Es war im Jahr 1890. Der Herbst zeigte sich von seiner freundlichsten Seite. Da verbreitete sich in Ottenhain hartnäckig ein Gerücht, das nicht verstummen wollte und immer neue Nahrung erhielt: Ottenhain soll Bahnanschluss erhalten.
Zur Kirmes war es erstmalig aufgetaucht. Ein Fremder wollte wissen, dass im Land Sachsen eine umfangreiche Erweiterung des Eisenbahnnetzes geplant und die Linie Löbau-Bernstadt über Ottenhain eine beschlossene Sache sei. Als gar ein Gemeindevertreter in Löbau vorstellig wurde und eine nichts sagende Antwort erhielt, weil der Beamte auch nicht wusste, nahm man das Gerücht als volle Gewissheit. Natürlich wussten auch die Niedercunnersdorfer, was man in Ottenhain erhoffte.
Der Winter ging vorüber. Der Schnee taute ab. Und mit den warmen Sonnenstrahlen war auch der Bahnbau wieder in aller Munde.
An einem Montagmorgen im April des Jahres 1891 sperrten die Niederottenhainer Augen und Ohren auf. Drei vornehme Fremde im Frack mit "Schießelpinke", weißem Hemd und Vatermörder und dem Zylinder auf dem Kopfe waren, mit einer Droschke aus Löbau kommend, in Niederottenhain eingetroffen. Ohne sich zu verweilen, begannen sie mit langen Stangen, wie sie Landvermesser benutzten, Gelände zu vermessen und abzustecken. Die staundenden Einwohner blieben zunächst in respektvoller Entfernung, um den Oberbaurat, den Baurat und den Verwaltungsinspektor, wie sich die Mitglieder der "Königlich-Sächsischen Landvermessungskommission" bezeichneten, nicht bei der Arbeit zu stören.
Wie ein Lauffeuer durcheilte die Kunde ganz Ottenhain. Immer mehr Einwohner fanden sich ein, um das erhoffte Schauspiel zu genießen. Eifrig wurde diskutiert. Bald wußten die Ottenhainer mehr über den Bahnbau als die Mitglieder der Kommission.
Schließlich sah sich der Oberbaurat genötigt, das Wort zu ergreifen. Im echten Dresdner Sächsisch bat er die Einwohner, sich nicht zu beunruhigen und zu streiten. Was er hier tue, sei zunächst die Grobplanung. Die Feinprojektierung erfolge erst in einigen Wochen. Wer besondere Wünsche habe, müsse die jedoch schon heute vorbringen. Und zwar dann, wenn die Kommission bzw. der geplante Schienenstrang sein Grundstück berühre.
Der Appell verfehlte nicht seine Wirkung. Die Einwohner gingen bis auf ein paar neugierige Jungen wieder nach Hause. Nur der Gemeindevorstand wunderte sich, dass man ihn nicht von behördlicher Seite von dem Bauvorhaben verständigt habe. Der Oberbaurat wunderte sich auch. Eine Zigarre mit Bauchbinde beruhigte schließlich das Gemeindeoberhaupt.
Inzwischen erfuhren die übrigen Mitglieder der Kommission die Wünsche der Niederottenhainer Einwohner, denn man war mit dem Abstecken der Strecke rüstig vorangekommen. Die Zusicherung, die Regierung wäre nicht stur und Abweichungen von der ursprünglichen Streckenführung wären möglich, hatte die Einwohner mutig gemacht. Der eine bat, seinde Feldscheune stehen zu lassen. Der nächste hoffte, der Bahnstrang könne um seine Scheune herum gelegt werden. Der dritte sorgte sich um seinen Obstgarten, und auch die Blumengärten sollten geschont werden, wünschten einige andere. Wenn auch die Strecke dadurch ein recht kurvenreiches Aussehen erhielt, die Kommission ließ mit sich reden. Vor allem, wenn die Bittsteller einsahen, dass dir Verlegung mit Unkosten verbunden sei und entsprechende Zuwendungen leistetetn. Bis zum Abend betrug die gezahlte Summe 600 Mark, wie der Oberbaurat mit Genugtuung feststellen konnte.
Mit Einbruch der Dunkelheit packte die Vermessungskommission ihre Gerätschaften zusammen. Vom Gemeindevorstand verabschiedete sich der Oberbaurat mit dem Ausdruck des Bedauerns, da seine Kommission einen anderen Auftrag erhalten habe und zunächst die Arbeit nicht weiterführen könne. Dann entschwand sie auf Nimmerwiedersehen.
Die Ottenhainer warteten geduldig. Als sich gar nichts regte, fragte der Rittergutsbesitzer in Dresden nach. Dort bog man sich vor Lachen und glaubte an einen Aprilscherz. Von einer Kommission wußte man nichts. Die Geprellten verlangten eine Bestrafung der Übeltäter.
Vielleicht wäre nie heraus gekommen, wer die drei waren, wäre nicht einer der drei unvorsichtig gewesen. Neugierig auf die Wirkung ihrer Aktion besuchte er die Ottenhainer "Brauerei", trank ein wenig zu viel und führte leichtfertige Reden. Wenig später saßen die drei Niedercunnersdorfer Burschen hinter Gittern.