Ehemalige St. Antoniuskapelle, die heutige Nothelferkapelle
Am Südeingang von Sinzheim – unmittelbar an der Bundesstraße 3 – (visit link) stand bis Ende August 1974 im Schatten einer mächtigen, uralten Linde eine kleine alte Kapelle. Sie war dem hl. Antonius von Ägypten, dem Einsiedler der Wüste, geweiht und eine sogenannte Gelübdekapelle. Im Volksmund nannte man sie auch Pestkapelle. Wahrscheinlich wurde sie in der zweiten Hälfte des 14. Jh. erbaut - Urkunden hierüber sind nicht vorhanden. Sie stand im Zusammenhang mit dem in der Nähe gelegenen Siechenhaus - auch Gutleuthaus genannt - das der Unterbringung der Pestkranken und Aussätzigen diente, die wegen ihrer ansteckenden Krankheiten aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen waren.
Die St. Antoniuskapelle war ein einfaches, aus groben Feldsteinen gefügtes Mauerwerk, aber doch ein eindrucksvolles Zeugnis aus der wechselvollen Geschichte des mittelbadischen Landes und der Ortenau. Der Baustil war romanisch, die Grundfläche betrug 48 qm.
Um 1569 wurde das kleine Gotteshaus erweitert und erhielt das kunstvolle Votivgemälde der »Vierzehn Nothelfer«. Damals war gerade in einer unheimlichen Welle die Pest aus Oberitalien an den Oberrhein gekommen, und die Wallfahrt zu der kleinen Kapelle war besonders groß. Auch die Steinbacher Pestkranken waren damals auf diese Kapelle angewiesen.
In den unmenschlichen Nöten und Hungerjahren des 30jährigen Krieges und der nachfolgenden Erbfolgekriege, kam auch die Landbevölkerung mit dem Vieh immer mehr in große Bedrängnis. Aus jener Zeit stammt auch die große Verehrung des St. Wendelin, des Viehheiligen. Die Kapelle wurde deshalb zusätzlich mit dem Bild des verehrungswürdigen Heiligen - dargestellt als Hirte - ausgestattet.
Anfangs des 17. Jh. erhielt die Kapelle eine wertvolle kleine Glocke, die in Straßburg gegossen wurde und die Inschrift trägt: »Mattäus - Edel - zu - Straßburg - GOS - MICH - 1730«
1750 wurde die Kapelle nach längerer Verfallszeit neu geweiht. Die St. Antonius-Kapelle war das einzige Bauwerk in Sinzheim aus dem Mittelalter und stellte ein Baudenkmal im Sinne des §2 des Bad. Denkmalschutzgesetzes vom 12.07.1949 dar.
Im Zuge des Ausbaues der Bundesstraße 3 - Ortsdurchfahrt Sinzheim - mußte das kleine Gotteshaus wegen einer besseren Linienführung, einer verkehrssicheren und übersichtlicheren Ausgestaltung der Kreuzung: »Bundesstraße - Hauptstraße - Bergseestraße« am 26.08.1974 abgebrochen werden.
In zahlreichen Verhandlungen und mehreren Ortsbegehungen von 1969 - 1973 mit den zuständigen Behörden, Dienststellen und Gremien, erzielte man Einigung darüber, daß die Kapelle mit der künstlerisch wertvollen Pieta aus dem südlich davor gelegenen Wegedreieck, aus dem Jahre 1732 und den auf dem Kapellengrundstück stehenden drei alten, sagenumwobenen Feldsteinen - auch Siechensteine oder Sühnekreuze genannt - an einem anderen würdigeren Standort in neuer Form erstellt wird.
In einer abschließenden Besprechung am 11.07.1974 wurde vorgeschlagen, die neue Kapelle in der Vorbergzone beim Ortsteil Ebenung unmittelbar am Walde auf einem Teilgrundstück der Gemeinde zu erbauen. Der Gemeinderat von Sinzheim gab in der Sitzung vom 24.07.1974 zur Abtretung des Baugrundes, zur Vermessung und zur Bebauung seine Zustimmung. Träger des Bauvorhabens und der Kosten war die Bundesrepublik Deutschland. Mit der Planung und Bauleitung wurde seitens der Straßenbauverwaltung das Staatliche Hochbauamt Baden-Baden beauftragt. Der Vorentwurf für die Kapelle wurde am 28.11.1974 vorgelegt und in der gemeinsamen Sitzung aller Beteiligten am 05.12.1974 besprochen und gebilligt. Der neue Standort wurde nach einer nochmaligen Ortsbegehung am 16. Januar 1975 endgültig festgelegt.
Nach beschränkter Ausschreibung der Arbeiten erfolgte bereits am 29.03.1975 (Fronleichnam) die feierliche Grundsteinlegung durch Pfarrer Alban Kiefer unter zahlreicher Beteiligung der Bevölkerung. Am Sonntag, dem 12. Oktober 1975, fand die Einweihung und Übergabe an die katholische Pfarrgemeinde statt. Die Kapelle wurde den »Vierzehn Nothelfer« geweiht und trägt deren Namen »Nothelfer-Kapelle«.
Aus der ehemaligen St. Antoniuskapelle wurden in das neue, kleine Gotteshaus übernommen:
Teile der Glasfenster, das steinerne Weihwasserbecken, das Glöcklein (visit link) aus dem Jahre 1730 und das große, gut restaurierte Altar-Votivbild der »Vierzehn Nothelfer« (visit link). Es bildet im mystischen Innenraum (visit link) den sakralen Mittelpunkt. Auch der hl. Wendelin (visit link) bekam in der Kapelle einen neuen Platz. In die Außenanlagen zur Kapelle wurden die bereits erwähnten alten Feldsteine (Sühnekreuze) (visit link) und die kunstvolle, steinerne Pieta (visit link) aus dem Jahre 1732 - gestiftet von Anna Barbara Rheinboldin - eingebaut. Links vor dem Eingang zur Kapelle - geschützt durch den gedeckten Vorraum - befindet sich das Gedenkkreuz für den auf der Bundesstraße 3 beim alten Standort der St. Antoniuskapelle am 07. Juni 1958 tödlich verunglückten Diözesan Jugendpfarrer Alfred Beer. (visit link)
Die neue Bergkapelle zu den »Vierzehn Nothelfer« fügt sich mit ihren modernen, aber doch klaren und einfachen Linien und Umrissen gut in die Vorbergzone ein. Sie liegt an einem vielbegangenen Wanderweg unmittelbar am hohen Dom des Waldes. Der Standort bietet eine herrliche Sicht in das angrenzende Sinzheimer Weinland, hinunter in die fruchtbare Rheinebene bis hinüber zum hohen Münster in Straßburg und zu den Vogesen.
Die Kapelle lädt den Wanderer ein zur Rast, zur Besinnung und zum stillen Gebet.
Quellen:
Sinzheim Heimat zw. Schwarzwald, Rhein und Reben von Franz Zoller, Bürgermeister a.D. von Sinzheim
Seelsorgeeinheit Sinzheim-Hügelsheim (sankt-martin-sinzheim-de), Sühnekreuze & Mordsteine (suehnekreuz-de), Wikimedia Commons