Jeder steht mal mit dem linken Bein auf, doch an diesem grauen Herbsttag im Jahre 2019 blickte der finstere Thor mal wieder besonders missmutig und gereizt auf die Erde. Er war mit einem mächtigen Kater erwacht (immer diese Saufgelage mit Papa Odin, er hatte sich schon tausendmal geschworen, damit aufzuhören), von seiner schönen Sif war weit und breit nichts zu sehen, niemand hatte Kaffee gekocht und der Marmeladentopf war auch schon wieder leer. Er musste unbedingt bei Gelegenheit herausfinden, wer sich da immer wieder so großzügig bediente...
Thor spürte, wie in ihm eine gewaltige Lust aufkeimte, dem Planeten mal wieder so richtig seinen mächtigen Hammer Mjölnir zu kosten zu geben. Einfach so - Frustabbau nannte man das wohl heutzutage, und der Gedanke kam ihm doch recht reizvoll vor.
Wie also des genervten Gottes Blick so über die sächsischen Lande schweifte (reiner Zufall, es hätten ebenso gut die isländischen oder die der Malediven sein können), fiel ihm eine seltsame Struktur ins Auge. Ringe, Ringe, Ringe - wo hatte er sowas zuletzt schon mal gesehen? Genau, in einer TV-Übertragung, nur waren die Ringe dort hübsch bunt gewesen und die Leute hatten so kleine Pfeile darauf geworfen. Und hieß dieses Spiel nicht gar Thorts oder so ähnlich?
In Thor arbeitete es. Pfeile? Ganz nett, aber könnte man nicht vielleicht auch Blitze nehmen? Blitze schleudern konnte er ja schon immer gut. Also warum nicht mal ausprobieren? Den Hammer konnte er ja nachher immer noch hinterher schmeißen, wenn ihm danach war...
Thor machte sich also ans Werk. Die nötige Regelkenntnis war bei Asipedia schnell recherchiert und die Projektion einer virtuellen Zielscheibe mit einem Durchmesser von 400 Metern ebenso fix programmiert (selbstverständlich ordentlich zentriert und eingenordet, wie es sich für einen Gott gehört).

Natürlich hatte Thor seinen Ehrgeiz und Anspruch. Einfach nur Blitze irgendwohin ballern konnte schließlich (fast) jeder und außerdem war unvermeidlich auch mit Publikum zu rechnen. Also sollte es schon ein perfektes Spiel werden, selbstverständlich die bei den großen Turnieren verwendete Spielvariante und - als angemessene persönliche Zielstellung - am besten ein Nine dart finish!
Hier nun begann sich Thors Miene wieder zu verfinstern: Ausgerechnet bei der dringend benötigten Triple-20 prangte eine hässliche Lücke in der Häuserreihe, durch die die Menschen eine völlig überflüssige Straße gebaut hatten. Er würde wohl ohne dieses Feld auskommen müssen - und dazu auch noch ohne das Bullseye, denn auch dort war vergessen worden, ein Haus, einen Turm oder Mast mit einem geeigneten Blitzableiter aufzustellen. Somit hatte sich der Traum vom Nine Darter schon erledigt, bevor er auch nur begonnen hatte!
Wütend schleuderte Thor seine ersten drei Blitze direkt in den Nibelungenring 46. Während der Blitzableiter noch nachglühte, hatte auch gegenüber die Hausnummer 18 schon einen Treffer weg - schließlich hatte Thor schon immer ein Händchen für Gerechtigkeit und Symmetrie gehabt... Dann begann er nachzudenken. Der Score stand immer noch sehr hoch, und wenn er jetzt nicht aufpasste, würde er am Ende wohl noch nicht einmal mit zwölf statt der erhofften neun Blitze auskommen. Er korrigierte also den letzten Schuss durch zwei gut gezielte Einschläge in Hausnummer 40. Mit drei anschließenden Blitzen auf den Nibelungenring 20 brachte er sich endgültig wieder in die Erfolgsspur, atmete tief ein (unbestätigte Tornadosichtungen in der Nähe von Zwenkau...) und beendete das Leg mit je einem Treffer in die Häuser Nibelungenring 36, 22 und T (den östlichen Eingang). Checkout!
Das hatte gut geklappt, Thors Laune deutlich gebessert, und weil auch sein Brummschädel nun endlich etwas leiser brummte, fing die Sache an, ihm richtig Spaß zu machen. Also gleich noch einmal!
Thor hatte bemerkt, dass bis hierher die Häuser des Triple-Rings unverhältnismäßig viele Blitze abbekommen hatten, wohingegen die anderen noch weitgehend unversehrt davongekommen waren. Wieder regte sich sein Gerechtigkeitssinn und er nahm sich vor, dies im nächsten Leg auszugleichen, selbst wenn sich dadurch die Zahl seiner Würfe (oder sagte man "Schleuderungen"?) erhöhen sollte.
Er begann also diesmal mit einer schönen Runde in die Häuser Siegfriedplatz 1, 2 und 3 und ließ Einschläge im Nibelungenring 47, 51 und 55 folgen. Zufrieden mit dem Ergebnis, ballerte er nun eine radiale Salve auf die Häuser Siegfriedplatz 14, Nibelungenring 48 und 79 und gleich noch eine weitere gegenüber beim Siegfriedplatz 6, Nibelungenring 20 (der tat ihm langsam leid, aber was half es...) und 33. Was für ein Feuerwerk! Thor war begeistert! Trotzdem begannen ihm von der anstrengenden Blitzerei langsam die Augen zu tränen und er sah ein, dass er nun endlich zum Ende kommen sollte. Thor dachte kurz nach und entschied sich zur Fortsetzung mit drei Treffern in den Nibelungenring 33. Jetzt noch schnell zwei Blitze auf die 46 und dann, zum Checkout, noch einen in die Hausnummer H neben der Lücke im Ring - doch was war das? Im Augenwinkel bewegte sich etwas, und dieses Etwas ähnelte verdächtig der verhassten Midgardschlange! Ein kurzer Blick nach rechts - Entwarnung, es war doch nur die Straßenbahn, doch die kurze Ablenkung hatte genügt, um Thors letzten Blitz um ein paar Meter daneben zu setzen. Statt Nummer H traf er auf der anderen Seite der Lücke nur Nummer O.
Natürlich wäre dies kein Beinbruch gewesen, mit drei weiteren Blitzen, zum Beispiel auf die Häuser Siegfriedplatz 2, 5 und schließlich, schön mittig, Nibelungenring R hätte er locker den Checkout schaffen und das Spiel beenden können. Doch wir reden hier nicht über irgendeinen dahergelaufenen Gott sondern über den großen Thor! Der kleine Fehlschlag genügte, um seinen Jähzorn zu wecken. Wütend holte er aus und schmetterte seinen Hammer zur Erde. Der Einschlag ereignete sich Sekunden später nahe
N 51° 17.(T+H+O+R-4) E 012° 23.(T-H+O+R-4)
Und auch wenn Mjölnir, wie immer, sofort in die Hand seines Herrn zurückkehrte, so hinterließ er doch neben einem bleibenden Eindruck - der inzwischen, wie so Vieles im Leipziger Süden, voll Wasser gelaufen ist - auch eine Botschaft seines Herrn auf der sächsischen Erde.
Geh und suche sie!