Das älteste bislang bekannte deutschsprachige Pilzmärchen ist "Das Märchen von den Pilzen". Es wurde ursprünglich 1870 in "Deutsche Bilderbogen für Jung und Alt" veröffentlicht. Viel Spaß beim Lesen und Vorlesen!
DAS MÄRCHEN VON DEN PILZEN
(Die Original-Rechtschreibung wurde beibehalten)
Zwei junge Mädchen, Anna und Else, wurden im Sommer alle Tage in den Wald
geschickt, um Erdbeeren zu sammeln, welche die Mutter, weil sie herrlich dufteten,
um vieles Geld auf dem Markt verkaufte. Es war gar heimlich und lieblich in dem
alten Tannenwald; die Zweige hingen tief und schwer herab, Eichhörnchen kletterten
lustig d’rin umher und naschten von den Tannenzapfen. Im dunklen Schatten der
Bäume aber wuchsen die schönsten Pilze aller Arten und schienen die Stelle der
Blumen eingenommen zu haben, so schönfarbig und mannigfalt waren sie. An
diesen hatten die beiden Kinder nun immer ihre große Freude, und lernten sie bald
von einander unterscheiden. Aber sie schonten ihre Lieblinge auch, und zerstießen
keinen derselben, wie die übermüthigen Knaben tun. Hatten sie doch auch erzählen
hören, daß es gar winzige Männlein gäbe, die Niemand Uebels thäten, welche in
Erdlöchern wohnten, und von denen die Pilze geformt und mit so schönen Farben
bemalt würden.
Als sie einstmals einen ganz besonders wohlgerathenen großen Pilz fanden, legten
sie ein Stückchen ihres Brodes darauf, zur Belohnung für den Kunstfleiß der braven
Männlein, deren wirkliches Dasein sie kaum noch bezweifelten.
Als die Mädchen nach einigen Tagen warmen Regenwetters wieder an ihre
Lieblingsplätze kamen, da staunten sie über die Pracht, Menge und Mannigfaltigkeit
der Pilze, welche sie überall erblickten. Da standen die edlen Blätterpilze, dicke
Champignons bei dem Goldbrätling, die leckeren Pfifferlinge, und Morcheln und
auch Judenbart in reizender Abwechslung. Aber aus den Löchern und unter den
Baumwurzeln huschten überall die kleinen Wichte hervor, anfangs scheu, nach und
nach jedoch zutraulicher. Sie deuteten die Mädchen nach einem entfernteren, ganz
außerordentlich großen Tischpilz, wunderschön scharlachroth, auf welchem die
Wichtchen allerlei artige Dinge ausgelegt hatten, wie sie kleine Mädchen gerne
haben. Es lagen darauf allerliebste silberne Schneckenhäuschen, Granaten und
andere herrliche Steine und Zierrathen, welche sie aus ihren Magazinen
hervorgeholt hatten. Mehrere der Pilzwichter waren dabei überrascht worden, der
Eine hatte seinen Hut vergessen, der Andere musste den seinigen noch schnell
abbürsten, ein Dritter seinem Sombrero noch einige verdorbene Farben in Eile
aufbessern.
Die beiden Mädchen waren natürlich in hohem Grade überrascht. Die kleine Anna
stutzte sehr bedenklich und wollte schon davonlaufen. Aber der wilden Else war’s,
als ob sie schon lange mit ihnen verkehrt hätte, sie lachte und freuete sich unendlich
der kleinen drolligen Bursche und ihrer Geschenke, nahm auch davon, was ihr
beliebte, und gab mehreren von ihnen ein Händchen. Wenn sie später den Wald
wieder besuchten, so verfehlten sie nicht, für die gutmüthigen Käuze irgendeinen
Leckerbissen mitzubringen, welchen sie auf einen der Tischpilze niederlegten. Die
Pilze wuchsen seitdem an jener Stelle nach wie vor in besonderer Schönheit, aber
von den Wichtern hatte sich keiner wieder blicken lassen, und nur Ein Mal noch
sahen sie Einen derselben auf einem Eichhörnchen durch die Tannen jagen.
Also bedenkt Euch wohl, ihr lieben kleinen Mädchen, und auch ihr Buben, wenn ihr
den netten, zerbrechlichen Dingern im Walde begegnet, und zerschlagt nicht gleich
aus bloßer Zerstörungslust die schönen Pilze, welche der liebe Gott zum Schmuck
der dunklen Waldesstellen und zur Freude der Menschen hingepflanzt hat. Auch sie
haben Leben von ihm empfangen, und Freude an ihrem kurzen Dasein.
A. Schrödter
Veröffentlicht in der Südwestdeutschen Pilzrundschau und hier freundlicherweise zum Download zur
Verfügung gestellt.

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