Der Nettelbeckplatz im südlichen Wedding lebt von seiner Zerrissenheit. Und gerade deshalb sollte man mal da gewesen sein.
Schickt sie als allererstes hierhin, die Besucher, die Touris, und wenn sie dann noch wollen und können, dann dürfen sie sich gerne den Rest der Stadt anschauen. Oder vielleicht doch lieber nicht. Weil der Nettelbeckplatz, dieses große graue Nichts, eben gerade nicht vom Dasein, sondern von der Abwesenheit vieler Dinge lebt.
Dienstags ist Wochenmarkt, da gibt es knallbunte Plastikhandtaschen zum kleinen Preis, der den meisten aber trotzdem zu groß ist. Traurig stehen die paar Wagen auf dem viel zu großen Platz, daneben hockt ein Typ auf der Bank, verschwollene Augen, Pflaster am Kinn, Blick ins Weddinger Nichts. Volksfest ist hier eh jeden Tag.
Da kreisen sie umeinander, die Hageren und Dicken, die Gehetzten und die Watschler, die Assis, die Druffis, die Rumänen und längst auch die Holzfäller-Spargel der Spiegelreflex-Avantgarde, die noch mal ganz andere Schnurrbärte tragen als die alten Türken, die sich im Vorbeigehen ein respektvolles "Merhaba" zuraunen.
Bis in die 80er war das hier ein normaler Kreisverkehr, so wie heute noch der Moritzplatz, stinkender Korso um eine verlotterte Grünfläche, auf der, wie man hört, die Jungs der Gegend auch den einen oder anderen Einzelkampf austrugen, Faust auf Faust, und der Ringrichter hatte meist frei.
Dann wurde der Verkehr beruhigt, die Fahrbahn zugepflastert, die Gerichtstraße geteilt, und schließlich haben sie auch noch einen Brunnen mittendrauf gesetzt, er hat den einzig denkbaren Namen: „Tanz auf dem Vulkan“.
Ganz so schlimm ist es heute ja doch nicht mehr, die Gangs machen jetzt was anderes, Familie oder was, und in den Magendoktor gehen mittlerweile auch Studenten.
Seltsam ist jedenfalls: Wer nicht gleich beim ersten Mal abgehauen ist, der kommt dann doch immer wieder. Als hätten sie in den Brunnenmännchen ein paar Magneten verbaut. Aber wenn man drüber nachdenkt, passt es ja dann doch. Es ist hier eben alles so richtig schön hässlich. So hässlich, dass es schon wieder stimmt...
Städtebaulich betrachtet klingt das dann so:
Der von Platanen bestandene, dreieckige Stadtteilplatz an der Reinickendorfer Straße wurde mit wenigen Mitteln umgestaltet.
Der alte Baumbestand an Platanen konnte dabei vollständig erhalten bleiben und mittels markanter kreisrunder, roter Sitzflächen direkt in die Gestaltung mit einbezogen werden. Neben der identitätsstiftenden Wirkung dieser roten Elemente, wurden somit auch Konflikte zwischen unterschiedlichen Nutzergruppen entflochten sowie der Aufenthalt im Platzinnenraum gestärkt.
Am nördlichen Rand des Platzes wurde das "gastronomische Band" ergänzt und erweitert. In Ost-West-Achse verläuft ein Promenaden-Band, welches ebenso Platz für die angrenzende Gastronomie bietet und zugleich den Fuß- und Radwegeverkehr über den Platz neu lenkt. In unterschiedlichen Abständen gesetzte Gehölzhecken aus Rosen und Kirschlorbeer entschleunigen einen Teil des Bandes und geben eine räumliche Struktur.
Eine gewisse Gurdrun Müller schrieb auf Google Maps über diesen Ort:
Ein wunderbarer Platz, schön zum entspannen. Man blickt gerne auf die andächtige Skulptur, die dem Platz ein hübsches Ambiente leiht. Störend ist nur der Kiezbekannte Trinkbruder XY (Name wird hier nicht genannt, ist der Redaktion aber bekannt), der dort täglich betrunken liegt. Aber kleiner Tipp: freundlich fragen hilft, dann wechselt er in die nahe Kneipe! Daher nur vier statt fünf Sterne.
Und das Berlin Lexikon weiß noch mehr Details:
Die Skulptur "Tanz auf dem Vulkan" steht in Wedding, auf dem Nettelbeckplatz. Sie wurde von Ludmilla Seefried-Matejkowa 1988 geschaffen. In einem großen runden Brunnenbecken (Granit, Durchmesser ca. 7 m) befindet sich ein etwa zwei Meter hoher Vulkan. Auf seinem geneigten Kegel tanzen zwei lebensgroße Pärchen (Bronze), eins zueinander gekehrt, bei dem anderen wendet sich der Mann völlig ab, während seine Partnerin die Arme nach ihm ausstreckt. Vor den Tanzenden steht eine Sängerin mit Mikrophon, am Fuß des Kegels sitzt ein Mann am Klavier und spielt. Aus dem Krater dringen – flüssiger Lava gleich – Wasserfontänen und ergießen sich über Klavier und Spieler. Vor dem Vulkan sind sechs weitere Fontänen plaziert.
Ein wahrhaft teufliches Detail jedoch entgeht den meisten Augen!
Kannst du dem Brunnen sein dämonisches Geheimnis entlocken? Begebe dich dafür an den Startpunkt.