Von meinem Alleskönner-Mitbewohner Ben hab ich euch ja schon erzählt. Seit Kurzem liest er wieder in seinem Kryptographiebuch und natürlich muss er alles ausprobieren, was er dort lernt.
Also komme ich morgens nichts ahnend in die Küche geschlurft und dort, wo sonst die Kaffeemaschine steht, liegt ein Zettel voll Kauderwelsch. Ben, der am Küchentisch sitzt, klappt selbstzufrieden sein norwegisches Drama über Puppen zu und grinst mich an. Ich starre verstört-panisch zurück und verlange eine Erklärung.
Großer Fehler...
Als hätte er nur darauf gewartet legt er los und hält einen atemberaubenden Monolog über die Bequemlichkeiten der modernen Elektroindustrie im Vergleich zur harten Handarbeit der Vergangenheit. Ob mir denn nicht klar sei, dass Millionen Frauen jahrhundertelang in die Küche verbannt wurden und kaum teilhaben konnten an Politik, Wissenschaft und Kultur. Und auch heute noch seien wir weit entfernt von Gleichberechtigung. Und währenddessen beschäftigten sich die Herren der Schöpfung mit Literatur und Wissenschaft (wütend schüttelt er dabei sein Kryptographiebuch mit der einen und sein Theaterstück mit der anderen Hand). Und wir beide seien kein Bisschen besser, bequem in unserer Bürgerwohnung in der ersten Welt sitzend und uns Sushi liefern lassend wann es uns passt. Das sei doch zum Ausrasten. Bei diesen Worten wirft er die beiden Bücher von sich. Das Krypto-Buch bleibt offen liegen und zeigt ein Quadrat aus gegeneinander verschobenen Alphabeten und ein Portrait, darunter Jahreszahlen aus dem 16. Jahrhundert und ein Name mit V, der irgendwie französisch anmutet.
Um uns etwas Bescheidenheit beizubringen, habe er deshalb unsere Haushaltsgeräte deaktiviert.
Ich sehe mich um und wirklich: Nicht nur die Kaffeemaschine ist weg, sondern auch der Wasserkocher und der Toaster. Um die Geschirrspülmaschine hängt eine Kette mitsamt Vorhängeschloss und der Kühlschrank ist abgetaut und das Stromkabel abmontiert. Mein Blick landet wieder auf der Chiffre. Ich halte sie hoch und sehe ihn fragend an.
Dieser Text, so erfahre ich, offenbart wieder die Koordinaten einer Dose, die er zu Ehren einer uns beiden bekannten kleinen neuen Erdenbürgerin, die kürzlich zur Welt gekommen ist, gelegt habe. Wenn es mir gelingt die Dose zu finden, würde unsere Küche reaktiviert.
Aha. Bens kürzlicher Kontakt mit dem süßen kleinen Schreihals ist also verantwortlich für diesen plötzlichen Anflug von feministischem Eifer. Warum ich die Chiffre lösen muss, um mein Recht auf Kaffee zurück zu gewinnen, bleibt mir schleierhaft, aber ich weiß es besser als mit Ben in diesem Zustand zu diskutieren. Also begnüge ich mich damit darauf zu bestehen, dass Bens Rasierapparat und Fön mit in sein Embargo einbezogen werden, und mache mich an meine Aufgabe.

(Die Quersumme aller Ziffern beider Koordinaten ist 41)