Hier mal wieder ein interessantes und zugleich auch erschreckendes Stück Geschichte!
Westlich Eurer Position befindet sich in Sichtweite das Gelände der ehemaligen „Heeresmunitions-anstalt Neu Tramm“. Dieser unscheinbare Ort in der niedersächsischen Provinz hat einen militä-rischen Hintergrund und war während seiner Anfangszeit Teil der deutschen Kriegsmaschinerie im Zweiten Weltkrieg. Dieser Cache soll Euch die Geschichte dieses Ortes etwas näher bringen. Der Be-hälter befindet sich im öffentlichen Raum und selbstverständlich nicht auf dem besagten Gelände.
Das Gelände:
Nach der Beschlagnahmung des Geländes am 2. Dezember 1938 und dem darauffolgenden erfolglosen Widerstand einiger Anwohner wurden später zwangsweise Kaufverträge für die betreffenden Parzellen unterzeichnet und der Bau der „Heeresmunitionsanstalt Neu Tramm“ (Muna, später Luftmuna) begann. Auf einer Gesamtfläche von 180 ha waren Unterkünfte und Wirtschaftsgebäude für mehrere hundert Personen vorgesehen.
Die Errichtung:
Bereits 1939 wurde mit dem Bau der Anlage begonnen und unmittelbar nach Kriegsbeginn trafen vor Ort die ersten 100 polnischen Zwangsarbeiter an. Der zur Tarnung dienende, künstliche Rundling wurde im Jahr 1940 fertiggestellt. Nach Berichten der US Army sollen sich auf dem Gelände insgesamt 81 Gebäude und Hallen befunden haben, die weitgehend mit Tarnnetzen abgedeckt waren. Der Bahnanschluss nach Karwitz war 1941 jedoch noch nicht fertiggestellt. Ab Dezember 1943 erfolgte auf dem Gelände dann die Errichtung des „Objekts 604“, einer Einrichtung zur Endmontage von Vergeltungswaffen (V-Waffen).
Die Tarnung:
Die Anlage war einem Rundlingsdorf nachempfunden und gut getarnt. Die Tarnung wurde sehr detailreich umgesetzt, u.a. mit den üblichen „Wendenknüppeln“ an den Dächern und Runen am Fachwerk der Gebäude. Es waren zwar zahlreiche Tarnnetze vorhanden, aber keine Flugabwehrgeschütze bzw. diese wurden aus Geheimhaltungsgründen nicht eingesetzt, da das Geschützfeuer den Standort verraten hätte. Aufgrund der umfassenden Tarnung entging die Anlage vermutlich auch dem alliierten Bombenangriff auf das nahegelegene Dannenberg am 20. Februar 1945. Darüber hinaus hatte das Personal nur Einblick in Teilbereiche der Anlage und es war verboten, untereinander über die Arbeit zu sprechen. Die Maßnahmen trugen zur erfolgreichen Aufrechterhaltung der Tarnung bis in die letzten Kriegstage bei, denn der genaue Zweck der Anlage wurde auch der örtlichen Bevölkerung erst nach dem Krieg bekannt.
Die anfängliche Nutzung:
Die Anlage wurde bis November 1942 zunächst durch einige Soldaten der Luftwaffe genutzt. Im Frühjahr 1942 entstand dort zudem ein Lager für in Frankreich konfiszierte Spirituosen, die in großen Mengen herangeschafft und bis 1943 eingelagert wurden. Im Januar 1943 wurden dort zahlreiche Verpflegungsbehälter für die „Festung Stalingrad“ gelagert, die zum Abwurf aus Flugzeugen bestimmt waren, jedoch nicht mehr zum Einsatz kamen und später vermutlich wieder eingeschmolzen wurden. Ab Mai 1943 wurden die Arbeiten zur Fertigstellung des Bahnanschlusses unter großen Anstrengungen vorangetrieben, wobei mehrere hundert zusätzliche Zwangsarbeiter aus Russland sowie internierte Militärangehörige aus Italien eingesetzt wurden. Unter den russischen Zwangsarbeitern befanden sich auch einige Frauen. Im März 1944 wurde schließlich mit der Endmontage der Vergeltungswaffen begonnen.
Die Waffenproduktion:
Da England im Kriegsverlauf weiter bekämpft und letztlich „friedensreif gebombt“ werden sollte, hierzu jedoch keine geeigneten Waffen zur Verfügung standen, erteilte das Reichsluftfahrtministerium (RLM) zu diesem Zweck am 11. Januar 1942 den Auftrag zum Bau einer „Fliegenden Bombe“. Der unter der umgangssprachlichen Bezeichnung „Vergeltungswaffe 1“ (kurz V1) bekannte Flugkörper trug offiziell den Namen „Fieseler FI-103 Kirschkern“ oder „Krähe“, bei der britischen Bevölkerung wurde er wahlweise „Buzz Bomb“, „P-Plane“ oder „Doodlebug“ und bei der Royal Air Force (RAF) „Diver“ genannt.
Bei diesem zigarrenförmigen Geschoss handelte es sich im technischen Sinne um den ersten funktionsfähigen Marschflugkörper. Genau wie die heutzutage üblichen Modelle verfügte es über einen luftgetriebenen Antrieb, einen Sprengkopf und eine Steuereinrichtung. Die Endmontage der im gesamten Deutschen Reich hergestellten Einzelkomponenten für die V1 erfolgte in der Heeresmunitionsanstalt Neu Tramm und wurde erst im März 1945 mangels verfügbarer Bauteile eingestellt. Während die Errichtung der Anlage durch Zwangsarbeiter aus dem Ausland erfolgte, waren an der Endmontage ausschließlich Deutsche beteiligt. Ende 1944 besuchte der Raketeningenieur Wernher von Braun die Anlage.
Technische Daten der V1:
Die V1 verfügte über einen für die damalige Zeit sehr fortschrittlichen Propulsions-Motor (kurz Pulso-Motor) ohne bewegliche Teile. Dieser benötigte neben einer durchgehenden Sauerstoffzufuhr auch eine Starthilfe in Form eines Trägerflugzeugs bzw. einer festen oder mobilen Startrampe. Nach der Beschleunigung auf die „kritische“ Geschwindigkeit von ca. 300 km/h funktionierte das Triebwerk von allein und beschleunigte die V1 weiter auf bis zu 800 km/h. In der Brennkammer befanden sich Ventile für niedrigoktaniges Benzin. Die Funktionsweise, bei der es pro Sekunde zu über 40 Zündvorgängen kam, entspricht im Prinzip der Benzineinspritzung bei Kfz-Motoren. Das Triebwerk war für eine Flughöhe von bis zu 3.000 m ausgelegt und funktionierte nur bei annähernd konstantem Luftdruck, idealerweise fand der Einsatz nachts und bei Bewölkung statt. Aufgrund der konstanten Flughöhe und -geschwindigkeit war die V1 jedoch ein leichtes Ziel für die feindliche Flugabwehr. Die V1 bestand aus Metall und Holz und war mit einem Stückpreis von 3.500 bis 5.000 RM und einem Aufwand von ca. 280 Arbeitsstunden einfach und kostengünstig herzustellen. Auch einige Betriebe in der Umgebung der Anlage fertigten Teile für die V1 an, wobei deren genaue Zweckbestimmung verschwiegen wurde. Der monatliche Ausstoß der Anlage in Neu Tramm belief sich auf ca. 240 Stück. Eine V1 der ersten Generation war rund 8,5 m lang und wog ca. 2 t, davon entfielen ca. 550 kg auf den Treibstoff und 850 kg auf die Amatol-Sprengladung. Die anfängliche Reichweite von 290 km wurde im Zuge der Weiterentwicklung auf rund 370 km gesteigert. Die Genauigkeit belief sich auf rund 12 km. Die im Jahr 1944 entwickelte und ebenfalls in Neu Tramm endmontierte Unterversion „V1 Reichenberg“, die durch einen Piloten gelenkt wurde und faktisch einer bemannten Bombe entsprach, kam im Krieg u.a. in Ermangelung von Trägerflugzeugen und Startrampen nicht mehr zum Einsatz, obwohl für diese Himmelfahrtskommandos (ähnlich den japanischen Kamikaze-Angriffen) ausreichend Freiwillige zur Verfügung standen und ihr Einsatz bereits angeordnet worden war. In Neu Tramm wurden 54 dieser „Reichenberg-Geräte“ montiert, die allesamt den US-Truppen in die Hände fielen.
Einsatz der V1:
Im Juni 1943 begann der Bau mehrerer Abschussrampen am „Atlantik-Wall“. Der erste Abschuss einer V1 erfolgte am 15. Februar 1944. Im Rahmen der „Operation Rumpelkammer“, in deren Verlauf zahlreiche V1 auf England abgefeuert wurden, schlug am 13. Juni 1944 die erste V1 in London ein. Kriegsbedingt wurden später nur noch mobile Abschussrampen verwendet. Von den rund 9.000 bis 10.000 gestarteten V1 erreichten 6.725 England und 2.340 den Großraum London, die übrigen stürzten aufgrund technischer Fehler ab oder wurden durch Jagdflugzeuge und FlaK-Beschuss vernichtet. Aufgrund des Kriegsverlaufs lag London ab November 1944 nicht mehr in Reichweite der V1, sodass sie fortan gegen die Niederlande eingesetzt wurden, hauptsächlich gegen Antwerpen.
Die grausame Bilanz der V1 beläuft sich nach offiziellen Aufzeichnungen auf 6.184 Tote und 17.981 Verletzte, Schätzungen gehen aber von bis zu 12.000 Toten aus.
Die Eroberung:
Am 17. April 1945 erging an die verbliebenen Techniker der Befehl zum Verlassen der Anlage. Die meisten dort aufbewahrten Dokumente wurden bereits eine Woche vorher an einen unbekannten Ort verbracht und sind vermutlich vernichtet worden. Die Zwangsarbeiter verblieben weitgehend im Lager. Ein zur Zerstörung der Anlage eingeteiltes Einsatz-Kommando wurde auf dem Weg zur Anlage von der 29th Infantry Division der US Army gefangengenommen. Lediglich eine Produktionshalle wurde vom Personal der Anlage gesprengt. Am Sonntag, den 23. April 1945 fiel die Anlage nahezu unversehrt in die Hände des 115th Infantry Regiment, das in Richtung Dannenberg vorrückte. Der Widerstand der in der Anlage verbliebenen deutschen Truppen wurde auf Anweisung des Kommandanten eingestellt. Zum Zeitpunkt der Übergabe befanden sich noch rund 700 einsatzbereite V1 sowie 54 intakte „Reichenberg-Geräte“ auf dem Gelände. Die zur Zerstörung der Anlagen angebrachten, aber nicht eingesetzten Sprengsätze wurden wenig später von den US-Truppen entschärft.
Nach dem Zweiten Weltkrieg:
Noch im Mai 1945 wurde die Anlage an die britischen Truppen übergeben, in deren Besatzungszone sich Neu Tramm befand. Die verbliebenen Dokumente wurden bereits vor der Übergabe von den US-Truppen fortgeschafft, die übriggebliebenen Bauteile später von den britischen Truppen und der Zivilbevölkerung, die dafür oftmals praktische Verwendung fand. Außerdem nutzten die britischen „Royal Electrical and Mechanical Engineers (REME)“ die Anlage fortan als Werkstattgelände für Kriegsgerät, hauptsächlich Jeeps, auf dem später bis zu 500 deutsche Arbeiter beschäftigt waren. Seit 1947 wurden dort in großem Umfang beschädigte Fahrzeuge demontiert bzw. neu montiert, rund 50 Stück pro Woche. Am 1. April 1949 zogen die britischen Truppen schließlich ab. Zudem wurde die Anlage im Sommer 1945 zur Aufnahme von Flüchtlingen hergerichtet; bis zum Sommer 1950 hielten sich dort ständig ca. 500 Personen auf. Im April 1949 begann schließlich der Abriss der Anlage. Letztlich blieben nur einige wenige Hallen erhalten. Am 1. Dezember 1949 erfolgte die offizielle Übergabe an den hiesigen Landkreis. Im März 1952 wurde schließlich eine fast 700 Mann starke Einheit des Bundesgrenzschutzes (BGS) nach Neu Tramm verlegt. Die Familien und Betriebe, die sich in der Zwischenzeit auf dem Gelände angesiedelt hatten, zogen in der Folge nach Dannenberg und Umgebung. Die Anlage wurde auf Anweisung des BGS erneut erweitert, u.a. um weitere Unterkünfte, eine Sporthalle und einen Schießstand. Parallel zum BGS nutzte auch die Bundeswehr bis 1974 das Gelände, ehe der BGS abzog und die Bundeswehr fortan alleiniger „Hausherr“ wurde. Die Fernmeldeeinheiten waren zur Überwachung des Ostblocks eingeteilt und gehörten zum Fernmeldesektor B.
Nach dem Kalten Krieg:
Mit dem Abzug der Bundeswehr im Juni 1994 endete die über fünfzigjährige militärische Nutzung der Anlage, die anschließend nur noch gelegentlich genutzt wurde, u.a. als Unterkunft bei Castor-Transporten. Heute befindet sie sich in Privateigentum.
Quellen:
Jochen Tarrach - Ein Hauch von Tausend Jahren
Roger Ford - Die deutschen Geheimwaffen des Zweiten Weltkriegs
Hinweisbild (vom Feldrand aus gesehen mittig):
