Schon seit mehreren Wochen ist Schnabbels Gelege vollständig geschlüpft und unser Schnabbel ist stolz wie Bolle auf seine 5 Jungs und 3 Mädels. Jeden Abend geht er zu ihnen ans Nest und meistens hat er auch eine spannende Gute-Nacht-Geschichte am Start. Am liebsten erzählt er den kleinen Feder-Schnütchen von Susi und Brumm. Susi ist ein Menschen- Mädchen und Brumm ist ein Bär. Auch wenn es zuerst etwas merkwürdig klingt - die beiden sind so etwas wie Geschwister und erleben lustige Abenteuer, bei denen dem tolpatschigen Brumm meistens das eine oder andere Mißgeschick passiert. Aber das ist eine andere Geschichte. Heute geht es um die Zeit, als Schnabbel sich sein Brot als Leichtmatrose verdient hat. Und das kam so…
Eher zufällig schnappte Schnabbel die Information auf, dass im Hamburger Hafen wieder „Stauer“ gesucht werden. Was genau so ein „Stauer“ macht, oder was das überhaupt sein soll, wusste er noch nicht so recht, aber angucken wollte er sich das auf jeden Fall. Leider war er nämlich gerade wieder ziemlich abgebrannt und einen Job könnte er wirklich gut gebrauchen. Im Hamburger Hafen fragte er sich dann durch, bis er den richtigen Büro- Container gefunden hatte. Vor ihm warteten noch zwei andere Erpel auf ihr Vorstellungsgespräch. Die sahen allerdings aus, als ob sie zu viel von dem Eigelb genascht hätten. Und mit ihm reden wollten Sie auch nicht. Hielten sich wohl für etwas Besseres. Doch obwohl alles ganz schnell ging und er nicht lange auf sein Gespräch warten musste, ärgerte er sich, überhaupt hergekommen zu sein. Ausgelacht haben sie ihn. Erpel mit ordentlich Schmalz unterm Gefieder würden gesucht werden und nicht so ein halbes Brathähnchen, wie er es angeblich sei. Frechheit! Mit tief hängenden Flügeln zog er ab, um sich schon mal ein Quartier für die Nacht zu suchen. Vielleicht würde das Gebüsch in dem nahe gelegenen Ententeich wieder frei sein.
In Gedanken versunken nahm er den lauten Pfiff zuerst gar nicht war. Und warum sollte der auch schon gemeint sein. Erst als er leicht angeschubst wurde, erwachte er aus seinen Gedanken. Vor ihm stand ein richtiger Seebär. Ein großer, älterer Erpel, in einer Kapitäns-Uniform, die allerdings schon bessere Tage gesehen hatte. Das galt auch für den Käpt`n. Pfeife rauchend musterte er Schnabbel. „So, so. Du suchst also einen Job? Wenn du willst, kannst du bei mir anheuern!“ und zeigte dabei auf das kleine Container- Schiff, das direkt neben ihnen festgemacht war. „Viel Geld gibt es allerdings nicht. Dafür bekommst du genug zu Essen und ein Nest zum schlafen. Also – wie sieht`s aus?“ Schnabbel musste kurz überlegen und fragte dann: „Wo fahren wir denn überhaupt hin? Und was sind meine Aufgaben?“
Und so erklärte der Käpt`n ihm alles, was er so zu tun hätte. Das Wichtigste wäre das Schrubben des Decks. Und eine Kleinigkeit, die er ihm aber erst später auf See erklären würde. Nachdem der Käpt`n ihm auch noch erzählte, was das erste Ziel der Reise sein würde, sagte Schnabbel schnell zu. Und schon wenig später stand Schnabbel in einem schicken, blauen Matrosenanzug ganz oben an Board des Schiffes, bereit, die Kommandos des Käpt`n entgegen zu nehmen. Er freute sich riesig auf die spannende Reise nach Shenzen. Wo genau das liegt, wusste Schnabbel zwar nicht, aber das hört sich irgendwie asiatisch an.
Zuerst fuhren sie hinter den Ostfriesischen Inseln vorbei an den Niederlanden, Belgien und Frankreich. Viel sehen konnte Schnabbel davon allerdings nicht. Erstens wurde sie See auf dem Atlantik etwas rauher und der Kahn fing an zu schaugkeln und sie waren ganz schön weit vom Land entfernt, so dass er das Fernrohr, das er vom Kapt’n bekommen hatte, benutzen müsste. Das größte Hindernis war allerdings, dass der Käpt’n jetzt tatsächlich einige Aufgaben für ihn hatte. Als sie die Keltische See erreichten, kamen Sie in ein Gewitter. Die See wurde richtig rau. Blitze zuckten überall und 6 Meter hohe Wellen schüttelten das Schiff ganz ordentlich durch. Schnabbel war schon ganz grün im Gesicht, als sich das Wetter endlich beruhigte und auch die See ruhiger wurde.
Nach einigen Tagen erreichten Sie dann die spanische Küste und wenig später auch schon Portugal. Da wollte Schnabbel doch schon immer mal hin. Die Strände der Algarve sollen traumhaft schön sein. Ein alter Bekannter von Schnabbel war mal in Lagos und schnatterte in den höchsten Tönen von dieser lauschigen Stadt. Quer durchs Mittelmeer ging es Richtung Sues Kanal und schließlich ins Rote Meer. Hier gefiel es Schnabbel auch besonders gut. Es war sehr warm und das Meer sah wirklich toll aus.
Jetzt verriet der Käp`n ihm, welche weitere Aufgabe er ab jetzt übernehmen sollte und wofür er Schnabbel das Fernrohr wirklich gegeben hatte. Es war gar nicht, damit Schnabbel sich die Küste der exotischen Länder angucken konnte. „Da sind wir sowieso viel zu weit von entfernt!“ Tatsächlich sollte Schnabbel nach Piraten Ausschau halten. Dafür bräuchte er vorerst auch das Deck vererst nicht mehr zu schrubben. Schnabbel hatte auf einmal einen dicken Kloß im Hals. Hatte der Käpt`n das erst gemeint? Piraten? Hatte er! Und so beobachtete Schnabbel an den folgenden Tagen die entfernten Schiffe.
Eigentlich sollte er sich ja vor allem die kleineren Boote angucken, aber Schnabbel guckte auch nach den riesigen Container-Schiffen. Die fand er irgendwie interessanter. Wahnsinn, dass so etwas überhaupt schmimmen kann, dachte er.
Ein entfernter Trawler näherte sich und machte sich dabei verdächtig. Schnabbel guckte durch sein Fernrohr. Auf Deck war nichts Besonderes zu erkennen. „Sieht nicht wirklich nach Piraten aus“, murmelte er und versuchte zu lesen, was auf der Seite des Trawlers geschrieben stand. „Roossss Rrraaamiiilllliiiess“ entzifferte Schnabbel. Aus der Nähe sah das Schiff schon ganz schön alt aus und Schnabbel war froh, nicht auf dem Schiff angeheuert zu haben. Etwas später war der Trawler am Horizont verschwunden – keine Piraten!
Die nächsten Tage begegneten sie noch einigen Schiffen, doch es waren alles „normale Handelsschiffe“. Gestern hatten sie Dschibuti hinter sich gelassen und befinden sich fast Höhe Al-Mukalla, als Schnabbel sich mal wieder ein entgegenkommendes Schiff genauer ansieht. „VIET TRUNG 10 ALCI“ liest Schnabbel vor. Der Käpt`n, der gerade zufällig neben Schnabbel steht, murmelt „General Cargo“ durch seine Pfeife. Doch plötzlich sieht Schnabbel hinter dem Schiff zwei schwarze Schlauchboote auftauchen, die voll speed auf Schnabbel zu halten und dabei mehrere Schüsse in die Luft abgeben. Vor Schreck bekommt Schnabbel keinen Ton raus. Das macht aber nichts, denn der Käpt`n hat die Piraten jetzt natürlich ebenfalls bemerkt. „Mist! Zu spät!“ schreit er und rennt auf die Brücke. Mit voller Kraft voraus und mehreren waghalsigen Kurs- Wechseln versucht er den Überfall der Piraten abzuwehren.
Die kleinen Schlauchboote mit Ihren dicken Außenbordern waren natürlich deutlich schneller, hatten aber Probleme, die Wurfleitern richtig zu platzieren. Das Deck wurde von Schnabbel bewacht. Außer einem Schrubber und dem Wasserschlauch zur Decksreinigung hatte er allerdings nichts, um sich im Notfall zu verteidigen. Irgendwann saß eine der Wurfleitern dann aber doch fest und die Piraten fingen an, nach oben zu klettern. Glücklicherweise brauchten sie dabei beide Hände und konnten so nicht gleichzeitig schießen. Schnabbel erzählte, wie er mit dem Wasserschlauch auf die Piraten gezielt hat und so den einen oder anderen von der Leiter gespült hat. Nur einer schaffte es trotz Schnabbels Dusche bis ganz hoch aufs Deck. Dort bekam er allerdings Schnabbels Spezialbehandlung „de Luxe“ – nämlich „volle Lotte“ den nassen und eingeseiften Feudel um die Ohren. Vor Schreck fiel er gleich wieder über Board und das auch noch auf die anderen Piraten, die unten an der Leiter standen. Leicht angeschlagen brachen die Piraten ihren Angriff ab.
Der Käpt`n ließ die Maschinen noch einige Zeit auf voller Kraft laufen, bis die Piraten außer Sichtweite waren. „Die haben wir abgehängt“, sagrte der Käpt`n und als Anerkennung für seinen Mut wurde Schnabbel auf der Weiterfahrt von der Arbeit an Deck freigestellt. Bis zur Ankunft im Zielhafen gab es keine weiteren nennenswerten Zwischenfälle und der tapfere Schnabbel hatte genügend Zeit, den Rest der Schiffsreise zu genießen und sich den Schnabel zu bräunen. In Shenzen hieß es dann Abschied nehmen vom Käpt`n, der ihn noch einmal für die fleißige Arbeit an Bord des Schiffes dankte und ihm ein kleines Kärtchen mit seiner Telefonnummer zusteckte. „Jemanden wie dich kann ich immer gebrauchen! Vielleicht hast du ja irgendwann mal wieder Lust auf ein kleines Abenteuer – dann ruf mich einfach an!“ Aber Schnabbel winkte ab. Trotzdem legte er sich die Nummer sorgfältig weg. Mann weiß ja nie!
In den nächsten Tagen hat sich Schnabbel erst einmal Shenzen angeguckt und dabei ganz entspannt die Rückreise geplant. Doch auch dabei ging so einiges schief und er hat noch das ein oder andere spannende Abenteuer erlebt. Aber das ist eine andere Geschichte…
