Es ist ein schauriges Spektakel, das sich am 19. Juli 1825 in Lingen vollzieht. Die Rede ist von der letzten Stunde eines Mörders, die anbricht, als das Todesurteil auf dem Gerichtsplatz vor dem Rathaus verlesen wird.
Zwei Wagen mit dem zum Tode verurteilten 48-jährigen Mörder fahren durch die Burgstraße und das Burgtor auf den Brockhauser Weg, Laxtener Schulkinder schließen sich wenig später mit ihrem Lehrer dem Zug an. Sie marschieren direkt hinter dem Ackerwagen mit dem Verurteilten. Hinter ihnen ist die Kutsche, in der sich die Richter und ein Seelsorger befinden.
Von der Kiesbergstraße aus geht es nach links den Hohenfeldweg hinauf, dessen Anfangsteil heute eine Straße ist. Von diesem Weg aus wendet sich der Zug nach etwa 1000 Metern nach rechts und gelangt so zur Richtstätte. Hier stehen seit mindestens einer Stunde schon die Ordnungskräfte bereit, um den Richtplatz von Schaulustigen freizuhalten.
Der Kopf rollt ins Grab
Auf der Hinrichtungsplattform befinden sich bereits der Scharfrichter und seine beiden Knechte. Sie erwarten den Unglücklichen. Dieser besteigt in Begleitung eines Seelsorgers und zweier Soldaten das Schafott. Auch die Richter begeben sich auf die Plattform. Jetzt wird der Delinquent von den Knechten des Scharfrichters mit Lederriemen auf dem Richtstuhl festgeschnallt. Die Augenbinde wird ihm angelegt. Hals und Schultern werden entblößt. Einer der Knechte zieht den Kopf des Delinquenten mit einem unter das Kinn gelegten Lederriemen hoch. Der Scharfrichter steht seitlich hinter dem Richtstuhl, fasst das Schwert mit beiden Händen und schlägt dann zu. Der Kopf rollt direkt ins Grab.
Die traurige Geschichte des Hollandgängers Gerhard Bernhard Kruis aus Suttrup – der Volksmund nennt ihn „Knapp Gerd“ – und seines Opfers, dem Heuermann Gerhard Heinrich Langeborg aus Andervenne, ist nachzulesen in einem 110-seitigen Buch des Lingener Gymnasiallehrers Heinz Jakobs (1935–2011). Das Buch ist noch in wenigen Exemplaren im Lingener Buchhandel unter dem Titel „Knapp Gerd – Eine Bluttat und ihr lebensgeschichtlicher Hintergrund“ erhältlich. Eventuell wird es neu aufgelegt. Die Hinrichtung von Knapp Gerd war die letzte vollstreckte Todesstrafe im Amt Lingen.
Vielen älteren Bürgern in Lingen und Thuine läuft bei Nennung dieses Namens noch immer ein kalter Schauer über den Rücken. In ihrer Kinderzeit ist ihnen das Schicksal des Mörders immer wieder vor Augen geführt worden – verbunden mit der Warnung, nicht vom Pfad der Tugend abzuweichen. So berichten es der frühere Laxtener Ortsbürgermeister Gerhard Hoffschröer und der Vorsitzende des Heimatvereins Laxten-Brockhausen, Peter Herbrüggen, in einem Gespräch mit unserer Zeitung. Sie wünschen sich, dass generell wieder mehr Heimatgeschichte in Lingener Schulen unterrichtet wird. Im August 2001 war an der Hinrichtungsstelle auf Betreiben von Heimatverein und Ortsrat im Beisein von Heinz Jakobs eine neue Gedenktafel enthüllt worden.
Welche Kriminalgeschichte ist mit dem Namen Knapp Gerd verbunden? Am 13. September 1824 fanden Schäfer und die sie begleitenden Bauernkinder am Rande der Straße zwischen Lingen und Thuine kurz vor Thuine einen blutüberströmten Toten, nachdem Hunde eine Spur aufgenommen hatten. Um seinen Hals war ein Strick geschlungen, der an einer jungen Eiche gebunden war. Bei dem Toten handelte es sich um den Hollandgänger Gerhard Heinrich Langeborg. Sein Mörder war schnell gefunden: Der zum Tatzeitpunkt 47-jährige Gerhard Bernhard Kruis gestand, seinen Kameraden auf dem Heimweg von Holland erschlagen und ihm seine Geldbörse geraubt zu haben.
Motiv des Mordes war neben Habgier auch Wut: Knapp Gerd hatte es nicht verwunden, dass ihm sein Kamerad in den Niederlanden seinen Arbeitsplatz weggeschnappt hatte.
Viele Heuermänner waren gezwungen, in den Sommermonaten als Hollandgänger ihr Geld zu verdienen, um überhaupt über die Runden zu kommen. Interessant ist auch der Einblick, den Jakobs mit seinem Buch in die Gesetzgebung des damaligen Königreichs Hannover gewährt. Georg IV. von England, der auch König von Hannover war, lehnte die Begnadigung von Knapp Gerd ab. Dieser hinterließ Ehefrau und fünf Kinder. Um das Opfer Gerhard Langeborg trauerten dessen Ehefrau und eine elfjährige Tochter.
Knapp Gerd versuchte, die qualvollen zehn Monate zwischen seiner Verhaftung und seiner Hinrichtung im Lingener Gefängnis, das sich hinter dem Danckelmann’schen Palais befand, in christlichem Sinn zu bewältigen. Von einem Seelsorger erhielt er regelmäßigen Besuch. Er wünschte es sich so. Die Gefängniswärter fanden Gerhard Kruis oft kniend neben seinem Strohlager, in einem Gebetbuch lesend.