Jetzt ist es passiert!
Der Habermair Sepp *), seines Zeichens Lokalbahn-Oberstreckenwärter, sollte heut' in der Früh' auf der Haltestelle Thonhausen wieder einmal nach dem Rechten sehen.
Nicht, dass in der Nacht bei der Betriebsruhe noch jemand das Gleis gestohlen hat...
Ja, und jetzt ist es passiert! Genau das ist passiert!
Verwundert reibt sich der Sepp die Augen. Wo gestern noch wie schon seit dem Jahr 1909 die Haltestelle Thonhausen lag, mit ihren zwei Weichen, dem Ladegleis und dem Unterstand am kurzen Bahnsteig, dort an der "Bockerlbahn" im Kilometer 10,7 auf dem Abschnitt Langenbach-Enzelhausen, kurz vor dem steilsten Streckenstück hinauf nach Attenkirchen, dort war heute nichts mehr zu sehen davon. Nichts, außer einem traurigen Häufchen Erde und Schotter, aus dem ein paar Schwellenreste heraus schauen. Das war einmal der Prellbock am nördlichen Ende des Ladegleises. Sonst nichts mehr...
Nichts, nur noch ein asphaltierter Weg, auf dem die Radfahrer durch den Wald brausen...
Tja... Oder war das doch gar nicht gestern?
War es nicht doch schon mehr als 40 Jahre her, als der Hanrieder hier zum letzten Mal seine Ziegel verladen hat und die Fracht für das Lagerhaus in Wolfersdorf, zu dem Thonhausen ja gehört, abgefertigt wurde?
War es wirklich schon so lange her, als der Sepp als junger Bursch' hier noch regelmäßig seinen Kontrollgang ins Meldebuch eingetragen hat?
Dem Sepp wird es ganz wehmütig. Er hat immer noch dieses Bild vor Augen. Das Bild, als im Winter '70 die Maschinen anrückten und die Gleise heraus rissen, seine Gleise! Die Gleise, die er fast sein ganzes Arbeitsleben lang gehegt und gepflegt hat.
Und das soll jetzt alles dahin sein? Leider ist es wohl so...
Doch Halt! Das Meldebuch!
Das Meldebuch, in dem die Kontrollbesuche und Streckenbegehungen eingetragen werden!
Dieses Meldebuch, ja, das muss hier noch irgendwo sein, irgendwo hier, irgendwo...
Der Chronist macht noch folgende Anmerkungen:
Angeblich soll nur noch das Buch vorhanden sein, ein Schreibwerkzeug muss der Streckengeher selbst dabei haben!
Auch ist über die Art und Größe des Behältnisses, in welchem das Buch vermutlich aufbewahrt wird, leider nichts genaueres bekannt. Sicher ist nur, dass es nicht nur ein 10-9ter Teil ist, sondern das Meldebuch noch vollständig erhalten ist!
Bei Anreise mit einem Dienstfahrzeug kann dieses in unmittelbarer Nähe der Meldestelle abgestellt werden.
Bei schönem Wetter ist besonders auf in größerer Anzahl sich auf dem Bahngelände unbefugt aufhaltende Personen zu achten!
Es mag zwar auf den zweiten Blick vielleicht nicht so aussehen, aber:
Die Meldestelle bietet leider keinen Platz für Reisende jeder Art.
Bitte versucht es auch gar nicht erst, es ist schon einmal fast schief gegangen!
Falls eine nähere Inspektion des Bahngeländes gewünscht wird:
Die Reste des Prellbocks am ehemaligen Ladegleis - das einzige erhaltene Überbleibsel der Hst. Thonhausen - sind hier zu finden: N 48° 28.904 E 011° 45.616
*) Name vom Chronisten geändert, jede Ähnlichkeit mit realen Personen ist gänzlich zufällig!