Ballade vom Baum
- Freundestreue -
Es war nach einem großen Brand,
da lag auf Schuttes Hald
ein kleines Zweiglein, das nun fand
ein Jäger tief im Wald.
Das Zweiglein war nicht mehr ganz frisch,
es hatte stark gelitten.
Die Würzelchen, sie hingen trüb
und war´n wie ababgeschitten.
Selbst die Knösplein waren kraftlos
und schien´ voll Furcht zu schrei´n.
Da kam ein Mensch, der nahm es mit
und bracht´s zu neuem Sein.
Die Würzlein streckten sich zum Wasser hin,
mit dem man sie genetzt,
dann hat man sie behutsam
in Erdreichs Schoß gesetzt.
Wie tat das gut, sie war´n geschützt
vor wilden Brandes Macht.
Und eines Tages zeigt sich scheu
des ersten Blättleins Pracht.
Es blinzelte zum Förster hin,
versucht ihn leicht zu fächeln.
Der Mensch erlebte es beglückt,
als sei´s ein Kinderlächeln.
Das Zweiglein wurde stolz auf sich
und spielt auf allen Saiten.
Es wünscht sich täglich mehr und mehr
den Menschen zu begleiten.
Doch dazu gab´s nicht Möglichkeit,
die Natur hat´s ihm verwehrt
So rauscht es nur und bittet ihn,
dass er bald wiederkehrt.
Es kam der Freund mit seiner Braut
und schnitzt in seine Rinde,
ein Herz, wie er es wieder tut
bei seinem ersten Kinde.
So ist es manches Jahr gegangen,
der Mensch vom Baum längst überragt.
Er lehnt an ihm und findet Schutz,
er lacht bei ihm und spricht und fragt.
Das Blätterdach wölbt seine Krone
vor wilden Wetters Schauern
und tröstet ihn - wie´s Freunde tun -
in lebenstiefstem Trauern.
Es zog erneut ein Krieg ins Land,
drob gab es wildes Rennen.
Der Förster stand und sprach ganz leis
von Abschied und vom Trennen.
"Doch du", spricht er, " und meine Gräber,
sie halten mich mit fester Hand...
Verstecke mich!" Sein Freund, der rauscht
bis zu der Zeit, weil ihn der Feind doch fand.
Es johlt die Schar der Übermacht,
sie waren schnell zugange.
Sie haben ihn zurückgeschleppt,
damit am Baum er hange.
Da haben sie ihn aufgeknüpft
und war´n beim Flascheheben.
In ihrem lauten Siegesschrei
Verging des´Menetekels Beben...
Dann schallt es so wie lautes Sprechen:
"Freundestreue wird nie brechen!"
Der Gehenkte war ein Leichtgewicht,
unter dem der Riesenstamm zerbricht.
Es klang wie Urteil und trotz Sonnenschein
hat´s plötzlich laut gewittert.
Es barst des Stammes mächt´ge Kraft.
dieweil sein Herz zersplittert.
Und mit voller Urgewalt
es plötzlich durch den Wald erschallt:
"Kein einziger der Mörder.
ihr werdet es gleich sehn
soll seinem bitt´ren Ende
dank meiner Kraft entgehn!
Den Freund habt ihr genommen,
drum sollt ihr nicht entkommen.
Dieweil er mir entrissen,
sollt ihr es alle büssen."
So ist durch Freundes Treue,
im Wald einst hier geschehn
Die Mörder war´n erschlagen.
Es waren ihrer - zehn.