Enno & Helene (02: Reise mit Twinset)
Enno und Helene kennen sich seit nunmehr 58 Jahren. Verheiratet sind sie seit 56 Jahren. Manchmal können sie selbst kaum glauben, dass sie es noch miteinander aushalten… Enno zum Beispiel kann es nicht leiden, wenn Helene ihr Trinken kaut (was bekanntlich nicht erforderlich ist) oder wenn Helene seine Socken wegschmeißt, weil sie meint, dass sie kaputt seien und es sich aber eigentlich nur um ein minimales Löchlein handelt. Helene ihrerseits mag es gar nicht, wenn Enno zur Toilette geht (großes Geschäft geplant, wohlgemerkt) und die Tür offen stehen lässt oder wenn Enno den Hund vorschiebt, weil er zu faul ist, den Müll rauszubringen. Er sitzt dann zum Beispiel mit dem Hund auf dem Schoß auf einem Sessel und zuckt bedauernd mit den Schultern, „Du siehst doch, Helenchen, er schläft, und ich möchte ihn wirklich nur ungern wecken.“. Der Hund ist eine Hündin und heißt Pimpanella und ist auch schon ziemlich alt und grau.
Was Enno und Helene aber zusammenhält (unter anderem, denn es gibt schon noch das eine oder andere, was sie aneinander mögen), ist ihre grenzenlose Neugier. Jedes Wort, was in ihrer Nähe gesprochen wird, jede Zeile, die sie irgendwo lesen, sie schnappen alles auf und nehmen es mit, und am meisten lieben sie kuriose Geschichten, Skandälchen und Rätsel…
Vor einigen Wochen spazierten Enno und Helene an einem Sonntag durch die Kölner Innenstadt und meckerten gemeinsam darüber, wie viele Leute unterwegs waren, obwohl die Geschäfte gar nicht geöffnet hatten. Helene trug ein hellblaues Twinset. Abwechselnd beschwerte sich Enno außerdem darüber, dass Helene zu langsam gehe; Helene musste aber natürlich hier und da stehenbleiben und die Auslagen in den Schaufenstern kommentieren.
„Sieht dir diese Bluse an“, sagte sie zum Beispiel, „so etwas kann doch kein Mensch tragen!“. Enno war völlig egal, ob oder wer irgendeine Bluse tragen konnte oder nicht. Er blickte zu Pimpanella, der alten, grauen Hündin, und verdrehte die Augen. Pimpanella, die ebenfalls in ein adrettes Twinset gekleidet war, zwinkerte ihm zu (jedenfalls meinte Enno das). Just in diesem Moment entdeckte er zwischen zwei Backsteinen einer Mauer etwas Weißes hervorblitzen – ein Stück Papier schien es zu sein! Er bückte sich danach, während hinter ihm Helene weiter die heutige Mode beklagte („Was ist denn eigentlich gegen das gute, alte Twinset einzuwenden?“). Tatsächlich, es war ein Stück Papier, und auf diesem stand in teilweise verschmierten, krakeligen Buchstaben ein kurzer, unverständlicher Text:
Erste Station Dkmyf, weiter über Wnmfvig und Fwqar nach Ukva. Dann schneller Wechsel Richtung Nhu, kurz darauf landen wir wieder in Wnmfvig. Längerer Halt bei Tqoftykz.
Plötzlich stand Helene dicht neben Enno, riss ihm das Blatt aus der Hand und keifte, „Was hast du da? Warum liest du das ohne mich?“. Enno wusste sich wieder nicht anders zu helfen, als die Augen zu verdrehen, dann brummte er, er habe den Zettel in einer Steinritze gefunden. Um Helene zu besänftigen, murmelte er noch, „Hübsches Twinset, übrigens.“
Helene sah ihn kurz kopfschüttelnd an, dann schaute sie wieder auf den Zettel und las die restliche Botschaft laut vor.
Zweite Station Fwvazibf, Nachtzug nehmen nach Ukva über Yniacjnkp und Uemywjxez (ja, es existiert!). Vorbei an Xntnfkxy, Halt schließlich in Kaorfwunno.
Helene und Enno sahen sich ratlos an. Pimpanella winselte kurz. Aber es war eindeutig: ihr Rätselfieber war entflammt, und sie würden erst Ruhe geben, wenn sie die Lösung gefunden hätten…
