Viel zu lange bin ich schon im Geschäft, um dem Gewäsch der Radiosender, den Eilmeldungen der Zeitungen und dem Klatsch der Leute Glauben zu schenken. Ein Mörder soll dort draußen sein? Jemand, der es sich zum Lebenswerk gemacht hat, Leben zu nehmen? Darüber hinaus noch ein Mensch, der glaubt, dass alles Leid der Welt auf den schmalen Rücken der Kinder getragen wird? Rücken, die man nur brechen muss, um sich der Konsequenzen zu entziehen, wenn sie Bälger röchelnd darunter zusammensacken und ihren Lebenshauch ausblasen, wie eine Colt das Leben dessen, der von ihm getroffen wird? So ein Blödsinn. Dramatisch, ja, aber kein Mörder steckt hinter einem Virus.
Mitleid habe ich natürlich, aber da ich keine Kinder kenne, hält es sich in Grenzen. Wen soll ich bemitleiden? Jedes einzelne Kind für sich? Die ganze Welt? Alle Kinder die je gelebt haben oder noch dabei sind zu sterben? Sterben müssen wir schließlich alle irgendwann, egal ob als Kind oder als Erwachsener – oder Greis, wie ich bald einer bin. Wie viele Kinder sterben täglich und niemanden interessiert es, nur weil sie nicht in Europa oder Amerika zu Grunde gehen? Es ist nicht nett, aber es ist wenigstens ehrlich. Das, was die Kinder tötet, ist eine Krankheit – keine Waffe. Da ist keiner, der den Abzug gedrückt hat oder ihn immer wieder drückt. Nicht Waffen töten Menschen. Menschen töten Menschen. Aber dieses Mal gibt es weder Mensch noch Waffe, die töten. So viel Wahrheit in so wenig rhetorischer Verpackung. Das gefällt mir. Ich bin kein Mann vieler Worte, sondern einer der mit wenig auskommt. Wenig Besuche, wenig Gerede, ein klein wenig Scotch! Wenn es einmal von einem mehr sein soll, dann ist es sicher letzteres.
Wie viele Jahre bin ich nun schon im Geschäft? Ich weiß es schon gar nicht mehr. Länger als der meiste Scotch, den ich trinke, alt ist und lange genug, um Enkelkinder hervorgebracht zu haben, die diesem unsichtbaren Einhorn, das angeblich Kinderseelen aufspießt, Kanonenfutter geboten zu haben. Natürlich habe ich keine Enkelkinder. Enkelkinder bekommt man nur dann, wenn man Kinder hat und da ich sogar am passenden Werkzeug gespart habe, seit meine Frau mich damals viel zu früh verlassen hat... Nun, es kommt, wie es kommt!
Apropos kommt. "Sie haben Post", schreit mich der Lautsprecher meines Laptops an. Mails, wie ich diese neumodischen Dinger hasse. Sie sind immer da, halten alle dauernd auf Trab. Kinder leiden an Burnout, weil sie zehnmal so viel Stress erfahren, wie Kinder zu meiner Zeit. Das ständige Onlinesein macht ihre kleinen Gehirne weich. Nichts Sinnvolles geht mehr hinein. Teletubbis haben ihren Verstand vorgekocht, Pokémon hat den Rest davon heiß angebraten. Das Ganze in einen Topf mit heißem Wasser und es braucht keinen Hannibal mehr, der die Suppe daraus auslöffelt, sondern nur noch Nokia, HTC und wie sie nicht alle heißen. Die Zeit der Zombies ist gekommen und niemand bekommt es mit, weil keiner die Augen vom Bildschirm nehmen kann. Lachhaft wäre das, wenn es nicht so traurig wäre.
Was steht da? Unbekannter Absender? Ein Anhang. Kein Betreff. Keine Zeile mehr als:
"Merke dir das Passwort!"
Merke dir da Passwort? Welches Passwort? Ich konnte keines finden. Sei es drum! Ich schaute mir das Bild im Anhang an. Wenn man so etwas sieht, fühlt man sich irgendwie beobachtet. Ich konnte nicht einmal über mein witzloses Wortspiel grinsen, so dämlich fühlte ich mich dabei, mich anstarren zu lassen und nicht einmal spannend genug zu sein, als dass das Auge mich die ganze Zeit über fixieren wollte. Dumm, dass meine Augen so schlecht waren. Wären sie besser gewesen, wäre ich nicht so tief in den Monitor gekrochen. Als ich es sah, schlug ich vor Schreck meinen Scotch um und verteilte ihn über den Tisch, während ich selbst auf dem Weg Richtung Boden war, der sich rasant meiner Stuhllehne näherte, als ich fiel. Diese verdammte hintere abgebrochene Rolle, dachte ich, als ich landete. Wieder war ich zurückgesetzt – wenn auch nicht absichtlich – und wieder hatte der Stuhl mein Gewicht nicht halten können und war mit mir umgefallen. Warum musste ich mich auch so erschrecken?

[Fragen? Emil, dem das „a“ gestohlen wurde, hat die Antworten!]
Auszug aus: "Edda" (eine Sammlung germanischer Heldengesänge aus Islands 13. Jahrhundert)
Besitz stirbt,
Sippen sterben,
Du selbst stirbst wie sie.
Eins weiß ich:
dass ewig lebt der Toten Tatenruhm.
Wer diese Aufgabe meisterlich überstanden hat, hat möglicherweise nicht überlebt. Er / Sie selbst oder die Nachkommenschaft soll frei über dieses Andenken verfügen in Gedenken an die verstorbenen und diejanigen, die es mit Sicherheit noch werden!

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Edit: Das Passwort im Logbuch werde ich mit der nächsten Wartung verschwinden lassen. Es hatte nie eine Bedeutung. Es war für die ursprüngliche Idee einer Mystery-Reihe gedacht. Diese sollte allerdings wohl nicht zustande kommen.