Rapunzel
Es war einmal eine holde Maid mit lockig, wallendem Haar namens Rapunzel, die in einem Turm saß, gefangen von der bösen, alten, verwarzten Nasenhexe . Alle anmutigen, tapferen, edlen, schönen Königssöhnen scheiterten an dem wagehalsigem Versuch, die jungfräuliche Schönheit aus den verrunzelten, alten, mit Warzen übersäten Klauen der Hexe zu retten.
Es verging kein Tag, an dem keine ihrer glänzenden schimmernden Kullertränen ihren rosigen Wangen hinunter glitten. Eines Tages hörte ein wunderschöner Jüngling von der traurigen Geschichte des armen Mädchens und machte sich auf den steinigen, weiten, endlosen Weg zu dem Turm des Grauens mit seinem tapferen Schimmel, der so weiß war, dass der Schimmel eines Brotes gelb vor Neid geworden wäre.
Als er nach tagelangem Ritt endlich die Spitze des Turmes über den in der Sonne glänzenden, vom Morgentau bedeckten Baumkronenspitzen erblickte, pochte sein kleines, jedoch voll von Hoffnung erfülltes Herz. Just in diesem, für ihr Schicksal überaus bedeutendem Moment, fuhr sie sich mit einem aus einem unbekannten Land vor gar nicht allzu langer Zeit aus goldener Drachenhaut gefertigtem, gezackter Kamm, dazu mit funkelnden, glänzenden Diamanten, die in ihrer voller Pracht strahlten, wenn sie gegen die goldene Sonne gehalten wurden, durch ihre zarten, spiralisierten, geringelten, gezwirbelten und mit Wasserstoff blondierten Engelslöckchen.
An dem bis zum himmelhochragendem im Barock erbauten, steinigen Turm angekommen, startete der holde Bursche mehrere Versuche das von über und über mit Dornen besetzte, mit Spinnweben übersäte hohes Gemach zu erklimmen. Nahe am Rande der Verzweiflung, rief er mit seinem zarten Stimmchen: "Rapunzelchen, lass dein goldenes, seidiges, wunderschönes langes Haar herunter". Als sie dies in ihrem schrecklichem Gefängnis vernahm, tat sie wie ihr geheißen und der kühne Retter ergriff ihre Haarpracht und erklomm auf diese Weise den steilen Turm. Oben angekommen, fiel Rapunzel, mit Freudentränen in ihren Äuglein, in die muskulösen, starken Arme ihres Helden. Plötzlich von der Hexe überrascht, nahm er seinen letzten Mut zusammen und ergriff sein silbernes Schwert und stieß geradewegs in das schwarze, von Hass erfüllte, kalte Herz des bösen Weibes. Durch die offen gelassene Stahltür floh das frische Liebespaar und ritt auf dem schimmligen Schimmel gen Horizont. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.
(Text: Herder-Gymnasium Forchheim)