu dem Versteck im Heck seines Bootes.
Die sieben Frauen kamen vor Tagesanbruch zurück. Sie stiegen in das
Boot, und die Anführerin sprach die Formel. Da wurde das Boot
emporgetragen wie Rauch im Winde und es hielt an seinem Platz,
dort, wo es gelegen hatte. Die Frauen verließen das Boot und eilten
dem Dorfe zu. Sie ließen den Fischer zurück, der ganz benommen war
von dem, was er gesehen hatte.
Als er seinen Nachbarn erzählte, daß er in einer einzigen Nacht in
Ägypten gewesen war, wollte ihm keiner glauben. Da zeigte er ihnen
den Palmzweig, den er aus jenem Lande mitgebracht hatte. Die
Nachbarn sagten ihm, daß da Hexerei im Spiel wäre und daß sein Tun
nicht klug gewesen sei.
Der Priester des Dorfes beschwerte sich an jenem Sonntag während
seiner Predigt, daß einige seiner Gläubigen einfach nie die Köpfe
senken wollten im Augenblick der Wandlung, wenn der Geistliche die
Glöckchen erklingen ließ.
Da kam den Fischer eine Idee. Er ging zum Priester und sagte ihm,
daß es in der Gegend Hexen gäbe. Um sie aber zu erkennen, müßte man
nur Salz vor die Kirchentür streuen.
Am folgenden Sonntag warf der Priester Salz vor die Kirchentür und
wartete dort ab, was geschehen würde.
Als die Glocken läuteten, begaben sich auch sieben schöne, junge
Mädchen auf den Weg zur Kirche. Aber als sie schließlich vor die
Kirchentür kamen, blieben sie plötzlich wie angewurzelt stehen. Sie
konnten keinen einzigen Schritt mehr weitergehen.
Der Geistliche hieß sie einzutreten, aber er konnte sagen, was er
wollte, sie konnten nicht über das Salz gehen, was er ausgestreut
hatte.
Auf diese Weise wurden die Hexen entdeckt, die es in jenem Dorfe
gab.
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