
In unserem neuen Fall geht es um den vermissten Hugo S. Klave, der vermutlich der heimischen Geocaching-Szene angehörte. Verschwunden ist er am Sonntag, den 15. Mai 20xx. Wir haben versucht, die letzten Stunden so gut wie möglich zu rekonstruieren.
Sonntag, 15. Mai, 16:09 Uhr und 45 Sekunden
sssSSSSSSSsssss__ _sssSSSSSSssssSSSSSsssSSSSSsss_ _sssSSSSSS sssssSSSSSssss SSSSSSSSSSSSSSS_____SSSSS_S____PATSCH!!!!!!!
„Ha! Erwischt! Das Mistvieh ist hin!“
Sonntag, 15.Mai, 16:09 Uhr und 50 Sekunden
„Herrgottnochmalverdammt!“ Hugo sitzt vor seinem Schreibtisch und flucht, den Blick auf die Tastatur seines Laptops gerichtet, wo gerade die frisch pürierte Riesenstubenfliege zwischen die Buchstaben sickert. Der Tag hatte schlecht begonnen und dieses Niveau nicht mal gehalten. Seit Stunden schon brütet er über dieses dämliche Geocaching-Mystery doch die Nervenbahnen im Hirn wollen einfach nicht zünden.
Sonntag, 15. Mai, 16:11 Uhr
Plötzliche Stille. Die CD ist zu Ende. Nach diesem Ärger muss jetzt etwas wahrhaft Anbetungswürdiges aufgelegt werden. Für solche Momente gibt es Genesis: Zu den ersten Takten der Carpet Crawlers kniet Hugo quasikatholisch vor seiner Anlage, erhebt sich dann andächtig und begibt sich zurück an den Schreibtisch.
Sonntag, 15. Mai, 16:16 Uhr
„Jesuschristussoeinmistschonwieder!“ Aus den Boxen hört man statt seines Sängererzengels nur ein stakkatohaftes Spotzen. Etwas vom Fliegenmatsch muss er von seiner Hand auf die CD geschmiert haben und das wird jetzt vom Laser diddiddiddiddidd mit der Oberfläche verschmolzen. Schluss damit, aus!
Sonntag, 15. Mai, 16:19 Uhr
Das Mobiltelefon ruft: „Hallo nimm mich jetzt!“, rückt aber dank Vibrationsalarm gute 0,5 cm auf der Tischplatte von ihm weg, als ob es flüchten wollte. Hmm, eine SMS von der Gemahlin: „Hallo Hugo! Vielleicht hast Du bemerkt, dass ich heute Nacht nicht in unserem Bett geschlafen habe. Ich habe jemanden kennengelernt, der Dir in vielen Belangen überlegen ist. Und ja, auch darin! So! Ich komme nachher vorbei und hole meine wichtigsten Sachen ab. Sei tapfer!“
Sonntag, 15. Mai, 16:25 Uhr
Gelinde gesagt: Das scheint kein guter Tag für Hugo zu werden. Er braucht jetzt ein Ventil. RACHE! Er muss diese Demütigung kompensieren… aber sie ist nicht da. Was tun? Ihr etwas wegnehmen, etwas stehlen, was ihr wirklich wichtig ist. Aber was nur? Schuhe! Das ist es! Ihre verdammten dutzendfach herumstehenden Schuhe. Die wird er spontan im Second Hand Shop am Stadtmittenrand billig verhökern.
Sonntag, 15. Mai, 16:27 Uhr
Hugos Resthaaransatz kitzelt als er in die Fußbekleidungssammlung greift. Beim Zusammendrücken der Stiefel pustet es ihm würzig ins Gesicht – atemberaubend, aber jetzt keine falschen Gedanken denken. Hmmm, wenn seine Frau kommt, während er fort ist… Er legt einen Zettel bereit: „Ich habe Deine SMS noch nicht gelesen! Bin mit einem Freund zum Cachen losgezogen. Komme später wieder. Suchst Du was? Mach dir keine Sorgen. Hugo“. So, das wird sie täuschen, denkt er sich und verlässt die Wohnung.
Sonntag, 15. Mai, 17:30 Uhr
Endlich! Ein leises Poltern! Es regt sich doch was. Dreimal hatte er bereits geläutet und jeweils ein Anstandsminütchen gewartet. Jetzt öffnet sich die Eingangstür zu ‚Rita’s Zweite Hand’. „Ja – was?“ mault es ihm entgegen. Ein sichtlich genervter Durchtrainierter mit Schweißglanz auf der Stirn steht vor ihm. „Äh, die Schuhe wollte ich…“ Weiter kommt er nicht, denn von hinten nähert sich jetzt Rita, ein so scharfer Anblick, dass Hugo seinen wohlgemeinten Hinweis zum Deppenapostroph im Ladennamen sofort trocken runterschluckt.
Sonntag, 15. Mai, 17:31 Uhr
„…verticken? Am Sonntag? Spinnst Du?“ Hugo, noch immer sprachlos, öffnet wortlos den Sack. „Das sind ja lauter Frauenschuhe! Sieh mal Rita, ganz feine Dinger dabei. Ich glaube, da müssen wir wohl eine Ausnahme machen und unseren kleinen Laden mal kurz öffnen – was? Merkt ja eh keiner.“
Sonntag, 15. Mai, 17:45 Uhr
Drinnen machen sich die beiden über die Beute her. Wenn Hugo sich nicht täuscht, wird wohl aus dem einen oder anderen Second-hand-Artikel demnächst Third-foot-Ware. Nebenbei streift er ein wenig durch den engen Laden. Versteckt hinter einem kleinen Karton sieht er die Hülle eines jener anspruchsvollen Filme, die er sich nie zu kaufen wagte, da er sich mit seiner Nunmehr-Ex nie über die Interpretation einig werden konnte. Dezent lässt er diesen in seine Jackentasche gleiten. Beim Preis für den Schuhhaufen wird man sich schnell einig, das war eh nebensächlich.
Sonntag, 15. Mai, 18:15 Uhr
„Oh nein – wie gottverdammtbescheuert bin ich denn? Jetzt hab’ ich in der Aufregung mein GPS-Gerät in dem Laden vergessen.“ Hugo sitzt im Auto, flucht und wendet. Ohne sein Garmin kann er unmöglich existieren, so viel ist sicher.
Sonntag, 15. Mai, 18:30 Uhr
Wieder steht Hugo vor dem Laden. Diesmal ist es Rita, die die Tür öffnet. Das bringt unseren Protagonisten wohl endgültig aus der Fassung oder die zurückliegende heimische Dürreperiode zusammen mit der vor ihm stehenden optischen Herausforderung löst einige Freud‘sche Fehlverdrahtungen aus. Jedenfalls sagt er etwas, das dem im Hintergrund wartenden Sportsmann offensichtlich nicht egal ist.
Sonntag, 15. Mai, 18:35 Uhr
Und zu Hugos heutigem Glückstag passt es irgendwie, dass der Typ von Beruf Rausschmeißer in der hiesigen Disco ist und noch einmal vergisst, dass er heute eigentlich nicht arbeiten wollte…
Was dann geschieht, ist bis heute unklar geblieben. Hugo ist seitdem verschwunden, die Polizei steht vor einem Rätsel. Wenn Sie sachdienliche Hinweise zu einem eventuellen Verbrechen oder zum aktuellen Aufenthaltsort von Hugo haben, finden Sie unsere Kontaktdaten im Internet oder Sie schreiben einfach einen freundlichen Log.
Und nun zum nächsten Fall…
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