Hexenverfolgung in Wiesensteig
Wiesensteig, der Hauptort der kleinen südwestdeutschen Grafschaft Helfenstein und 1562/1563 Stätte der ersten großen Hexenpanik im Heiligen Römischen Reich der Reformationsära.
Obwohl die tatsächlichen Prozessakten nicht mehr existent sind, bezeugen ein Flugblatt, eine Chronik und andere zeitgenössische Quellen dieses Ereignis. Diese Hexenverfolgung ist besonders wichtig, da sie den Glauben förderte, Hexen seien nicht solitär, sondern Mitglieder einer großen Teufelssekte. Das religiöse Durcheinander und der Konfessionsstreit der Reformation stellten unmittelbare Hintergründe dieser Hexenjagd dar, besonders die Verfolgung einer Gruppe ‚echter‘ Häretiker, der Anabaptisten.
Auf einen Hagelsturm reagierend, der die Region Württemberg und Helfenstein am 3. August 1562 verwüstete, beschuldigten die Menschen aus Wiesensteig eine Hexensekte, und im Verlauf des Jahres richtete sein Gericht 63 von ihnen hin. Gemäß Dionysius Dreytwein (1498/1504-ca. 1585), ein lutherischer Chronist aus Esslingen (Württemberg), hatte sich das Wetter in der Region in den 1550er und 1560er Jahren tatsächlich verschlechtert, allerdings sah er, wie der lutherische Prediger Johannes Brenz (1490-1570), diese Katastrophen als Folge göttlicher Vorhersehung und nicht übernatürlicher Manipulation durch Dämonen oder Hexen an. 1560 führten schreckliche Stürme und Hunger zum Prozess und Verbrennen von zwei Hexen bei Maulbronn, die gestanden, Teufelspakte eingegangen und Wetterzauber begangen zu haben. 1562 verwüsteten Hagelstürme das Gebiet, von denen einer den Kirchturm von Göppingen zerstörte, was die Verhaftung von zwei weiteren Hexen in der Grafschaft Helfenstein auslöste. Dreytwein berichtet ebenfalls von wachsenden Ängsten vor Zauberei in etlichen anderen Städten und einem sich für Frauen generell verschlechternden Ruf.
Dann folgten zwei berichtenswerte Ereignisse: Erstens die Entdeckung, dass Anabaptisten eine große nächtliche Versammlung in einem Schluchtwald nahe Esslingen abhielten, was den Württemberger Hof Anfang Juli veranlasste, die Festnahme der Teilnehmer zu befehlen. 28 wurden festgenommen, sieben weibliche Verdächtige jedoch ohne Verhör entlassen. Die 21 Männer wurden befragt und die Beamten waren schockiert, dass einige von ihnen über 25, einer davon gar über 60 Kilometer zu dem Treffen angereist waren. Die Gefangen den Juli und August hindurch verhörend, stellte der herzogliche Hof Nachforschungen in der gesamten Region an, Hintergrundanalysen der Verdächtigen durchführend und Berichte von verschiedenen Beamten erhaltend. Die Anabaptisten drückten eine stark anti-klerikale Geisteshaltung gegenüber den lutherischen Pastoren und deren angeblich ‚gottlosen Leben’, welche ihrer Predigt des Evangeliums Lügen straften, aus. Anti-Klerikalismus spielte auch in vielen deutschen Hexenprozessen eine bedeutende Rolle.
Am 3. August, inmitten dieses neu belebten Regierungsinteresses an geheimen Anabaptistenversammlungen, entlud sich der desaströse Hagelsturm. Am 10. August 1562 beschwerte sich Matthias Stehelin, der Vogt von Güglingen, bei Herzog Christoph von Württemberg, dass eine der Anabaptistinnen, Margret Biererin, von Satan und einem täuferischen ‚Winkelpediger‘, den er ‚Satans wahren Geistlichen‘ nannte, ‚geblendet und dickköpfig‘ gemacht worden sei. Dies war lediglich eines von unzähligen Beispielen der Bemühungen orthodoxer Priester und Beamter, Anabaptisten zu dämonisieren.
Dreytwein berichtet von beiden juristischen Aktionen und beschreibt die Verhaftung der Täufer als unfaire Unterdrückung frommer Leute durch ‚gottlose Heiden‘ und schob die Schuld für das unangenehme Wetter auf solche unnötigen Verfolgungen, die Gott erzürnten. In seinen Einträgen über das schlechte Wetter der Region bis August 1562 findet sich kein Hinweis auf kollektive oder sektiererische Hexenaktivität wie einen Hexensabbat oder -tanz. In seinem Eintrag zu dem Hagelsturm vom 3. August hält er Berichte über einige Frauen fest, die gesehen worden waren, einen unvorstellbaren Tanz auf dem Frauenberg bei Stuttgart aufzuführen; viele waren verhaftet und schon exekutiert. In anderen Worten, während Dreytwein die von so vielen lutherischen und katholischen Polemikern gegen die Täufer verwendete dämonisierende Rede ignoriert hatte, gelangte er zu der Überzeugung, dass sich der Teufel mit bösen Frauen auf nächtlichen Versammlungen traf. Kunde von tatsächlichen geheimen Täuferzusammenkünften scheint sich mit dem alten Stereotyp des Hexensabbats verbunden zu haben, um ein extrem lebhaftes und glaubwürdiges Bild dämonischen Tummelns und Verschwörung zu schaffen, den Blicken der göttlichen Gemeinde entzogen.
Was bei der Festlegung des Verfolgungsniveaus tatsächlich eine Rolle spielte, war die Einstellung der Herrscher. Entgegen ihrem mächtigeren Nachbarn, Herzog Christoph von Württemberg, hatten die Grafen von Helfenstein, Sebastian († 1564) und Ulrich († 1570), den reformatorischen Impulsen bis 1555 widerstanden, als sie Herzog Christoph baten, ihnen einen frommen lutherischen Geistlichen zu senden. Ihre Annäherung an das Luthertum wurde erschwert durch Auseinandersetzungen zwischen Proto-Calvinisten und orthodox-lutherischen Predigern, welche zu Streit in Fragen wie etwa der Notwendigkeit des Kleinkindexorzismus vor der Taufe führte. Des Grafen Familie drängte ebenfalls zu einer Rückkehr zum Katholizismus. Zu der Zeit der Hexenverfolgung war Graf Ulrich jedoch besorgt über die „götzendienerischen Missbräuche“ der katholischen Religionspraxis und suchte nach einer Alternative, nicht nur das Luthertum, sondern auch Calvinismus, Anabaptismus und Caspar von Schwenckfelds Spiritualismus erwägend. Persönliche besuchte er die Verhöre von Schwenckfeldianern und ‚Mitgliedern anderer Sekten‘, deren Ansichten er schließlich als ‚Fehler und obstinate Meinungen‘ verwarf. 1567 stimmte Ulrich endgültig zu, die Grafschaft zum Katholizismus zurückzuführen.
Im August 1562, inmitten dieser religiösen Konfusion und Auseinandersetzung, akzeptierte Graf Ulrich die Gerüchte über Wettermagie und befahl die Verhaftung einer Reihe von Hexen aus der Umgebung Wiesensteigs. Darin wurde er von dem unkonventionellen lutherischen Prediger aus Esslingen, Thomas Naogeorgus oder Kirchmeyer (1508-1563), unterstützt. Naogeorgus widersprach dem bedeutenden lutherischen Theologen Johannes Brenz, der bestritt, dass Hexen, auch mit Hilfe des Teufels, Stürme zusammenbrauen könnten. Naogeorgus‘ enthusiastische Hexenjagdpredigten führten den Esslinger Magistrat am 18. August dazu, einen Verweis zu erteilen, ihn ermahnend, die Erregung der Bevölkerung zu unterlassen. Da Naogeorgus selbst verdächtigt wurde, schwärmerischen Glaubensvorstellungen anzuhängen, könnte er versucht haben, Häresievorwürfe auf andere abzulenken.
Herzog Christoph und Esslingens Regierung folgten Brenz‘ Logik und schrieben an Graf Ulrich, seine Handlungen zu erklären. Ihnen wurde mitgeteilt, dass Graf Ulrich bereits den Tod von sechs Hexen angeordnet hatte und das eine Reihe Wiesensteiger Hexen gestanden hätten, Esslinger Bürger (ca. vierzig Kilometer entfernt) auf ihrem Dämonensabbat gesehen zu haben. Das Esslinger Gericht verhaftete dann drei beschuldigte Hexen, entließ sie jedoch bald. Ulrich schritt begeistert voran, schlussendlich der Hinrichtung von über 60 Hexen zustimmend. Der Glauben an eine dämonische Sabbatverschwörung war für diese Eskalation individueller Verfahren zu einer Großpanik entscheidend. In diesem Fall hatten sich Neuigkeiten eines nächtlichen Anabaptistentreffens im Wald schnell von Esslingen nach Wiesensteig verbreitet, beinahe augenblicklich gefolgt von Berichten eines Hexensabbats nahe Wiesensteig.
Gemäß des erhaltenen Nachrichtenblattes gestanden Wiesensteigs Hexen unter dem Druck der fürchterlichen Gefangenschaft, intensiver Befragungen und Folter eine große Bandbreite dämonischer Hexerei: Schließung von Teufelspakten, Abfall von Gott und ihrer Taufe, Besitz dämonische Liebhaber, Teilnahme an Hexensabbaten und -tänzen, Ausübung entsetzlicher Blasphemien wider Gott und maleficia, inklusive Kindestötung und Wetterzauber. Diese Verbrechen beinhalteten die Ermordung von 29 Erwachsenen und die Beraubung der ‚Heiligen Taufe‘ von Kindern, letzteres eine gegen Anabaptisten prinzipiell erhobene Anklage.
Dreytwein selbst liefert Details zu den angeblichen Liebhabern der Hexen und ihren maleficium-Taten, obwohl eine Gruppe Verdächtiger sich weigerte, Wetterzauber zu gestehen. Die Beschuldigten als ‚gottlose Frauen‘ beschreibend, gibt Dreytwein ihre Folter und Hinrichtung kritiklos wieder, entgegen seinen Einträgen zu den Anabaptisten. In seiner detaillierten Beschreibung der Verbrennung von zwanzig Wiesensteig-Hexen am 2. Dezember 1562 berichtet er, dass, während die 3000 Menschen im Publikum die Verbrennungen bezeugten, sie den Himmel sich plötzlich rot färben sahen als gerade ein Engel erschien, der sie warnte, sich solcher gottlosen Aktivität zu enthalten. Als die Hexen antworteten, dass ‚des Teufels Königreich größer ist als seines Gottes Königreich‘, verschwand der Engel (Diehl 1901, S. 246). Als guter Lutheraner verortete Dreytwein diese Hinrichtung im Rahmen der kosmischen Schlacht zwischen Christus und dem Teufel.
Die Wiesensteiger Hexenjagd führte nicht unmittelbar zu einer wachsenden Panik, woran der beruhigende Einfluss von Brenz und des niederländischen Arztes Johann Weyer (Wier), dessen Abhandlung gegen Hexenjagd De praestigiis daemonum 1563 erschien, Anteil gehabt haben könnte. Dennoch übten die Verbrennungen von Wiesensteig, wie Edward Bever festhält, ‚Gruppenzwang‘ auf Regierungsführer aus, Fragen der Gefahren von Hexerei klarzustellen und als Reaktion erklärte die Württembergische Regierung ein paar Jahre später, dass alle Magie mit dem Teufel in Verbindung stand und der Abschluss eines Teufelspaktes ein Kapitalverbrechen war (Bever 2008, S. 384). Das Zusammentreffen der Entdeckung eines realen Anabaptistentreffens mit der plötzlichen Angst vor sektiererischer Hexerei legt nahe, dass manche Personen, da die Nachricht nächtlich-religiöser Zusammenkünfte von Täufern in die volkstümliche Magiekultur durchsickerte, Vorstellungen von Anabaptisten auf Hexen projizierten. Daher des Grafen Entschlossenheit, eine teuflische Hexenverschwörung zu zerschlagen, statt der traditionelleren Bestrafung einiger Individuen.
Offensichtlich steigerten die Wiesensteiger Massenprozesse die Diskussion und sogar die Erwartungen dämonisch-verschwörerischer Hexerei quer durch das Reich. Im Gefolge der Massenhinrichtungen von Wiesensteig verbreiteten sich Hexenprozesse in Südwestdeutschland, in den 1570er Jahren fünfzig separate Schauplätze betreffend, wo größere Gruppen individuelle Verhandlungen als Norm ablösten. Wiesensteig erlebte 1583 eine weitere Panik mit 25 Hinrichtungen, vierzehn weiteren Opfern um 1605 und fünf Betroffenen 1611.
Primärquelle, Wolfgang Behringer (ed.), Hexen und Hexenprozesse in Deutschland, Munich 1988, S. 136-139.