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Sage vom Waschweiberl
Ein Herbst war einst, so kalt und ohne Freud'
und feuchter noch als man es kennt heut',
so schaurig, aufgeweicht und laubbestreut.
Schon Tage wusch der Regen unentwegt.
Ein Rinnsal, sonst zu schmal für einen Steg,
geschwollen nun, kreuzt' flutend einen Weg.
Ein junges Mägdlein ratlos davorstand,
hielt grübelnd an die Wange seine Hand,
weil einen Weg hinüber es nicht fand.
Beschwert mit einem frischgeback'nen Laib,
war ihm zum Sprung das Wasser da zu breit,
auch wollt' es nicht benetzen Schuh und Kleid.
Nun höret, welchen Rat es sich ersann.
Es nahm das Brot, es sah es prüfend an
und setzt' es mitten in das Wasser dann.
„Nun hurtig, eh der Wecken aufgeweicht“,
rief es mit Frohsinn, meinte, daß es leicht
die and're Seite trocken so erreicht.
Doch kaum hat' ihre Sohl' das Brot berührt,
als staunend schon die Frevlerin verspürt',
wie unter ihr der Erdengrund sich rührt'.
Da tat sich klaffend auf der feuchte Grund
und schlürft' die Maid hinein in seinen Schlund.
Die wand sich sehr, entsetzlich schrie ihr Mund.
Doch half kein Wehren, Flehen oder Schrei'n:
Der Boden schluckt' das ganze Mägdelein,
mitsamt dem Wecken Brot in sich hinein.
Lebendig fuhr es zappelnd so hinab
in sein beschied'nes ekles, frühes Grab,
worin es für die böse Tat verdarb.
So etwa, wird es heut' noch gern erzählt,
ward es um jene Sünderin bestellt.
Die Straf' oft schnell zum Frevel sich gesellt!
Peter Weikl, April 2004
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