Ночной Дозор
Nochnoi Dozor - Wächter der Nacht
Igor starrte Sebulon mit einer Mischung aus Entsetzen und maßloser Überraschung an. Er konnte nicht glauben, was er gerade gehört hatte.
"Das ist viel zu leicht!" entfuhr es ihm heftig. Dass ein so überaus wichtiges Artefakt wie das Amulett der Wahrheit auf so simple Weise versteckt worden war, machte ihn fassungslos. Wie konnte die Inquisition nur so leichtsinnig sein?
Sebulon war ein alter Zauberer der Lichten, ein ehemaliger Wächter der Nacht und nun schon seit einer halben Ewigkeit Mitglied der Inquisition. Diese hatte ihn beauftragt, der Nachtwache ein Rätsel zu übergeben, mit der die Lage eines der mächtigsten magischen Gegenstände - das Amulett der Wahrheit - entschlüsselt werden konnte. Die Inquisition hatte vor langer Zeit beschlossen, es so zu verstecken, dass es weder den dunklen noch den lichten Anderen zur Verfügung stehen konnte. Zur Wahrung des Gleichgewichts der Kräfte, denn wer immer es in seinen Besitz bringen würde, hätte einen großen Vorteil gegenüber der anderen Seite. Mit diesem Artefakt in Händen konnte jeder mittelmäßige Magier jede Lüge, jede Intrige, jede Tarnung durchschauen. Aber nun waren Ereignisse eingetreten, die es nötig machten, dieses Amulett zu benutzen.
Die seit Urzeiten verfeindeten Wächter der Nacht und des Tages hielt nur ein brüchiger Waffenstillstand davon ab, sich gegenseitig brutal zu bekämpfen. Jede Partei sah das Recht auf seiner Seite und glaubte, jeweils alleine Anspruch auf das Amulett zu haben. Die Inquisition in ihrer Funktion als parteiloser Richter über die Streithähne musste einen Weg finden, der beiden Seiten die gleichen Chancen einräumte, es zu erhalten - für einen Wächter der Nacht wie Igor nur schwer einzusehen, außerdem mochte es Sebulon nicht, welchen Ton der kaum hundertjährige junge Hüpfer ihm gegenüber anschlug. Sebulons Antwort fiel daher ziemlich frostig aus:
"Wenn es Dir zu leicht ist, wirst Du mit der Lösung des Rätsels ja keinerlei Schwierigkeiten haben."
Igor wusste nur zu genau, wie schnell Sebulon manchmal beleidigt war.
"Meister," wandte er ein und achtete sorgfältig darauf, respektvoll zu klingen, "dafür haben wir keine Zeit. Wir brauchen das Amulett so schnell wie möglich."
Doch der alte Zauberer war davon nicht beeindruckt und erwiderte streng:
"Einfach einer Seite das Amulett in die Hand zu drücken ist unmöglich, das muss Dir doch klar sein! Die Tagwache erhält gerade die gleichen Informationen, wie ich sie Dir vorhin gegeben habe. Wenn also die Nachtwache das Amulett haben will, solltest Du deine Zeit nicht mit mir vergeuden, sondern Dich an die Arbeit machen! Jemand muss endlich diesen unbekannten Magier enttarnen, der uns alle in Gefahr bringt und ob das die Wächter der Nacht oder des Tages erledigen ist mir und der Inquisition gleichgültig!"
Igor wollte antworten, aber er kam nicht mehr dazu, denn Sebulon trat in das Zwielicht und war im nächsten Augenblick verschwunden.
Dieser Magier, den Sebulon gerade erwähnt hatte war gefährlich, äußerst mächtig und nicht zu greifen - wie ein Phantom. Er verübte auf beiden Seiten Anschläge und versuchte, sie alle gegeneinander auszuspielen. Nichts konnte ihn enttarnen, weder Flüche noch Zaubersprüche von den größten Zauberern beider Seiten hatten etwas bewirkt. Nun musste also das Amulett der Wahrheit her. Die Nachtwache legte großen Wert darauf, es in ihren Besitz zu bringen. Hinter vorgehaltener Hand sprach man davon, dass man das als wesentlich wichtiger ansah, als die Enttarnung des Unbekannten - und die Tagwache durfte es auf gar keinen Fall in die Finger bekommen...
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