An die Zeit
Edmund Müller – Im Abendlicht – 1993
Zeit! Du eilst so schnelle,
Wie des Flusses Welle,
Mit dem Winde um die Wette.
Hätt‘ ich eine gold‘ne Kette,
Möchte Dich an die Stunden binden,
Die Erfüllung mir verkünden,
Da das Glück mir lacht.
Aber kaum bedacht,
Hast auf leisen Sohlen
Du dich fortgestohlen.
Zeit! Du kriechst wie eine Schnecke.
Blickt die Sorge um die Ecke,
Füllen Schmerz und Qual die Stille,
Drängen heißer Wunsch und Wille,
Lässt sich Ungeduld nicht zähmen.
Doch Du willst Dich nicht bequemen
Fortzueilen. Hart und schwer
Geht dein Pendel hin und her,
Wendet langsam, Schlag um Schlag,
Bange Nacht und langen Tag.
Monde kommen, Jahre gehen,
Selbst Jahrhunderte verwehen
Wie des Atems duft’ger Hauch.
Einst, am Ende uns‘rer Tage
Stellen wir die bange Frage:
Leben, wie bist Du zerflossen?
Ach, es hat sich nur ergossen
Als ein Tropfen flücht’ger Zeit
In das Meer der Ewigkeit.
