Es war einmal… Nun, es sind Märchen oder längst vergangene Geschichten, welche auf diese Weise beginnen… *** Im Mittelpunkt dieser Erzählung steht ein Bramup. – Also ein bisher eher unbekanntes Wesen, welches jedoch so selten gar nicht ist. Obwohl seine Existenz von Wissenschaftlern teils bestritten wird, sind Schriftsteller von seinem Dasein überzeugt. Sie schreiben, das Wesen gehöre zu den sogenannten Gestaltwandlern. So erinnert das Bramup dieser Erzählung äusserlich an die Mischung aus einem glattgeschorenen Widder und einem flugunfähigem Kleindrachen. Seinen Charakter zeichnet aus, dass es im Grunde genommen aufgeweckt und äusserst gutherzig ist jedoch trotzdem unfähig scheint, beim Blick in den Spiegel sein eigenes wahres Antlitz zu erkennen… Und dann gibt es auch noch einen Drachen… «Drachen?» magst du verwundert denken… Ja: Drachen. Diese geheimnisvollen und wundersamen Wesen, welche nicht so recht in unsere heutige Welt zu passen scheinen… – …und die doch hie und da auftauchen, um in unserem Leben oder gar in unserem Herzen ihre Spuren zu hinterlassen… Doch lies selbst:
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Die Geschichte begann an einem Frühlingstag, als das besagte Bramup bei seinem Tagwerk überraschend einen mittelgrossen grün-grauen Drachen entdeckte. – Es betrachtete diesen verstohlen aus den Augenwinkeln und war augenblicklich fasziniert von der Energie und der sanften Ausstrahlung dieses ungewöhnlichen Wesens. Da das Bramup selbst gerade in einer unglücklichen Lebensphase steckte, dachte es, dass es ohnehin nichts zu verlieren hätte. Und so nahm es all seinen Mut zusammen und näherte sich vorsichtig, um den Drachen aus der Nähe zu betrachten. Und siehe da, das mächtige Tier schien weder blutrünstig noch streitlustig zu sein. Im Gegenteil. Es schien sehr offen und kommunikativ, so dass die beiden rasch ins Gespräch kamen und dabei gar Gemeinsamkeiten entdeckten…
Zu den Gemeinsamkeiten kamen rasch die Neugier an den Besonderheiten des jeweils anderen sowie eine gehörige Portion Abenteuerlust hinzu. So kam es bald, dass die beiden wenn möglich Zeit mit einander verbrachten und auf Entdeckungsreise oder Spurensuche gingen. Nach und nach entwickelte sich so eine Freundschaft. Der Drache eröffnete dem Bramup durch seine besonderen Fähigkeiten ganz neue Horizonte. Und das Bramup freute sich, dem Drachen einen Teil seiner Welt zeigen zu können. Dabei erschrak das Bramup zuweilen über sich selbst, weil es sich so viel Kühnheit und Vertrauenswürdigkeit früher nicht hätte erdenken können.
So erlebten sie gemeinsam Monate voller neuer Herausforderungen, duftender Bergblumenwiesen, schmackhaften Herbstpilzen und Mondschein-Höhenflügen. Dabei war der Drache immer mal wieder für eine Überraschung gut. Auch tobten sie gemeinsam herum, massen ihre Kräfte und rannten um die Wette. – Zuweilen malten sie sich gegenseitig Tigerstreifen auf die Haut, weil sie dann das wunderbare Gefühl hatten, sich ähnlich zu sein. Oder sie genossen es einfach, bei Sonnenschein auf einer Waldlichtung spielerisch miteinander zu raufen oder bei Regenwetter eng aneinander gekuschelt in einer Höhle zu liegen und dem Herzschlag des Gegenübers zu lauschen.
Eines Tages jedoch bemerkte der Drache, dass der Herzschlag des Bramup aus dem Takt geraten war. Auch mochte es ihm bei ihrer Begegnung nicht in die Augen schauen. Die besorgte Frage des Drachens nach dem «Weshalb» liess das Bramup unbeantwortet. – Der Drache war ratlos. - Die Wochen gingen ins Land und bei den immer selteneren Begegnungen begann das Bramup dem Drachen Geschichten zu erzählen, die offensichtlich nicht der Wahrheit entsprachen. Drachen tragen das Herz auf der Zunge und sind selbst unfähig zu lügen und so verstand er nicht, weshalb er von seinem Freund so behandelt wurde. Doch je mehr er zu ergründen versuchte, was tatsächlich los war, desto schweigsamer wurde das Bramup und desto mehr wich es dem Drachen und seinen Fragen aus. – Darüber war das magische Wesen sehr traurig. Denn der Drache hatte sich von Beginn der Freundschaft zum Bramup so sehr gewünscht, dass es gelingen würde, durch sein konsequentes Vorleben das Bramup zu lehren wieder uneingeschränkt und vorbehaltlos vertrauen zu können. «Vielleicht», mutmasste das Bramup eines Tages mit gesenktem Blick, «überforderst du mich einfach. – Und es ist schlicht besser für mich, meine Zeit in erster Linie mit Wesen zu verbringen, welche mir sehr ähnlich oder dann in vielen Bereichen unterlegen sind.» Der Drache weinte über das, was er am Bramup und das Bramup an ihm verloren hatte und er flüsterte tieftraurig: «Irgendwann wirst du vielleicht erkennen, dass man nicht zwingend weiterkommt, bloss weil man vor sich und anderen davonläuft.»
Von da an mied das Bramup nach Möglichkeit sämtliche Wege, auf denen ihm der Drache hätte begegnen können. – Der Drache verkroch sich in eine einsame Höhle im Wald, wo er tagelang einzig seinem eigenen Herzschlag lauschte und über die Eigenarten von Freundschaft und Vertrauen sinnierte.
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Wenn du dich ganz still der Höhle des Drachen näherst, erspürst du im moosigen Waldboden vielleicht das nach wie vor kräftig pochende Drachenherz.
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