DIE SAGE VON DEN ZWEI PFARRKÖCHINNEN
Die Köchin des Pfarrers von Mellrichstadt und die des Pfarrers von Hendungen waren miteinander befreundet. Sie lebten in guter Harmonie und besuchten sich gegenseitig des öfteren. Dem Teufel gefiel das natürlich nicht, und er machte sich ans Werk, Zwietracht zwischen den beiden Frauen zu säen. Kurz und gut, eines Tages, als die beiden Freundinnen wieder einmal die "Schinderei" (Bezeichnung der dortigen Flurabteilung) hinaufgingen, gerieten sie, aus welchem Grund auch immer, in einen Wortwechsel, der bald in einen heftigen Streit ausartete. Die beiden einander sonst so wohlgesinnten Frauen erhitzten sich derart, daß sie sogar tätlich wurden, und sich schließlich mit ihren großen Schlüsselbünden so mörderisch traktierten, daß beide tot am Platze blieben. -- Soweit die Sage.
Bei genauerer Betrachtung dieses Steinkreuzes findet man, daß es sich wesentlich von den anderen Steinkreuzen der Umgebung von Mellrichstadt unterscheidet: es ist wesentlich größer in seinen Ausmaßen und sorgfältiger gearbeitet. Stamm und Balken sind an den Kanten abgefast und an den Enden verstärkt. Die Reute fehlt, dafür findet sich auf der Oberfläche des Kreuzstammes eine Vertiefung, von der mehrere schlüsselförmige Einkerbungen ausgehen, so daß man mit Phantasie leicht die grobe Darstellung eines Schlüsselbundes darin erkennen könnte. Das wird auch die Veranlassung zur Entstehung der Sage gewesen sein.
In Wirklichkeit handelt es sich aber um das Steinmetzzeichen des Meisters, der das Steinkreuz anfertigte. Nach einer Aufzeichnung im Pfarrarchiv stand dieses Kreuz früher ein gutes Stück von der Straße entfernt, wahrscheinlich am Bahraer Pfad, an der Stelle, an der im Jahre 1626 der Dechant des Landkapitels Mellrichstadt Andreas Forner, Doktor der Theologie und Pfarrer von Merkershausen, von einem gottlosen Räuber erstochen wurde. Das Steinkreuz ist also ein echtes Erinnerungskreuz, das aber eigenartigerweise keinerlei Hinweise auf das Geschehen zeigt, weder Jahreszahl noch Namen. Es darf daher vermutet werden, daß zu diesem Kreuz noch ein kleiner Sockel mit den entsprechenden Angaben gehört, der im Laufe der Zeit, wahrscheinlich bei der Versetzung an den jetzigen Standort, verloren ging.
aus dem "Mellrichstadt`s Sagenkranz" von Max Schweser, 1967