Stahringers Naturheilanstalt und die Pharma-Mafia
Eigentlich wollte ich hier nur einen schnellen Cache als Ziel von Dididones "Auf dem Weg zum Forsthaus" legen und mit ein paar Infos zur Geschichte des Forsthauses ergänzen. Doch nach kurzer Recherche stieß ich auf eine dramatische Geschichte, die sich hier vor reichlich 125 Jahren wirklich zugetragen hatte. Investigative Journalisten hätten ihr damals sicher einen ähnlich reißerischen Titel wie dem obigen gegeben. Es folgt daher ein nur leicht gekürzter Auszug vom Grünaer Ortschronisten aus den Ortschaftsanzeiger Grüna/Mittelbach 2018:
„1892/93 ließ der Naturheilpraktiker Bertrand Stahringer am Südrande des Rabensteiner Waldes in unmittelbarer Nähe des heutigen Forsthauses Grüna (damals Schützenhaus) seine Naturheilanstalt errichten. Die Entwicklung von der einstigen Kuranlage zum heutigen Alten- und Pflegeheim ist mit einer sehr wechselvollen ereignisreichen Geschichte verbunden.
Stahringer lebte in einer Zeit wachsenden wirtschaftlichen Aufschwungs und zunehmender Industrialisierung, die jedoch vor allem in den größeren Städten (wie damals im sog. „Ruß-Chemnitz“) auch zu ungesünderen Luft-, Wohn-, Arbeits- und Lebensverhältnissen führten. Zunehmend schlossen sich die Menschen Vereinen der Naturheilbewegung an, die die Erhaltung und Wiederherstellung der Gesundheit unter Vermeidung von Medikamenten und Arzneimitteln zum Ziel hatte.
Das Wirken Strahringers vor der Errichtung der Naturheilanstalt in Grüna
Der Strumpfwirker Bertrand Stahringer, geboren am 29. April 1852 in Burgstädt, beschäftigte sich in seiner Freizeit aufgrund der Erkrankung seiner Verlobten und späteren Frau Anna, die an Blutarmut und Darmbeschwerden litt, zunehmend mit Naturheilkunde. Die Anregung dazu erhielt er von einem Bekannten, der die Krankheit seiner Verlobten diagnostiziert hatte. Stahringer eignete sich im Selbststudium auf diesem Gebiet viele Kenntnisse an und konnte nach geraumer Zeit seine Verlobte wieder gesund kurieren - was den Ärzten bisher nicht gelungen war. Dies sprach sich in seiner Heimatstadt Burgstädt herum. Stahringer wurde bekannt und zunehmend von anderen Kranken konsultiert, was ihn weiter anspornte, sich mit dem Naturheilverfahren zu befassen. Er wollte schließlich Naturheilpraktiker werden.

Stahringer besaß für diese Heiltätigkeit große Fähigkeiten und Geschick. In seinem Tagebuch wird geschrieben, dass er die Gabe hatte, durch persönliches Einfühlungs- und Anpassungsvermögen und vertrauenserweckende Aussprachen die seelischen und körperlichen Probleme seiner Patienten zu erkennen und durch spezielle naturgemäße Behandlungsmethoden oft wirkungsvoll zu therapieren. Um sein Wissen weiter zu vertiefen, nahm er 1874 in der Schweiz an Aus- und Weiterbildungen bei bekannten Heilpraktikern teil. Stahringer, der kein studierter Arzt war, unterzog sich bewusst zusätzlichen Prüfungen durch studierte Ärzte. Er bestand diese mit „sehr gut“ und versuchte damit auch möglichen Kritiken dieser Ärzteschaft vorzubeugen.
Nach seiner Rückkehr aus der Schweiz musste er zunächst seine frühere berufliche Tätigkeit als Strumpfwirker wieder aufnehmen. Zusätzlich führte er in Burgstädt „gewerbliche Wasserkuren“ durch. Nach wenigen Jahren in seiner Heimatstadt wurde er jedoch durch die zunehmende Behandlung von kranken Bürgern so stark in Anspruch genommen, dass er sich ausschließlich nur noch mit der Naturheiltätigkeit beschäftigen konnte. Am 5. Juli 1882 gründete er in Burgstädt einen zweiten Verein für Naturheilkunde. Er hielt viele Vorträge, allein im Jahre 1882 zu 12 unterschiedlichen Themen der Naturheilkunde.
Ende des Jahres richtete er noch in seiner Burgstädter Wohnung öffentliche „Dampf- und Wasserbäder“ für die Einwohner des Ortes und der Umgebung ein, die er jedoch durch seinen nachfolgenden Umzug nach Chemnitz schnell wieder an andere Betreiber übergeben musste. Sein Wirkungskreis war immer größer geworden. Durch seine Initiative wurden im Verlaufe der Zeit 14 weitere Naturheilvereine in der Umgebung gegründet, u.a. in Burkhardtsdorf, Einsiedel, Frankenberg, Freiberg, Hohenstein-E., Meißen, Penig, Reichenbrand.
Stahringer wurde so bekannt, dass er aufgefordert wurde, den großen über 350 Mitglieder umfassenden Chemnitzer Naturheilverein zu leiten. Es kam jedoch nicht dazu. Dem damaligen 2. Vorsitzenden Wilhelm Reppert wurde 1882 die Vereinsleitung übertragen. Stahringer übernahm die dortige Vereinsklinik, die er in den folgenden Jahren ohne jede Entschädigung in uneigennütziger Weise bis 1890 weiter betrieb und verbesserte. Im Chemnitzer Adressbuch wurde er als „Empiriker und Badeanstalt-Inhaber“ bezeichnet. Er wohnte in Chemnitz auf der Wiesenstraße, später am Johannisplatz. Möglicherweise sammelte er dort schon erste Erfahrungen für seine späteren Pläne, eine eigene Kuranstalt zu errichten.
Stahringer konnte sich in der neuen Position in Chemnitz gut entfalten. Er vergrößerte seine Praxis stark. Westlich der Stadt ließ er das erste damalige Sonnenlichtbad bauen, da er zur Auffassung kam, dass das Sonnenlicht ein außerordentlicher Heilfaktor ist. Die Einrichtung wurde so stark benutzt, so dass er diese bald auf das Dreifache vergrößern musste. Größte Heilerfolge erzielte er bei der 1887 in Chemnitz herrschenden Typhus- und Diphtherie-Epidemie. Nicht wenige der erkrankten Bürger behandelte er kostenlos, da ein Teil der Patienten nicht bezahlen konnten. Er betrachtete es damals als seine größte Leistung.
Im 1. Chemnitzer Naturheilverein (es gab noch einen 2. Chemnitzer Verein für Naturheilkunde) kam es zwischen Bertrand Stahringer und Wilhelm Reppert zu einer engen Zusammenarbeit. Für seine Verdienste wurde Stahringer schließlich 1890 zum Ehrenmitglied des Naturheilvereins in Chemnitz ernannt.
Aufgrund von Überarbeitung musste er jedoch seinen Chemnitzer Wirkungskreis wieder aufgeben. Er übernahm die Kuranstalt in Ottenstein-Schwarzenberg, die er bis 1892 weiterführte.
Die Errichtung von „Stahringers Naturheilanstalt“ in Grüna
1892 ergab sich für Stahringer die Gelegenheit, eine eigene Naturheilanstalt zu errichten. Von mehreren angebotenen Standorten in verschiedenen Gemeinden wählte er Grüna aus, das von der Lage her die besten und geeignetsten Bedingungen bot. Er kaufte im Mai 1892 das damalige „Schützenhaus“ mit weiteren südlich gelegenen Grundstücken, um dort die neue Kuranstalt zu errichten. Das auch mit „Schießhaus“ bezeichnete Gebäude wurde wenige Jahre später in Restaurant „Bad Grüna“ umbenannt. Heute befindet sich auf dieser Stelle das neue, wesentlich größere Forsthaus Grüna.
Am 5. Mai 1892 fand der erste Spatenstich zum Bau der Naturheilanstalt statt. Finanziert wurde das Unternehmen im wesentlichen durch eine in Chemnitz gebildete Kommanditgesellschaft mit Anteilscheinen von je 1000.- Mk., in die „Freunde und Gönner“ einzahlten, aber auch durch eigene Mittel.
Im gleichen Jahr, am 16. Juni 1892, gründete Stahringer in Grüna den Naturheilverein, um die Öffentlichkeit für sein Vorhaben zu gewinnen. Ihm kam es auch darauf an, die „rechte Kenntnis vom Wesen der naturgemäßen Gesundheitspflege und Naturheilkunde“ herauszustellen. Schon damals herrschte ein Streit zwischen den studierten Ärzten (später der „Schulmedizin“) und Naturheilpraktikern (Vertretern der „Naturmedizin“) um die richtigen Behandlungsmethoden. Dieser Zwist nahm in den folgenden Jahren weiter zu. In der Satzung des Naturheilvereines wurde dazu Stellung genommen und zum Ausdruck gebracht, „...mit allen gesetzlichen Mitteln für die Naturheilmethode diejenigen Rechte vom Staate zu erkämpfen, auf welche sie durch ihre Erfolge einen wohlbegründeten Anspruch hat.“
Dem Naturheilverein waren damals 76 Grünaer Bürger und ein Chemnitzer beigetreten, darunter viele Gewerbetreibende und andere einflussreiche Bürger aus der Gemeinde, wie Oberförster, Postverwalter, Eisenbahnhaltestellen- und Schulvorsteher. Die Mitgliederzahl des Vereins stieg in den folgenden Jahren um 10 %.
Noch im Verlauf des Jahres 1892 wurde das aus zwei Gebäudeteilen bestehende und mit einem Türmchen versehene Kurgebäude durch die Grünaer Baufirma Schreiter fertiggestellt. Der Grünaer Bauunternehmer hatte Stahringer empfohlen und dafür geworben, in Grüna seine Kuranstalt errichten zu lassen.
Das damals im Schweizer Stil errichtete Hauptgebäude ist heute noch im wesentlichen erhalten. Auf dem Kurhaus fehlt nur das kleine Türmchen, von welchem aus Stahringer jeden Morgen zur Andacht mit der Trompete geblasen haben soll.

Am 26. Februar 1893 konnte das Kurgebäude erstmals besichtigt werden, etwa 1500 Einwohnern waren gekommen. Bereits am 2. März 1893 zogen vier Gäste ein. Am 4. April 1893 fand die Eröffnungsfeier dazu statt. An diesem Tag waren schon weitere 24 Gäste eingetroffen. Die Besucherzahl stieg nach der Eröffnung weiter stark an.
1894 mussten die Baderäume vergrößert werden. Noch im gleichen Jahr ließ Stahringer die etwas abseits gelegene „Villa Margarethe“ errichten, um die steigende Besucherzahl aufzunehmen. Das auch mit „Ärztehaus“ bezeichnete Gebäude wurde sofort mit 24 Heilungssuchenden besetzt. Ab 1. März 1895 ging die ganze Kuranstalt schließlich in den alleinigen Besitz Stahringers über. Der Gründer der Anstalt konnte bis dahin alle eingegangenen Obligationen zurückzahlen. Die Einnahmen waren ausreichend und gestatteten eine weitere erfolgreiche Entwicklung.
Die Naturheilanstalt, verbunden mit dem Namen Stahringer, hatte Jahr für Jahr an Anziehungskraft gewonnen und war immer bekannter geworden. Ihre Zahl an Besuchern und Kurgästen stieg ständig. Zeitweise mussten die Kurgäste sogar in den umliegenden Häusern des Ortes oder im Wohnhaus Stahringers (bis 1897 als Schützenhaus, ab 1898 Restaurant „Bad Grüna“, heute Forsthaus) untergebracht werden.
Die überaus positive Entwicklung verdankte Stahringer in erster Linie seinen außerordentlichen Heilerfolgen, die er schon vor der Errichtung der Anstalt in Grüna durch sein Geschick und Können in Burgstädt und Chemnitz erzielen konnte, sowie seiner wirtschaftlichen Betriebsführung. Hinzu kam in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts eine erneute Belebung der Naturheilbewegung verbunden mit einer Zunahme an Anhängern vor allem in den größeren Städten. Die Mehrzahl der Bürger akzeptierte die naturgemäße Behandlungsweise.
Das Verbot von Stahringers Naturheiltätigkeit
Die glänzende Entwicklung jedoch währte nicht allzu lange. Bereits zu Jahresbeginn 1896 und von den meisten außenstehenden Bürgern im Ort unbemerkt, wurde Stahringer - so geht aus den Tagebuchaufzeichnungen hervor - „auf Veranlassung der praktizierenden Ärzte“ und „aufgrund eines schnell eingebrachten und durchgepeitschten Gesetzes“ die Behandlung seiner Patienten in seiner Anstalt verboten. Welche eindeutigen Gründe dafür vorgelegen haben mögen und von welcher gerichtlichen Behörde konnte bisher nicht ermittelt, ein konkretes Dokument hierzu noch nicht ausfindig gemacht werden.
Die Entwicklung erfolgte in einer Zeit, in welcher unter den verschiedenen Heilmedizinern ein erbitterter Glaubenskrieg und Streit über die richtigen Behandlungsmethoden und Heiltherapien geführt wurde. Die studierte Ärzteschaft (Vertreter der wissenschaftlich arbeitenden Medizin, begrifflich ab 1900 auch als „Schulmedizin“ bezeichnet) warf den Naturheilpraktikern mangelnde Kenntnisse vor und „unwissenschaftlich“ zu arbeiten.
Zwischen beiden Richtungen der Medizin hatte die Auseinandersetzung im Jahre 1895 weiter an Schärfe zugenommen. Die Tätigkeit der Naturheilkundler wurde von einem Teil der Schulmediziner sogar als „Kurpfuscherei“ bezeichnet und bekämpft. Gleichzeitig stieg der Einfluss der organisierten Ärzteschaft in Regierungskreisen und auf die gesetzgebenden Organe, obwohl noch eine gewisse Gewerbe- und Kurierfreiheit herrschte und es noch keine Ärzteordnung gab.
Man kann annehmen, dass Tätigkeit und Erfolge Stahringers von den studierten Medizinern zunehmend mit Argwohn und einem gewissen Konkurrenzneid beobachtet wurden und möglicherweise entsprechende Maßnahmen über die Gerichte ausgelöst wurden. Stahringer selbst war wie die meisten Naturheilkundler kein studierter Arzt und hatte nur eine Prüfung vor Ärzten abgelegt. Er musste fortan studierte Ärzte in seinem eigenen Haus einstellen und durfte keinen Einfluss mehr auf die Heiltätigkeit nehmen.
Die weitere Entwicklung der Naturheilanstalt nach dem Verbot
Stahringer ließ sich durch diesen Schritt nicht entmutigen, ergänzte und baute in den folgenden Jahren seine Naturheilanstalt weiter aus. Ab 1. März 1896 wurde Dr. med. Bilfinger eingestellt. Nach dessen Abgang Ende Dezember 1896 übernahmen zwei studierte Ärzte, Dr. Ottmer und Dr. Schultze, die ärztliche Leitung. Es waren nach Stahringers Einschätzung ausgezeichnete Ärzte. Die Besucherzahl stieg weiter an. Sie erreichte Höhen, dass sogar Patienten im Dorf untergebracht werden mussten.

Lufthüttenpark "Eldorado"
1896 ließ Stahringer direkt am Wald die sog. Lufthüttenkolonie „Eldorado“ mit acht kleinen Häuschen und einer Liegehalle errichten. Das Freiluftbad mit Sonnenbadeeinrichtung und einer Wasserleitung zum Duschen wurde am 17. Mai d.J. eingeweiht. Die damals dort durchgeführte Freikörperkultur fand jedoch – so wird berichtet - nicht bei allen Einwohnern in Grüna Verständnis, ebenso nicht ihr spanischer Name „Eldorado.“ Ein Jahr später wurde der Lufthüttenpark durch ein angrenzendes kleineres Damen-Luftbad ergänzt.
Im gleichen Jahr kaufte Stahringer im unteren Ortsteil Grüna das Gelände am Wiesenmühlenteich und ließ das dort bereits vorhandene Bad zum Volksbad „Annastift“ (benannt nach seiner Frau Anna) weiter ausbauen.
Im folgenden Jahre 1897 war die obere Eisenbahnlinie von Wüstenbrand nach Limbach fertiggestellt und eröffnet worden. Die schon seit längerer Zeit stillgelegte Eisenbahnstrecke („Premiumradweg“) führte am Waldrand durch eine längere Brücke direkt über die Grundstücke der Naturheilanstalt.
1897 beendete man das Schießen am Schützenhaus und schloss den bisherigen Schießstand hinter dem Gebäude, da die Schießübungen für den Kurbetrieb zu laut waren. Im Juli des Vorjahres fand das letzte Schützenfest der Scheibenschützengesellschaft im alten Schützenhaus statt. Der Verein musste in ein neues Heim an der Mittelbacher Straße umziehen. Das bisherige Schützenhaus wurde im Jahr 1898 darauf in Restaurant „Bad Grüna“ umbenannt.
1899 wird von einem Plan der Errichtung einer neuen Naturheilanstalt berichtet. Es erfolgten größere Um- und Anbauten. Das Kurhaus der Anstalt wurde durch Aufsetzen eines weiteren Stockwerkes erhöht.
Umbenennung von Stahringers Naturheilanstalt zum Sanatorium „Bad Grüna“
Nachdem Stahringer Anfang 1986 die Behandlung seiner Patienten verboten wurde, erfolgte um 1900 ein weiterer Schritt gegen ihn. Stahringer musste aufgrund neuer Bestimmungen auch seine Naturheilanstalt umbenennen. Sein Name durfte nicht mehr in Erscheinung treten. Ein konkretes Dokument konnte auch hierzu bisher nicht gefunden werden. Bereits vorher hatte Stahringer die Bezeichnung seiner Naturheilanstalt in „Stahringers Sanatorium“ abgeändert. Sie wurde von ihm bis etwa 1900 beibehalten. Das jedoch genügte nicht. Die neue Bezeichnung sollte künftig Sanatorium „Bad Grüna“ lauten.

Es wird berichtet, dass Stahringer von der studierten Ärzteschaft angedroht wurde „wenn sein Name wieder erscheint, würden sie keine Patienten mehr nach Grüna empfehlen.“ Mit der neuen Bezeichnung wurde unser Heimatort zum „Bad Grüna“ (als Luftbad) erklärt, was damals in vielen gedruckten Ansichtskarten zum Ausdruck kam. Stahringer wurde nahezu zur gleichen Zeit in seinem Grundbuchauszug als enteignet eingetragen!
In den folgenden Jahren versuchte man Stahringers Wirken auch als Vorsitzender des Naturheilvereines einzuschränken. So erhielt der damalige Grünaer Gemeindevorsteher Börner zu Jahresanfang 1902 vom Ehrenrat des Ehrengerichts über Stabs-, Ober- und Assistenzärzte bei der 8. Division aus Halle/Saale ein Schreiben mit der Anfrage, ob sich Stahringer nach dem 1.1.1998 in Vorträgen über naturgemäße Behandlung von Krankheiten „absprechend“ (gemeint ist abwertend) über die ärztliche Wissenschaft oder über den ärztlichen Stand geäußert hat. Man verlangte von dem Vorstand der Gemeinde dazu die Nennung und Vernehmung von Personen, die die Vorträge von Stahringer gehört hatten bzw. deren Inhalt kannten.
Der Gemeindevorstand und 15 Mitglieder des Grünaer Naturheilvereines mussten darauf kurzfristig bis Mitte Februar 1902 schriftlichen Rede und Antwort geben, bestätigt durch die Unterschrift des Gemeindevorstandes. Ziel war, einen weiteren Anlass zu finden, die Tätigkeit Stahringers endgültig zu verbieten. Stahringer hatte jedoch sehr viel Rückhalt im Gemeindevorstand und bei den Vereinsmitgliedern. Alle befragten Personen gaben an, dass sich Stahringer „niemals“ in Vorträgen negativ zum Stand der Ärztewissenschaft geäußert hat.
Obwohl die Drohung dieser Ärztegesellschaft ins Leere ging, ließ Stahringer nach wenigen Tagen aufgrund geistiger Überlastung und Erschöpfung (nach Angabe seines Sohnes Fritz Stahringer) seine Naturheilanstalt am 19.2.1902 in eine Aktiengesellschaft mit der Bezeichnung „Sanatorium Bad Grüna i. Sachsen GmbH“ umwandeln.
Die Übernahme erfolgte am 1. April 1902. Aufsichtsratsvorsitzender in der neugebildeten Aktiengesellschaft war Wilhelm Reppert, der den Vorsitz im 1. Chemnitzer Naturheilverein vier Jahre zuvor abgegeben hatte. Weitere Aktienteilhaber waren Grünaer Bürger aus dem örtlichen Naturheilverein sowie Mitglieder des 1.Chemnitzer Naturheilvereines. Neuer Geschäftsführer wurde Richard Schenk, während die ärztlichen Behandlungen nach wie vor von den bisherigen Ärzten Dr. Ottmer und Dr. Schulze vorgenommen wurden.
Nach Bildung der Aktiengesellschaft verließ Stahringer Grüna und zog nach Rabenstein. Trotz des Abgangs Stahringers hielt zunächst der Zustrom an Kurgästen im Jahre 1903 unvermindert an. Der Ruf Stahringers war so gut, dass in dem genannten Jahre nochmals eine hohe Zahl von über 1500 Kurgästen die Naturheilanstalt besuchten.
Im Jahre 1904 nach Beendigung ihres „Kontraktes“ verließen die beiden ausgezeichneten Ärzte Dr. Ottmer und Dr. Schultze das Sanatorium - wie es hieß - um sich selbständig zu machen.
Die beiden Ärzte wurden durch einen neuen Arzt Dr. Bloos ersetzt, der sich aber nach Angabe von Stahringer als leitender Arzt nicht eignete, in jeder Beziehung anmaßend und undiszipliniert war. Er behandelte die Gäste falsch und verursachte, dass welche sofort wieder abreisten, so dass deren Zahl rapide abnahm. Sie betrug zeitweise nur noch die Hälfte von vorher. Auch der neue Geschäftsführer R. Schenk war ungeeignet und hatte die Anstalt verdrecken und verkommen lassen. Beide mussten für ein hohes Entgelt vorzeitig entlassen werden. Zwischenzeitlich übernahm Stahríngers Bruder Fridolin die Geschäftsführung.
Das Waldsanatorium „Bad Grüna“ und sein Ende
In den Jahren 1904/05 wurde von der Aktiengesellschaft der Versuch unternommen, das Sanatorium wieder auf die wirtschaftliche Höhe wie vorher zu bringen. Man begann man das ganze Heim zu renovieren. Es wurde der Speisesaal vergrößert und später der Umbau der Baderäume in Zellenräume vorgenommen. Im Jahr 1905 kaufte man eine knapp 40000m große Waldfläche für die Kurgäste im Sanatorium dazu.

Da das Sanatorium in den zurückliegenden Jahren nicht so gut vorangekommen war, wurde Stahringer von der Aktiengesellschaft gebeten, ab 1. April 1905 nochmals die wirtschaftliche Leitung vertraglich auf zwei Jahre zu übernehmen. Die Eröffnung des sog. „Waldsanatoriums“ erfolgte im Jahre 1905 an einem Pfingsttag im Restaurant „Bad Grüna,“ dem früheren Schützenhaus. Die Veranstaltung – so wird erwähnt - bot „Vorzügliches“ und „man erfreute sich eines regsten Besuches.“
Nachdem bekannt wurde, dass Stahringer das Sanatoriums übernommen hatte, erhöhte sich nochmals kurzzeitig die Besucherzahl - in der Grünaer Jahreschronik 1905 wird euphorisch sogar von einem „ganz bedeutenden Aufschwung“ berichtet. Sie erreichte immerhin über 1300 Kurgäste.
Trotzdem konnte in den nachfolgenden Jahren ein weiterer starker Rückgang der Kurgäste nicht verhindert werden, was letztlich vor allem auf den Weggang der beiden ausgezeichneten Ärzte Dr. Ottmer und Dr. Schultze und die Nachfolge unfähiger Ärzte sowie auf die schlechte Leitungstätigkeit im Sanatorium zurückzuführen war.
1907 endete vertragsgemäß die Tätigkeit Stahringers in Grüna. Er zog mit seiner Familie nach Dresden. Die wirtschaftliche Leitung des Sanatoriums übernahm W. Reppert, der Aufsichtsratsvorsitzende der Aktiengesellschaft. In dem Jahr hatte man noch zur Unterhaltung der Kurgäste einen „Reunions“-Verein mit 45 Mitgliedern, darunter Fabrikbesitzer, Händler und andere reiche Gewerbetreibende vorwiegend aus Grüna, gegründet. Die Zahl der Kurgäste war 1907 unter 50% zurückgegangen.
Als nachfolgender leitender Arzt war Dr. Dahms angestellt worden. Er versuchte mit Magerkuren und durch Fasten die Kurgäste zu kurieren. Die ungeeignete Behandlung der Gäste sprach sich herum. Patienten reisten vorzeitig ab und empfahlen das Sanatorium nicht weiter. Die Besucherzahl sank in den Jahren 1908/9 weiter bis zur Unrentabilität. Ein finanzieller Zusammenbruch drohte. Es nützte auch nicht mehr, dass man am 12.2.1909 nochmals intensiv für das Waldsanatorium warb. Der Konkurs war unvermeidlich geworden.
Stahringer wurde durch den Niedergang seines Sanatoriums seelisch zermürbt und krank. Er hatte den Verfall mit ansehen müssen, ohne dabei eingreifen zu können. Für ihn fand sich kein Arzt, der helfen konnte. Er verstarb in Dresden am 20. Oktober 1909 im Alter von erst 57 Jahren und wurde in Chemnitz auf dem städtischen Friedhof, Reichenhainer Straße beigesetzt.
Nach dem Abgang Dr. Dahms im Jahre 1911 übernahm als letzter Arzt Dr. Mosler kurzzeitig die Leitung des Sanatoriums. 1912 erfolgte der finanzielle Zusammenbruch. Erst 1913 wurde der Konkurs angemeldet. Die überaus erfolgreiche Entwicklung Stahringers Naturheilanstalt war zu Ende gegangen.
Die heutigen Reste aus der vergangenen Zeit:
Von den am Ende des 19. Jahrhunderts errichteten Gebäuden der Naturheilanstalt besteht heute nur noch das einstige Kurhaus. Es war um die Jahrhundertwende um ein Stockwerk erhöht worden. Das frühere Schützenhaus, ab 1898 mit Restaurant „Bad Grüna“ bezeichnet, danach als Forsthaus Grüna bekannt, existierte bis 1997 und wurde durch das heutige wesentlich größere Gebäude ersetzt.
Weitere dazugehörige Gebäude, wie das Haus „Margarete“ und die vorwiegend aus Holz hergestellten Kur- und Wandelhallen wie auch die Lufthütten des „Eldoradoparks einschließlich Umfriedungen sind nicht mehr vorhanden."
Christoph Ehrhardt, Ortschronist
(aus Ortschaftsanzeiger Grüna / Mittelbach Juni und August 2018)
Quellen:
1892 Die Errichtung Stahringers Naturheilanstalt in Grüna
Alten- und Pflegeheim „Am Wald“
Zum Cache:
Aus Frust über den Verlust seines Lebenswerkes fing Bertrand Stahringer an, Kautabak zu konsumieren. Da das aber auf Dauer auch nicht so gesund ist, kippte er den Inhalt seiner Kautabakdose aus, reinigte und desinfizierte sie gründlich, legte ein Logbuch hinein und platzierte sie an geheimer Stelle in der Nähe seines Lieblingsplatzes - damit hatte er der Nachwelt wenigstens etwas hinterlassen. Dort harrt sie schon seit längerem der Neuentdeckung.
Update 12.03.25: Das bisherige Versteck ist defekt und wird sicher bald entfernt oder ersetzt. Daher gibt es ein neues, siehe Hint.