Der Lingwurm
Es ist Brachmonat (Juni). Gegen Mittag erreicht die grosse Herde weidender Schafe von den "Beschu Bodmu", wo sie im "Färrich" nächtigen, durch die "Altu Waldu" heraufsteigend, das "Gibidum". Die Mittagssonne ist für die Wollträger unerträglich. Sie suchen Schatten unter Felsvorsprüngen und drängen sich dort dicht zusammen, wobei sie das verspeiste Gras wiederkauen. Die Hirten sagen, "jetzt hitzund d'Schaf", und sie können diese für einige Stunden sich selbst überlassen. Dabei eilen sie den Bergrücken hinunter zu den "Schafutolini" in der Nähe des Gebidemsees, einer Bergwiese zwischen Bodenlöchern im weissen Kreidefelsband. Dort lagern sie zum Mittagsmahl, öffnen ihre Ledertaschen oder "Spiismale" und tun sich gütlich an Roggenbrot, Trockenfleisch und Käse. Dazwischen wird immer wieder die "Battila gestitzt", und der noch kühle Mischelwein oder "Gwäs" gluckst aus dem runden Loch der Holzflasche in die durstige Kehle.
Geri, einer der jüngsten Hirtenbuben, fragt da plötzlich, als er den Bergsee betrachtet: "Ist es wohl wahr, dass unser See einst ein Drachennest war, und dass ein fürchterliches Ungetüm darin lagerte?". "Stimmt", gibt Josi, ein alter Junggeselle, der nach dem Mittagsbrot wieder seinen Lärchenzweig zwischen die Zähne geschoben hatte, zur Antwort. Und er fährt fort: "Ein Lindenwurm war's mit einem baumdicken, langen Schwanz, den er öfters in der Luft schwang, wenn er mit seinem breiten Bauch, den zusammengefalteten Fledermausflügeln und dem Hornpanzer auf dem Rücken im Neste lag und auf Beute lauerte. Witterte er aber ein Lebewesen auf dem Berg oder an den Abhängen des Nanztals oder gegen das Rüspeckdorf zu, dann schoss sein Riesenechsenkopf am langen Hals hervor, und die mannkopfgrossen Feueraugen erspähten bald das Opfer. Nun war es um dieses geschehen. Ob Mensch oder Kuh, ob Schaf, Geiss oder Gämse, alles musste dem Zauber dieser Augen und dem Hauch aus seiner Nase unwiderstehlich folgen. War die arme Kreatur schlafwandlerisch in die Nähe des Drachen geeilt, dann öffnete er seinen Rachen und verschlang sie. Eine fürchterliche Plage war das für die ganze Gegend, und niemand wusste einen guten Rat. Da geschah folgendes: Im Dorf Nanz - es stand einmal zuunterst im "Nidroschtabodu", erschlug ein Mann seinen Nachbarn im Streit. Das Gericht von Naters, zu dessen Zenden und Kirche das Nanztal gehörte, verurteilte den Schuldigen zum Tode. Die Nanzer aber und die Bewohner des Dorfes Rüspeck, die kirchlich auch zu Naters gehörten, traten nun mit der Bitte vor das Gericht, man solle den Verurteilten freisprechen, wenn es ihm gelänge, den Bergdrachen zu töten. Das Gericht ging auf den Vorschlag ein, und der Verurteilte sagte zu. Er liess sich nun ein dickes Lederkleid machen, das den ganzen Körper bis zu Mund und Nase bedeckte. In die Lederschichten wurden scharfe Spiesse und Sensespitzen eingenäht und befestigt, so dass ihre Spitzen nach aussen ragten, wie bei einem Igel die Stacheln. In die Hände nahm er scharfe Messer. So ausgerüstet schritt er von Terminen herauf, dem Drachennest zu. Bald sahen ihn die Drachenaugen, und die Drachennase stiess einen betäubenden Dunst aus, dem der Stachelmann sogleich folgen musste. Und schwups, schon verschlang ihn das Drachenmaul. Doch, das war eine verderbliche Beute. Die rutschte nicht den langen Hals hinunter. Die Spiesse und Sensenspitzen drangen in die Wände des Schlundrohres und durchstachen es sogar. Blut spritzte dem Drachen aus dem Maul, aus der Nase und den Halswunden. Da half kein Würgen und sich Wälzen. In seinem Schmerz hob sich der Drache auf seine Krallenfüsse, spreitzte die Flügel und schwang sich in die Luft. Ob der Luftbewegung, die dadurch entstand, wackelten drunter im Dorf und in Zeneggen die Kirchtürme. Der Drache überflog das Nanztal und liess sich in einer ansteigenden Mulde der gegenüberliegenden Talseite nieder und verendete. Mit den Messern schnitt sich unser Stachelmann ein Loch in den toten Drachenhals und kroch heraus. Dann entledigte er sich seines stacheligen Lederpanzers und dankte Gott für seine Rettung. Er war wieder ein freier Mann und der Mord war gesühnt. Der tote Drache aber ist als S-förmiger Wall noch heute sichtbar, wie ihr seht", und damit zeigt Josi mit dem Finger auf die rechte Seite des Nanzales, wo nördlich dem Glattwang einst der abschmelzende Gletscher eine S-förmige Moräne zurückgelassen hat, die noch heute "zum Lindwurm" heisst.
Das Drachennest aber ist der heute so friedliche Gebidenmsee, in dem sich die Bergriesen spiegeln, der die Kühe, Geissen und Schafe mit seinem Wasser tränkt, und bei dem die Hirten und Bergwanderer so manche frohe Stunde verbringen, wenn sie an seinen Ufern lagern oder im Wasser plantschen. In früheren Zeiten entstieg aber diesem Nest mehrmals im Monat Mai der Lindwurm, wenn dem für die Bewässerung der Voralpen gestauten See eine plötzliche Schneeschmelze oder ein grosser Regen viele Wasser zuführten. Dann überbordete der See oder es riss der Damm. Der Wasserschwall frass sich gleich unter dem See in die lockeren Hänge des Riedgrabens. Eine lehmige Mehlsuppe stürzte als "Wieggisch" zu Tale, Steine, Bäume, Brücken, Mühlen und Ställe mit sich reissend. Drunten im Sevinet und entlang der Vispe entledigte er sich seiner Beute. So geschah es im Mai 1907 und in geringerem Masse mehrmals später. Darum wurde der Seespiegel durch Schlitzung des Dammes gesenkt und im Riedbach durch Verbauungen und Aufforstung dem "Wieggisch" oder Drachen die Bahn versperrt.