Doch während der Vernehmung fielen Stan DeCode ein paar Ungereimtheiten in der Geschichte und im Verhalten des Verdächtigen auf und nun versuchte er diese für sich zu ordnen. War dieser Fall doch noch nicht abschließend geklärt oder sollte er ihn einfach zu den Akten legen, denn schließlich war der Mörder ja gefasst. Aber sein Ehrgeiz und seine Überzeugung, warum er zur Polizei gegangen war, übermannten ihn und er konzentrierte sich nochmals auf die Beobachtungen, die er zuvor bei der Vernehmung gemacht hatte.
- Der Festgenommene war viel zu gelassen als er es sonst so kannte
- Dieser äußerte, dass "es noch nicht zu Ende sei", wenn auch sehr beiläufig
- Der Festgenommene wirkte schlau und gerissen, diese Verschlüsselungen und Codes zu nutzen
- aber war in Stan DeCodes Augen kein brutaler Mörder
- Die Schnittwunden des Opfers zeigten eine absolute Präzision und der Festgenommene wirkte eher grobmotorisch
- Am Tatort sah es nach einem Kampf aus, hätte dieser Mann den Toten alleine überwältigen können?
- Weiterhin hatte der Festgenommene nur sehr kurz mit seinem Anwalt gesprochen, was untypisch war
Das reichte Stan DeCode um seinen Feierabend zu verschieben und zumindest mal an einige Türen zu klopfen. Er rannte den Gang hinunter zu dem Telefon, welches für die überführten Täter hinten an der Wand hing, damit diese ihren Anruf beim Anwalt nutzen konnte. Er sah, wie bereits einer seiner Kollegen einem weiteren Festgenommenen in einem anderen Fall den Hörer in die Hand drückte und dieser begann zu wählen. Im letzten Moment erreichte er das Telefon und drückte auf die Gabel. War es zu spät? War zwischendurch schon jemand hier gewesen?
Stan DeCode scheuchte den Mann zur Seite, zwinkerte seinem Kollegen zu und drückte auf die Wahlwiederholung. Es tutete 4x, doch niemand hob ab. Doch dann meldete sich ein Anrufbeantworter:
"Dies ist der Anschluss von Dr. Cemesoo. Ich bin gerade nicht zuhaus, bitte hinterlassen Sie mir eine Nachricht und ich melde mich umgehend zurück. Danke."
Stan DeCode knallte den Hörer auf die Gabel und ging in sein Büro, dort schaltete er den Computer ein, öffnete das Internet und gab den Namen in das Online-Telefonbuch ein. Es gab nur einen Treffer und so hatte er eine Adresse, sprang in seinen Dienstwagen und raste los. Viel zu schnell und ohne Blaulicht raste er durch die Stadt, sein Adrenalinspiegel war jetzt schon ziemlich hoch.
Bei der Adresse angekommen fand er ein scheinbar schon länger leerstehendes Haus an, die kontaktierte Spurensicherung traf auch wenig später ein. Gemeinsam arbeiteten sie sich durch die verschiedenen vollgestellten aber fast verwahrlosten Räume. Im Arbeitszimmer stockte er für einen Moment. Stan DeCode hatte den Anrufbeantworter gefunden bei dem eine "1" auf der Anzeige blinkte. Er zögerte kurz und drückte dann die Abspieltaste. Gleich würde er mit Sicherheit wissen, ob er mit der Adresse richtig lag und was der Mörder am Telefon gesagt hatte.
"peeeeeeep... Sie haben eine neue Nachricht:... Quentin Roberts gelang ein SOS... peeeeeeep"...
Stan DeCode stand regungslos da. Die Zeit schien still zu stehen. Was war da gerade passiert? War das wirklich alles? Das kann doch nicht sein. Aber es war eindeutig die Stimme des Mannes, den er zuvor festgenommen hatte. Was soll das? Doch dann verstand er, dass es wohl ein geheimes Notrufzeichen war mit dem er diesen Dr. Cemesoo gewarnt hatte und dieser nun weg war.
Gerade wollte er laut fluchen als ihm ein Kollege von der Spurensicherung an die Tür klopfte und ihm einen Zettel überreichte, der im Mülleimer des Arbeitszimmers gefunden wurde. Er nahm den Zettel an sich und wusste, dass er wieder im Rennen war.
Aber im zweiten Augenblick hatte er das Gefühl, dass diesmal irgendetwas grundlegend anders sein sollte...
