Verwirrender Vonitiv
Grammatik ist nicht jedermanns Sache, das Deklinieren schon gar nicht. Darum wird ein Fall
immer beliebter: der Vonitiv. Der Name sagt Ihnen nichts? Sie kennen ihn bestimmt! Der
Vonitiv ist der Tod von dem Genitiv.
Solche Schlagzeilen können einem den ganzen Tag verderben: "Mutter von vier Kin-
dern erschlagen". Das ist doch wirklich nicht zu fassen: Die Jugend wird wirklich
immer brutaler! Vier Kinder rotten sich zusammen und erschlagen eine Mutter. Was
um alles in der Welt hat sie nur dazu getrieben? Wessen Mutter war diese Mutter
überhaupt? Und was geschieht mit den vier Mörder-Kids? Fragen über Fragen.
Fragen, die man sich nicht zu stellen brauchte, wenn die Schlagzeile anders lautete,
zum Beispiel: "Mutter vierer Kinder erschlagen". Das setzte beim Verfasser der Zeile
allerdings Kenntnisse über den Gebrauch des Genitivs voraus.
Schon folgt der nächste Schock: "Außenminister von Japan ausgeladen". Wie denn,
wo denn, was denn, welcher Außenminister? Doch nicht etwa unser Bundesaußen-
minister? Die japanische Regierung hat unseren Außenminister ausgeladen? Was
haben wir denn falsch gemacht? Waren wir nicht nett genug zu den Japanern? Liegt
es daran, dass wir uns immer noch weigern, Walfleisch zu essen? Erst beim Lesen
der Unterzeile erfährt man, dass es der japanische Außenminister ist, der ausgeladen
worden ist, und zwar von der chinesischen Regierung. Darauf hätte man natürlich
auch gleich kommen können, wenn dort gestanden hätte: "Japans Außenminister
ausgeladen" oder "Japanischer Außenminister ausgeladen".
Grundsätzlich ist gegen die Umschreibung des Genitivs mithilfe des Wörtchens
"von" nichts einzuwenden. Unsere praktisch veranlagten Nachbarn, die Nieder-
länder, haben den Genitiv schon vor Jahrhunderten abgeschafft, was dazu führte,
dass "van" zum berühmtesten Wort der niederländischen Sprache geworden ist,
gleich nach "kaas" und noch vor "strottehoofdontsteking" (Kehlkopfentzündung).
Doch Umschreibungen mit "von" können zu Missverständnissen führen. So wie in
diesem Beispiel vom November 2005: "Zwei Minenräumer von Schweizer Organisa-
tion im Sudan getötet". Nicht genug damit, dass sich die Sudanesen untereinander
bekriegen, nun machen auch noch Schweizer Organisationen das Land unsicher und
jagen tapfere Minenräumer in die Luft! Ausgerechnet die Schweizer: Erfinder der
Neutralität und des Roten Kreuzes – von denen hätte man so etwas am wenigsten
erwartet.
Nicht weniger irritierend war jene Meldung vom Mai 2005, in der es hieß: "In Pakis-
tan ist ein ranghohes Mitglied der al-Qaida von Osama Bin Laden gefasst worden."
So mancher Leser dürfte sich gefragt haben, ob Osama Bin Laden die Seiten gewech-
selt habe und jetzt Jagd auf seine ehemaligen Verbündeten mache.
Bevor man sich für eine Konstruktion mit "von" entscheidet, sollte man sich verge-
wissern, dass sie nicht falsch interpretiert werden kann. Das Wort "von" stellt eine
Beziehung zwischen zwei Wörtern her, aber nicht immer ist von vornherein klar, wie
diese Beziehung aussieht. Und kompliziert – da doppeldeutig – wird es schnell,
wenn ein Perfektpartizip ins Spiel kommt. Nehmen wir nur mal die Überschrift
"Mörder von Susanne verurteilt". Dies wirft doch ein recht seltsames Licht auf unse-
ren Rechtsstaat. Wenigstens auf die Methoden der Presse. Selbst wenn bei diesem
Mordprozess alles mit rechten Dingen zuging, so ist es doch unüblich, die Richterin
nur mit ihrem Vornamen zu nennen. Die Feststellung, dass in Deutschland "immer
weniger Autos von Polen gestohlen" werden, ist hingegen beruhigend – vor allem
für die Polen, die nicht mehr um ihre Autos fürchten müssen, wenn sie die Grenze
nach Deutschland überqueren.
An der Formulierung "Wenn ich König von Deutschland wär" ist nichts auszusetzen,
es muss nicht "Wenn ich Deutschlands König wär" heißen. Zumal die grammatische
und inhaltliche Beziehung zwischen Deutschland und König unmissverständlich ist.
Aber bei der Frage "Wurde Entführung von Patrick in Italien geplant?" ist der Zu-
sammenhang zwischen der Entführung und Patrick alles andere als eindeutig. Ein-
deutig wäre er im Falle von "Patricks Entführung" – im Falle des zweiten Falles also.
Vielen mag der Genitiv heut altmodisch und gespreizt erscheinen. Er hat aber einen
Vorzug, den man ihm nicht so leicht absprechen kann: Er sorgt für Klarheit und Un-
missverständlichkeit. Ein weiteres mehrdeutiges Fundstück: "Bis heute ist noch nie-
mand für die Ermordung von Präsident Ndadaye zur Verantwortung gezogen wor-
den". – Kein Wunder, wie soll der Präsident jemanden zur Verantwortung ziehen
können, wenn er doch gar nicht mehr lebt?
Große Freude schließlich beim Lesen der letzten Schlagzeile des Tages: "Käfighaltung
von Hühnern verboten". Da haben die fleißigen Eierlegerinnen und Körner-
pickerinnen ihr Schicksal offenbar selbst in die Hand genommen und mutig ein Kä-
figverbot erlassen. George Orwells "Farm der Tiere" lässt grüßen. Heute würde man
wohl sagen: "Die Farm von den Tieren".
©Bastian Sick "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" Folge 3
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Erfreuet euch des Fundes!
Anmerkung: Nach den diversen Log-Einträgen bezüglich eines Hundes (Entschuldigung, ich habe gar nicht daran gedacht, dass die Hündin ja immer frei herumläuft) kann ich euch raten, den Zugang zum Cache-Versteck von der Wienerstraße aus zu wagen.