Die Sage von Schwan:
Tief im Berg, weit unter den Wipfeln des Waldes und bar eines jeden sichtbaren Zuganges, liegt ein tiefer, klarer See. Dort, wo sich seit Menschengedenken keines Mannes Fuß mehr hingewandt, auf blaukristallenem, stillem Wasser, in tiefster Ruhe und Abgeschiedenheit, schwimmt seit Anbeginn aller Zeiten ein schneeweißer, wunderschöner Schwan. Sein reines Gefieder schimmert im Licht der Salzkristalle, die den See mit seinen sanften grünen Ufern umschließen und ihr Leuchten zu allen Zeiten nur zu einem Zwecke gaben, nämlich dem, dem prächtigen Vogel seinen Weg zu weisen.
Die flachen Ufer rufen den Schwan, locken ihn seit unendlichen Zeiten, bieten ihm ihr saftig grünes Gras zur Speise und ihre warme Erde zur Ruhe, doch darf der Weißgefiederte diesen Verlockungen nicht folgen. Wachsam blicken seine schwarzen Augen in die Runde, denn nichts darf ihn stören bei seinem Weg über den See. Er ist sich seiner Bestimmung gewiß und folgt ihr einsam seit unendlichen Tagen.
Stolz trägt er seinen Kopf hocherhoben, den schlanken Hals im kräftigen Bogen gekrümmt. Denn er weiß, daß das, was er im Schnabel hält, das Wohl und Wehe dieser Welt bestimmt. Mit festem Biß hält er den "Goldenen Ring der Ewigkeit" umschlossen.
Und wehe, der Stolze würde gestört, müßte seinen Schnabel öffnen, um einer Störung seiner Ruhe die Angst entgegen zu schreien! Und wehe, der Ring glitte aus seinem Schnabel und versänke in den dunklen Tiefen des See's! Uns allen hätte an diesem Tage unser letztes Stündlein geschlagen, denn mit dem Ring würde auch die ganze Welt untergehen!
Und darum, neugieriges Menschenkind, sei nie versucht, den geheimen Zugang in den Berg zu finden. Der Hall deiner Schritte würde schon reichen, dem Stolzen sein vieltausendjähriges Wachen böse zu vergelten und allen Menschen ein arg trauriges Ende zu bereiten.
Leb wohl, weißer Schwan, leb lang und ungestört. Halte Deinen Ring fest im Schnabel und erhalte uns unsere Welt!