Der Riesenfrosch vom Walserberg
Die Geschichte beginnt mit einem Missgeschick. Wastlhofbauer Matthias Berger hatte für einen schönen Frühlingstag des Jahres 1920 einen Fotografen aus der Stadt bestellt, um ein Familienbild zu produzieren. Hintergrund des Bildes sollte der Weiher bilden. Der Fotograf nahm seine Aufgabe sehr ernst, immer wieder glaubte er die Leute umgruppieren zu müssen. Als er endlich das ersehnte „Klick“ ertönen ließ, merkte er nicht, dass sich ein großer Schilfhalm unter dem Gewicht eines Laubfrosches geneigt hatte, und zwar genau vor das Objektiv der Kamera!
Natürlich verweigerte der Bauer die Annahme des Bildes, schließlich hatte er ein Familienfoto bestellt und kein Froschporträt. Traurig zog der Fotograf ab und kehrte beim Röhrenwirt ein, um sich mit einer Halben Bier zu trösten. Dabei schilderte er den zufällig anwesenden Stammtischbrüdern sein Pech. Die alten Schelme heuchelten Mitgefühl und das missglückte Foto machte die Runde, bis es der alte Kainz in der Hand hielt. Sofort kam ihm eine Idee. „Kann man das Bild so verändern, das man vom Schilf, auf dem der Frosch sitzt, nichts mehr sieht?“, fragte er den Fotografen, der nun nach einigem Hin und Her zu einem neuen Auftrag kam.
Eine Woche später saß man wieder beisammen und das Foto begeistere Zustimmung: ein riesiger Frosch, dahinter winzig die Wastlleute und der Teich, die Täuschung war perfekt gelungen! Der alte Kainz bestellte 100 Fotos in Postkartengröße. Beim folgenden Goiser Kirtag war der „Wastlerfrosch“ das Thema. Die Ansichtskarten waren sofort ausverkauft, wilde Geschichten machten die Runde. Natürlich hatten die Einheimischen den Schwindel bald durchschaut. Als aber immer mehr Leute erschienen und das Tier zu sehen begehrten, spielten alle mit und ließen sich etwas einfallen.
Die Besucher kamen zuerst zum Röhrenwirt, um sich nach dem Weg zu erkundigen. Unbemerkt wurde von dort sofort ein Kind losgeschickt, um die Wastlleute vorzuwarnen. Zwar war am Teich nicht zu bemerken, dafür aber erklang aus dem Jungwald vom Hang des Wartberges herab ein tiefes, lang gezogenes „Quaaaaak … Quaaaaak … Quaaaaak …“ „Jetzt is dös Luada scho wieder im Holz oben“, wurden die Gäste dann aufgeklärt. Gebannt schaute alles hinauf, und wirklich! Oben rührte sich etwas, die Wipfel einiger Jungfichten wackelten.
Ein anderes Mal konnte es heißten: „Heut‘ is der Frosch nicht im Teich, heut‘ sitzt er im Wenzenloch.“ Das Wenzenloch ist eine Höhle im Konglomeratfels des Wartberges, wenige Minuten vom Wastlhof entfernt. Auch hier war manchmal der dumpfe Froschlaut zu hören.
Nach langem, vergeblichem Warten wurde dann beim Röhrenwirt eingekehrt, wo freundliche Einheimische Rade und Antwort standen. Woher er stammt? „Aus Ägypten. Im Nil gibt es sie massenhaft, dort raufn’s mit die Krokodil‘.“ Ob er immer beim Wastl-Weiher bleibt? „O nein! Das is a Gfrett‘! Er rennt weit herum, in Großgmain haben’s ihn schon oft g’sehn!“ Und seine Nahrung? „Alles, was er fangen kann: Fische, Enten, Hühner, Hasen … Aber am liebsten san ihm Speckwürst‘!“
Mitte der Zwanzigerjahre organisierte Heinrich Kiener, Geschäftsführer der Stieglbrauerei, der auch Stammgast beim Röhrenwirt war, von Salzburg aus „Busfahrten zum Riesenfrosch.“ Die Aktion wurde ein großer Erfolg. Diese Exkursionen folgten immer dem gleichen Ritual. Die Autobusse fuhren nicht schnurstracks zum Ziel, sondern machten einen Umweg über das Dorf Wals, wo man sich in der Metzgerei Santner mit Speckwürsten versorgte.
Ein Maxglaner Spenglermeister musste einen blechernen Riesenfrosch mit aufklappbarem Maul anfertigen. Bei Glockenweihfest in Gois (1925) war das Ungetüm in einer Schaubude zu bewundern, neben ihm ein Wächter mit Helm und Hellebarde – um die Zuseher zu schützen.
Auch den Zweiten Weltkrieg hat der Wastlfrosch überlebt. Die Walserberger versuchten zwar, die Geschichte endlich einschlafen zu lassen und begannen, neugierige Gäste mit allerlei Ausreden abzuwimmeln: „Er ist schon sehr alt und will sei Ruah“, „Er laßt‘ sich auch vor uns nimmer sehn“, „Wir hab’n ihn schon ewig lang nimmer g’hört“ … Damit erreichten sie aber nur das Gegenteil, die Besucher wollten nicht umsonst angereist sein und verlangten ihr Recht! Da blieb nicht anderes übrig, als den Frosch, den man nun „Hansi“ nannte, wieder quaken zu lassen.
Und heute? Solltest zu zufällig nach Walserberg kommen, so würdest du mit Sicherheit keinen „Hansi“ mehr finden. Der Weiher, in dem er sich angeblich so wohlgefühlt hat ist verschwunden, er musste einem neuen Wirtschaftsgebäude weichen. Wohl aber kannst du am Fuße des Wartbergers spazieren, das Wenzenloch besichtigen und mit alten Leuten plaudern, z. B. mit dem Röhrenwirt, der sich noch gut an das tiefe „Quaaak, quaaak!“ erinnern und manche Anekdote beisteuern kann.
Die ganze Geschichte kann hier nachgelesen werden.