10. Maulkorb- und Leinenpflicht
Einige Gesetze und Verordnungen sehen für gefährliche Hunde und Hunde, deren Gefährlichkeit vermutet wird, Leinen- und Maulkorbzwang vor. Aus tierschützerischer Sicht sind jedoch Leinen- und Maulkorbzwang abzulehnen, da sie dem Hund kein adäquates Sozialverhalten, insbesondere im Kontakt mit anderen Hunden, ermöglichen. Das Halten eines Hundes ohne die Möglichkeit zu freier Bewegung und Sozialkontakten kann seinerseits zu Verhaltensproblemen führen. Leinen- und Maulkorbzwang sind daher unter der Prämisse der Priorität der Gefahrenvermeidung vor dem Tierschutz nur bei solchen Hunden gerechtfertigt, die tatsächlich eine Gefahr darstellen. Ein Verhaltenstraining soll in solchen Fällen dazu verhelfen, dem Hund wieder ein tiergerechtes Leben zu ermöglichen.
Hunde durchlaufen bis zu ihrer sozialen Reife, die individuell unterschiedlich und rasseabhängig im Alter von 18 bis 24 Monaten erreicht ist, verschiedene Phasen der sozialen Entwicklung. Während dieser gesamten Verhaltensontogenese gibt es mehrere sensible Phasen, die von ganz entscheidender Bedeutung für die spätere Auseinandersetzung des Hundes mit seiner sozialen Umwelt sind. Eine wichtige sensible Phase betrifft den Zeitraum von der 4. bis zur 14. Lebenswoche (bei einigen Rassen bis zur 20. Lebenswoche). Junghunde sind in dieser Entwicklungsphase extrem sensibel gegenüber speziellen Reizen der kommunikativen Umwelt, die sich auf ihre soziale Ausformung in der Auseinandersetzung mit Sozialpartnern beziehen. In dieser Zeit wird das spätere "Handlungsvermögen" der Tiere festgesetzt. So sind zum Beispiel Dominanz- und Unterwerfungsgesten angeboren, jedoch müssen Welpen lernen, wann diese Gesten gezeigt werden müssen und wie diese Gesten bei anderen Artgenossen aussehen. Fehlen jetzt soziale Kontakte (sozialer Erfahrungsentzug), so sind die betreffenden Tiere später vielfach nicht mehr in der Lage, normale soziale Beziehungen zu entwickeln. Dies trifft im Hinblick auf den Sozialpartner Mensch und auf Artgenossen zu. Nach Hart u. Hart (1991) ist die Neigung mit anderen Hunden zu kämpfen, Ausdruck einer nicht erfolgten Sozialisation, bei der der Hund hätte lernen müssen, durch Drohgebärden und Unterwerfungsgesten Konflikte beizulegen, ohne wirklich zu kämpfen. Deprivation in dieser sensiblen Phase führt außerdem zu Fehlentwicklungen des Gehirns, die im späteren Leben zu verstärkten Angst- und Aggressionsreaktionen in Stresssituationen führen können.
Bei Hunden, die einen Maulkorb tragen, ist das mimische Ausdrucksverhalten eingeschränkt. Beiß- und Kampfspiele, zum Beispiel um ein bestimmtes Spielzeug, mit Artgenossen sind unmöglich. Zusätzlich schränkt auch ein gut passender Maulkorb die Körpertemperaturregulation (Hecheln) ein, so dass auch schnelle Laufspiele mit Artgenossen nur eingeschränkt möglich sind. Gerade diese Laufspiele mit Artgenossen und viel freie Bewegung (artgemäße Bewegung) sind für den Junghund zum Aufbau von Muskulatur, Knochen und Gelenken wichtig, um späteren Schäden vorzubeugen. An der Leine neben dem Fahrrad herzulaufen oder mit dem Besitzer zu joggen, sind eintönige Bewegungsabläufe, die z.B. bestimmte Gelenke sehr stark beanspruchen. Der junge, noch wachsende Hund, kann keine Pausen einlegen oder eine andere Geschwindigkeit wählen, wenn es für ihn nötig wäre.
Angeleinte Hunde mit Maulkorb haben im Falle eines Angriffs durch einen Artgenossen keine Verteidigungsmöglichkeit. Je nach Schwere dieses traumatischen Erlebnisses kann es bei dem betroffenen Hund zu sozialer Unsicherheit, Nervosität, hysterischen Reaktionen oder Aggressivität kommen (traumatische Verhaltensstörungen nach Lernprozessen).
Kann ein Hund sich normal entwickeln, wenn er permanent Maulkorb und Leine tragen muss?
- Ja = 52°39.744‘N
- Nein = 52°39.775’N
Hunde regulieren ihre Körpertemperatur durch Hecheln. Ist dies mit Maulkorb uneingeschränkt möglich?
- Ja = 010°42.857‘O
- Nein = 010°43.317’O