Nur selten hat man das Glück, eine „echte“ geologische Besonderheit zu finden. Hier wäre diese Bezeichnung sogar eine Untertreibung, denn das vorliegende geologische Phänomen ist bis heute einzigartig in Österreich und wurde bis jetzt nur 3-4x auf der ganzen Welt gefunden. Ich bin dankbar und stolz, diesen Earthcache in Kooperation mit dem Naturhistorischen Museum Wien (NHM) präsentieren zu können!
Geologie:
Das Gebiet um St. Aegyd am Neuwalde ist Teil der Nördlichen Kalkalpen und liegt an der Grenze des bajuvarischen Frankenfels-Lunzer-Deckensystems im Norden und des tirolischen Ötscher-Deckensystem im Süden. Weiter südlich von Mariazell schließt das Kalkhochalpine Deckensystem des Juvavikums an (Mandl, 2002; Wessely, 2006). Vom Untersuchungsgebiet das am Ostrand der ÖK 50 Blatt 74 (Hohenberg) liegt, gibt es keine moderne geologische Kartierung. Die hier im Bereich der Frankenfelser-Lunzer-Decke auftretenden ältesten Gesteine aus dem Anisium sind dunkle gebankte Kalke und Dolomite der Gutensteiner Formation. Darüber folgt die Reiflinger Formation, welche aus bankigen Kalksteinen mit Hornsteinknollen aus dem Anisium und Karnium
besteht. Eine „Sonderentwicklung“ aus dem Mittleren Anisium bis ins Untere Karnium stellt eine Übergangsfazies von Kalk und Dolomit dar, die ebenfalls dunkel und bankig auftritt. Stratigrafisch folgt darüber der, vor allem im südlichen Gebiet weit verbreitete, Wetterstein- bzw. Ramsaudolomit, welcher aus der Zeit zwischen Ladinium und Unterem Karnium stammt (Mandl, 2002).
Im Norden des Untersuchungsgebietes, wo die Ötscherdecke aufgeschlossen ist, wird die Lunz-Formation angeschnitten, welche aus feinkörnigen Sandsteinen aus dem Unteren Karnium besteht. Darüber lagert großflächig der bankige Hauptdolomit aus dem Norium auf, welcher auch das südliche Gebiet und den Göller aufbaut (Mandl, 2002). Im Süden sind zwischen dem Wetterstein-, dem Ramsau- und dem verstärkt auftretenden Hauptdolomit einige Zwischenlagen der Lunz Formation und Kalkmergel der Kössenformation aus dem Rhätium vorhanden. Im Gebiet des Gippels, der vorwiegend aus dem Hauptdolomit und Dachsteinkalk aufgebaut ist, sind teilweise Konglomerate und Sandsteine der Unteren Gosau-Subgruppe aufgeschlossen, welche aus der Zeit zwischen Turonium und Maastrichtium stammen (Mandl, 2002). Die geologisch jüngsten Einheiten sind quartäre Ablagerungen. Eine direkte Vergletscherung im unmittelbaren Untersuchungsgebiet hat nicht stattgefunden, lediglich beim Göller kann von einer Lokalvergletscherung ausgegangen werden (van Husen, 1987). Flussaufwärts der Lurgenge füllen
quartäre Sedimente, welche aus Sanden und Kiesen bestehen, den gesamten Talboden. Es finden sich Talsedimente und Schotterterrassen an den Hängen und in den Seitentälern flussaufwärts der Lurgenge.

Geografie und Lage
Die Höhlen liegen im Tal der Unrechttraisen zwischen St. Aegyd im Neuwalde im Süden und Hohenberg im Norden (Bez. Lilienfeld, NÖ) nahe der Siedlung In der Walk.
Die Unrechttraisen, ein Zufluss der Traisen, entspringt südwestlich von St. Aegyd am Neuwalde an der Nordseite des Göllers (1766 m) und des Gippels (1629 m). Bei St. Aegyd fließt der Kehrbach in die Unrechttraisen. Im Bereich von St. Aegyd ist eine bis zu 400 m breite Talsohle ausgebildet, welche von beiden Seiten mit Großteils bewaldeten Hängen begrenzt wird. Die aus Dolomit aufgebauten Hänge im Süden weisen eine relativ flache Neigung im Vergleich zu den Kalkhängen im Norden auf. Flussabwärts durchfließt die Unrechttraisen die Siedlung In der Walk und anschließend eine Passage mit schmälerer Talsohle, im oberen Teil dieses Talabschnitts befinden sich an beiden Seiten steile, mit kleinen Felswänden durchsetzte Hänge, die aus Gutensteiner-, Wetterstein- und Raiflingerkalk aufgebaut sind(Wesseley, 2006). In diesem Bereich finden sich an fast allen überhängenden Wandpartien an beiden Talseiten Röhrenkarren. Nördlich, im Bereich Thorhof, verbreitert sich das Tal wieder deutlich und bis kurz vor Außerfahrafeld, wo die Unrechttraisen in die Traisen mündet, ist überall ein 80 bis 450 m breiter Talboden ausgebildet.
Das Naturdenkmal
Der Vergleich mit Simms (2002) und Simms & Parkes (2005) zeigt, dass es sich bei dem Naturdenkmal um Röhrenkarren handelt. Nicht nur die Morphometrie der Lösungsröhren, sondern auch deren ausschließliches Auftreten an der Unterseite von Kalküberhängen bestätigen diese Annahme.
Bereits 1933 wurde von der BH St. Pölten wurde nördl. den beiden Höhlen 1835/14 und 15 wurden diese Löcher gefunden und von Hartmann & Hartmann 1982 als „zahlreiche bohrlochähnliche Miniaturkolke“ an der Decke dieser Höhlen beschrieben. Das weckte das Interesse eines Forschers und der Lokalaugenschein vor Ort stellte ihn vor ein Rätsel. Er fand diese, an Löcher der Bohrmuschel erinnernden Strukturen an fast allen überhängenden Felspartien. Erst die Begutachtung der Fotos durch eine befreundete Karst-Community brachte ein erstaunliches Resultat. Jo De Waele von der Universität Bologna erinnerte sich an eine Publikation von Michael J. Simms aus dem Jahre 2002, in der dieser ähnliche Strukturen in Irland beschrieben hatte. Dieser bezeichnete diese geologische Besonderheit erstmals als Röhrenkarren (tube karren). Diese befinden sich allerdings am Ufer von Seen und die Entstehung wird dort mit Kondenswasserkorrosion und stark schwankenden Seespiegeln in Zusammenhang gebracht. Nicht nur die Morphometrie der Lösungsröhren, sondern auch deren ausschließliches Auftreten an der Unterseite von Gesteinsüberhängen bestätigen diese Annahme. Der Vergleich zeigt eine große Ähnlichkeit der Röhrenkarren in der Lurgenge mit denen aus dem Lough Corrib.
Weitere Funde gab es in Spanien und in ganz geringem Ausmaß in Italien.
Aber warum gerade hier?
Eine knapp talwärts befindliche Gesteinsmasse konnte als Bergsturz identifiziert werden, welcher auch heute noch das Tal verengt und führte ehemals zu einem Aufstau der Unrechttraisen. Dieses Entstehungsmodell wurde durch als Seeablagerungen identifizierte Sedimente inklusive Eiern von Großlibellen oder Strudelwürmer, sowie Schotterterrassen flussaufwärts untermauert.
Vereinfacht gesagt: Wasserspiegelschwankungen des ehemals rund 75 - 100m tiefen Stausees führten zur Bildung der einzigartigen Röhrenkarren.
Röhrenkarren als Indiz für einen spätglazialen, durch eine Massenbewegung aufgestauten See. Durch die relativ geringe Verwitterung der Röhrenkarren und die Form der Massenbewegung wird ein spät quartäres Alter angenommen.
Wie sind die Röhrenkarren entstanden?
Simms (1990, 2002) nennt sie Röhrenkarren bzw. tubekarren und erklärt ihre Entstehung durch den Einschluss von Luftblasen an Überhängen während dem
Ansteigen des Wasserspiegels. In den eingeschlossenen Luftblasen bildet sich durch die Auflast der Wassersäule ein erhöhter Luft- und CO2-Partialdruck, was zur Kondensation von Wassertröpfchen am Gestein und einer erhöhten Konzentration von CO2 in diesen Tröpfchen führt. Dadurch wird die Lösung an der Grenzfläche zwischen Gestein und Kondenswasser deutlich erhöht. Durch die Form der eingeschlossenen Luftblasen bilden sich kreisrunde Lösungsröhren, welche senkrecht nach oben in das Gestein führen. Die napfähnlichen Lösungsstrukturen auf dem Boden werden als „eggbox-pitting“
bezeichnet (Simms & Parkes, 2005). Ihr Vorkommen ist an Seeufer gebunden.
Unterhalb von 545 m.ü.A. wurden keine Röhrenkarren gefunden, obwohl auch in diesem Bereich kleine Höhlen und Überhänge an den Kalkaufschlüssen in der Lurgenge auftreten. Eventuell waren diese Lokalitäten mit quartären Ablagerungen bedeckt und wurden erst im Zuge der Entwässerung des Paläosees wieder freigelegt. Eine weitere Erklärung wäre, dass die im Bereich des heutigen Talbodens gelegenen Überhänge nicht mehr im Einflussgebiet von saisonalen Wasserspiegelschwankungen gelegen sind, sondern durchgehend mit Wasser bedeckt waren. Dadurch kommt es nicht zum Einschluss von Luftblasen, wodurch sich keine Röhrenkarren bilden konnten. Es könnte auch sein, dass sich die kleinen Höhlen und Überhänge in diesem Bereich erst in jüngerer Zeit gebildet haben. Wie lange es dauerte, bis die Röhrenkarren in ihrer Form und Tiefe entstanden sind, lässt sich nur schwer sagen. Das Gebiet der Karren in Westirland war damals vergletschert im Gegensatz zum Gebiet dieser. Bezogen auf Lambeck (1996) geht man von einem Rückgang der Gletscherum 15 Tausend (ka) vor heute aus. Damit ergibt sich eine Lösungsgeschwindigkeit von bis zu 30mm/ka betragen haben kann. Die Maximaltiefen der in der Lurgenge auftretenden Röhrenkarren ist ähnlich.
Basierend auf diesen Interpretationen wurde die Ausdehnung des Sees rekonstruiert. Die Höhenverteilung der Röhrenkarren gibt Aufschluss über einen minimalen Wasserstand von 610 m Seehöhe. Der Maximalwasserstand wird durch eine im Osten der Lurgenge gelegenen Bergsattel, zwischen Haidenhof und Thoreck, auf 642 m begrenzt (Abb. unterhalb).

Abb. Ausdehnung des rekonstruierten Sees bei der minimalen Seehöhe von 610 m (rot) und der maximalen Seehöhen von 642 m (blau). Hintergrund schattiertes Höhenmodell vom Land Niederösterreich. ©Stöger, Land Niederösterreich
Das Abfließen des Sees könnte durch ein Aufbrechen des Dammes oder das Überfließen und rückwirkende Einschneiden des Wassers in die Massenbewegung hervorgerufen worden sein. Das Auftreten von Seetonen bis in hohe Bereich des Bergsturzdammes weist auf eine fast vollständige Verlandung des Paläosees und anschließender rückschreitender Erosion hin.
Verbreitung vor Ort
An den Hängen beiderseits der Unrechttraisen wurden im Gebiet der Lurgenge an 16 der 62 aufgenommenen Aufschlüsse Röhrenkarren gefunden. Diese liegen an der Decke diverser Höhlen und Halbhöhlen, an Überhängen von Felswänden und an der Unterseite von Blöcken.
Südlich der Lurgenge und im weiteren Einzugsgebiet der Unrechttraisen wurden keine Aufschlüsse mit Röhrenkarren gefunden. Hier gibt es allerdings aufgrund des vorherrschenden Dolomits kaum Felswände mit Höhlen oder Überhängen. Im Norden sind die Talflanken durch massive Kalkaufschlüsse begrenzt, in denen etliche Überhänge und Höhlen vorhanden sind, jedoch wurden keine Röhrenkarren vorgefunden.

Foto: blackfish2501 (2019)
Fragen
- Begib dich zur Durchgangshöhle (1835/14) und miss an der Decke im Eingangsbereich ein paar Röhrenkarren in Tiefe und Durchmesser.
- Was könnte der Grund sein, dass es im hinteren Bereich dieser Höhle zu keiner Entstehung von Röhrenkarren kam?
- Beschreibe die Farbe und Oberfläche des Gesteins im Bereich der Karren.
- Mach ein Foto von dir und/oder dem GPS vor der Höhle und hänge es dem Log an.
Danksagung und Hinweis
Dieser Earthcache ist in Kooperation mit der Karst- und Höhlen-Arbeitsgruppe (KHA) des Naturhistorischen Museums Wien entstanden. Hier möchte ich mich besonders bei Mag. Dr. Lukas Plan bedanken, der wertvolle Informationen bereit gestellt hat. Diese Arbeitsgruppe leistet wichtige Forschungsarbeit.
Mit freundlicher Unterstützung von (Verwendung der Logos genehmigt durch Mag. Dr. Plan):


Da es sich um ein Naturdenkmal handelt, welches sich auch in weitgehend unberührter Natur befindet, ist der Schutz dieser geologischen Besonderheit absolutes MUSS! Bitte keine Felsen abbrechen und keinen Müll hinterlassen.
Happy Caching wünscht
blackfish2501
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