Der Wulp-Schotter im Küsnachter Tobel
Tobel
Ein Tobel ist ein Begriff für ein enges, trichterförmiges Tal. Es ist ein regional benutzter Begriff, hauptsächlich verwendet im voralpinen Raum, z.B. in der östlichen und inneren Schweiz, in Süddeutschland und Österreich.
Ein Tobel entsteht, wenn in weichere Materialien durch Wassererosion zunächst Runsen (Rinnen) entstehen, die ein Gebirgsbach sich selber schafft. Die Runse wird zu einem scharfen Einschnitt vertieft. Tobel finden sich daher beispielsweise in der Molassezone nördlich der Alpen.
Das Küsnachter Tobel
Das Küsnachter Tobel ist eine Schlucht in der Pfannenstiel-Kette, einer Hügelkette im Kanton Zürich, die sich zwischen dem Zürichsee im Südwesten und dem Greifensee im Nordosten erstreckt. Die Pfannenstiel-Kette ist ein Teil der Hörnli-Schüttung, einer von St. Gallen bis Zürich reichenden, aus Sedimentgestein (Molasse) bestehenden Ebene. Diese war im mittleren Miozän aus dem abgelagerten Schutt der wachsenden Alpen – insbesondere der Nagelfluh, Sandstein und Mergel – entstanden.
Dieses Tobel entstand in seiner heutigen Form am Ende der letzten Eiszeit, als sich der Linth-Gletscher zurückzog, vor etwa 18’000-16’000 Jahren.
Fossile Funde, wie z.B Muscheln, Schnecken, versteinerte Blätter und Knochenfragmente erinnern dabei an die reiche Landschaft des Miozäns. Geologische Hinweise ergeben sich vor allem aber auch bei der Beobachtung der durch Erosion von Bächen und Rutschen freigelegten Stellen.
Das Tobel, das gesicherte Besiedlungspuren bereits aus der Bronzezeit aufweist und mit der nahegelegene Ruine Wulp aus dem Mittelalter, war bis Ende des 19. Jahrhunderts noch eine schwerzugängliche Wildnis. Der Küsnachter Dorfbach entwässert ein grosses Einzugsgebiet mit vielen Seitenbächen durch das Tobel. Mehrfach kam es zu Schlammlawinen (Murggänge), die grosse Teile von Küsnacht verwüsteten. Um derartige Katastrophen zu verhindern, wurden ab 1895 systematisch Schwellen im Bach eingebaut, um die Fliessgeschwindigkeit des Wassers zu verringern. Ein dabei geschaffener Fussweg entlang des Baches erschloss das Tobel. Es entwickelte sich zu einem beliebten Naherholungs- und Ausflugzielgebiet der Gemeinde Küsnacht.
Das Küsnachter Tobel gilt als ein geologisches und geomorphologisches Objekt von regionaler Bedeutung. 2011 wurde der geologische Lehrpfad eingerichtet mit derzeit 12 Informationstafeln entlang des Tobels. Höhepunkte entlang des Tobels, sind der Findlingsgarten am Eingang, der Findling Alexanderstein, die Ruine Wulp, die Drachenhöhle und der Drachenkopf, ein 250 tonnenschwerer, abgestürzter Felsbrocken.

Das Urtobel
Das Tobel wird im oberen Abschnitt von einer alten Rinne durchquert, die vermutlich das Ur-Tobel war, durch welches der frühere Küsnachter Bach vor der letzten Eiszeit abfloss. Später, noch vor dem letzten grossen Vorstoss des Linth-Gletschers, wurde die Rinne mit kiesigem Schotter, dem sog. Wulp-Schotter gefüllt.
Der Wulp-Schotter
Tobelaufwärts, auf einem Abschnitt von ca. 300 m ändert sich die Gesteinsart an den Flanken des Tobels. Mergel, Silt- und Sandsteinformationen, werden durch verkitten Schotter abgelöst.
Als Indikator für den Zeitpunkt der Entstehung des Tobels wurde dieser in dessen oberen Bereich ausgemachte, charakteristische Schotter untersucht. Diese in der Molasse eingelagerten, verkitteten eiszeitlichen Schotter wurden bereits 1885 von Alexander Wettstein (1861-1887, Geologe, Direktor des Seminars in Küsnacht, siehe auch Alexanderstein) untersucht und als «löchrige Nagelfluh» beschrieben. Die Rundung der Gerölle spricht für Flusstransport, der Kalkschlamm spricht für Nähe eines Gletschers (Gletschermilch). Damit liesse sich das Alter des Schotters und damit auch die Entstehung des Küsnachter Urtobels gut bestimmen.
100 Jahre nach Alexander Wettsteins Beschreibung des Schotters wird der Begriff Wulp-Schotter, benannt nach der nahegelegenen Burgruine Wulp, geprägt, um die Signifikanz für die Erforschung der Entstehung des Tobels hervorzuheben.
Unterdessen ist eine Debatte über das eigentliche Alter entbrannt:
«Die Schotter sind sicher älter als der letzte (und auch grösste?) Gletschervorstoss der Würmeiszeit. Ob sie nun aber frühwürmeiszeitlich, mittelwürmeiszeitlich oder sogar präwürmeiszeitlich sind, kann noch nicht entschieden werden.» [4]
Feststeht, dass über das genaue Alter des Tobels noch die eine oder andere Debatte geführt wird. Aber der Wulp-Schotter hat das Entstehungs-Alter schon einmal eingegrenzt.

Die Drachenhöhle
Die in diesem Teil des Küsnachter Tobels gelegene, mehrere Meter tiefe Drachenhöhle ist aus den für diesen Teil des Tobels charakteristischen, stark verkitteten Wulp-Schotter. Die Höhle, in der der Sage nach eine Drachen gelebt haben soll, verdankt ihre Entstehung der Eigenschaften des Wulp-Schotters. Der Drache, der Küsnacht regelmässig heimgesucht haben soll, ist ein Synonym für Schlammlawinen (Murgänge), die sich im Tobel gelöst und grosse Teile Küsnacht verwüstet haben.

Der Drachenkopf
2013 stürzte ein ca. 250 Tonnen schwerer Felsbrocken in den Tobel. Der Brocken besteht aus den für diesen Teil des Tobels charakteristischen Wulp-Schotter. Das Material ist sehr erosionsanfällig und Felsstürze wie dieser sind eine reale Gefahr.

Quellen:
- D. Letsch: «Die Wulp-Schotter im Küsnachter Tobel», 2006
- P. Haldimann: «Geologischer Lehrpfad im Küsnachter Tobel», 2014
- R. Hantke: «Alexander Wettstein als Geologe», 1987
- Webseite der Gemeinde Küsnacht: «Geschichte», https://www.kuesnacht.ch/page/18
- D. Letsch: «Deutungsversuch einer komplexen eisrandnahen Talfüllung: die Wulp-Schotter und ihr glaziales Umfeld», 2012
Logbedingungen:
Wenn du an der Drachenhöhle angekommen bist, siehst du Felsbrocken aus Wulp-Schotter, die herabgestürzt sind. Für ein richtig grosses Exemplar gehe zum nahegelegenen Drachenkopf (siehe Waypoint).
- Wulp-Schotter wird als verkitteter Schotter beschrieben. Beschreib diese Verkittung, Farbe, Körnung, Härte etc.
- Die Schottersteine sind fast ausschliesslich welche Form? Und wofür spricht diese Form?
- Gib die ungefähre Grösse der kleinsten und der grössten Schottersteine an?
- Mache ein Foto vom Eingang der Drachenhöhle entweder mit dir oder deinem GPS oder einem Zettel mit deinem Cacher-Namen und Datum darauf. Dafür muss man nicht unbedingt den Weg verlassen und bis ganz zum Eingang der Höhle. Ein Bild aus der Entfernung, von der man trotzdem noch den Eingang erkennen kann, ist vollkommen ausreichend. Alternative geht auch ein Bild vom Drachenkopf. Bitte nicht besteigen.
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