Enno & Helene (03: Besuch bei der irren Idora)
Enno und Helene kennen sich seit nunmehr 58 Jahren. Verheiratet sind sie seit 56 Jahren. Manchmal können sie selbst kaum glauben, dass sie es noch miteinander aushalten… Enno zum Beispiel kann es nicht leiden, wenn Helene ihr Trinken kaut (was bekanntlich nicht erforderlich ist) oder wenn Helene seine Socken wegschmeißt, weil sie meint, dass sie kaputt seien und es sich aber eigentlich nur um ein minimales Löchlein handelt. Helene ihrerseits mag es gar nicht, wenn Enno zur Toilette geht (großes Geschäft geplant, wohlgemerkt) und die Tür offen stehen lässt oder wenn Enno den Hund vorschiebt, weil er zu faul ist, den Müll rauszubringen. Er sitzt dann zum Beispiel mit dem Hund auf dem Schoß auf einem Sessel und zuckt bedauernd mit den Schultern, „Du siehst doch, Helenchen, er schläft, und ich möchte ihn wirklich nur ungern wecken.“. Der Hund ist eine Hündin und heißt Pimpanella und ist auch schon ziemlich alt und grau.
Was Enno und Helene aber zusammenhält (unter anderem, denn es gibt schon noch das eine oder andere, was sie aneinander mögen), ist ihre grenzenlose Neugier. Jedes Wort, was in ihrer Nähe gesprochen wird, jede Zeile, die sie irgendwo lesen, sie schnappen alles auf und nehmen es mit, und am meisten lieben sie kuriose Geschichten, Skandälchen und Rätsel…
Man wird nicht jünger, dachte Helene altklug vor sich hin, als sie vor einigen Wochen einen Besuch bei ihrer Bekannten Idora im Krankenhaus abstattete. Obwohl es natürlich verboten war, hatte sie Pimpanella mitgenommen – versteckt in einem eigentlich viel zu kleinen Koffer, der so schwer war, dass er von Enno getragen werden musste, der Idora nicht leiden konnte und eigentlich lieber zuhause seine Ruhe gehabt hätte. Ohne Pimpanella hätte aber der Besuch keinen Sinn gemacht, denn die „irre Idora“, wie Enno sie gern nannte, sprach seit jeher nur mit der Hündin, nicht aber mit Helene (oder gar ihm, Enno). Wenn Pimpanella nicht dabei war, zog Idora es vor, hartnäckig zu schweigen.
Jetzt war Idora im Krankenhaus gelandet, was Enno kein bisschen wunderte. Er schleppte den Koffer mit Pimpanella und fluchte leise vor sich hin. Mehrere Krankenschwestern beäugten ihn argwöhnisch, zumal Pimpanellas wackelnder Schwanz aus dem Koffer ragte, aber niemand sagte etwas.
Im Krankenzimmer angekommen, mussten Helene und Enno feststellen, dass es um Idora gar nicht gut bestellt war – sie schlief und ließ sich nicht einmal dadurch erwecken, dass Enno Pimpanella auf ihren Bauch wuchtete und die Hündin der Kranken minutenlang das Gesicht abschleckte.
„Was hat sie überhaupt?“, fragte Enno unwirsch; er hielt die ganze Sache für vollkommen überflüssig.
„Keine Ahnung“, antwortete Helene und ging zum Bettende, wo das Krankenblatt steckte. Sie nahm es und überflog es, allerdings wurde sie aus den Angaben nicht schlau. Sie winkte Enno zu sich, der das Blatt ebenfalls studierte. Plötzlich erstarrte er und wurde ganz blass…
15.07., Eintrag OÄ Dr. Neunmalklug.
Schwerstkr. 83-j. Pat., eingel. in soporösem Zust., keine Anamnese erhältl., da keine Angehörigen erreichb.
V.a. Histoplasmose 3. Grades, aplastische Anämie, Adipositas, dissoziierte Intelligenz, Herzinsuffizienz NYHA IV, Asthma br. Sicherlich Neurose! Hochradiger V. auch a. Konsum von Halluzinogenen. Penicillinallergie?
CAVE! Letzter Natriumspiegel um 119 erhöht!
16.07., Eintrag OA Dr. Endlichoben.
83-j. Pat., weiterhin n. erweckbar. Angaben von Dr. N. kritisch zu betrachten, wahrscheinlichere Diagnosen: Purpura Schoenlein, Diabetes mell. Typ 1, Multiple Sklerose, Hyperkinetische Störung, Alkoholabusus, Pedikulose und Akarinose 2. Grades (v.a. obere Extremität!), Arzneimittelexanthem? Störung der Sexualpräferenz!! Hierzu passend: Estradiol-Spiegel dtl. reduziert um 543. Morgen Kontrolle.
„Wenn wir mehr Kreuzworträtsel gelöst hätten, Helene, statt ewig das Musikantenstadl zu schauen, könnten wir uns jetzt vielleicht noch ans Einmaleins erinnern und würden diesen Scharlatanen auf die Schliche kommen…“, murmelte Enno. Helene nickte gewichtig. Sie hatte noch immer keinen blassen Schimmer, worum es hier eigentlich ging.
