Es war ein schöner Sommertag im Jahre 1823, als die beiden Turteltäubchen händchenhaltend auf die alte Eiche zugingen. Er, ein junger Adliger, der früh verheiratet worden war und versuchte, aus dem engen Korsett, dass ihm seine Familie aufzwang, auszubrechen. Sie, ebenfalls von hohem Stand, doch um einiges älter und erfahrener, aber auch enttäuschter vom bisherigen Leben, genoss es, umworben und geliebt zu werden. Ein fragiler Zustand für beide, denn sollte ihr Techtelmechtel herauskommen, wären die Folgen für beide enorm.
„Hast du auch eine Einladung zum Sommerball im Gutshaus in Nisdorf bekommen?“ fragte Ingeborg von Gundelach ihren Geliebten, als sie sich ins Gras unter der Eiche setzten. „Bestimmt will der schmierige Rudolph bei der Gelegenheit um mich werben! Igitt.“
„Ist dieser Rudolph nicht der Gastgeber und designierter Erbe von Gut Nisdorf? Der ist doch eine gute Partie!“ grinste Carl Ludwig augenzwinkernd seiner Angebeteten zu. Die Antwort war ein Klapps auf die nackte Brust und dann: „Küss mich lieber, sonst überlege ich es mir vielleicht!“
Das Pärchen war so mit sich selbst beschäftigt, dass es gar nicht mitbekam, wie langsam ein Gewitter aufzog. Eine tiefschwarze Wolke hing plötzlich über den Bäumen und mit einem ohrenbetäubenden Knall rauschte ein Blitz in der Nähe in die Erde. Die Luft war wie elektrisiert. Carl Ludwig sah noch, wie sich sämtliche Härchen auf der Haut seiner Geliebten begannen aufzustellen, da hörte er hinter sich am Feldrand ein undefinierbares tiefes Brummen.
Carl Ludwig schaute in die schreckgeweiteten Augen seiner Angebeteten, in denen ein helles weißes Licht waberte. Er drehte sich zu diesem Licht um und sah am Feldrand eine runde silberne Kugel tanzen, von der das merkwürdige Brummen ausging und die nun langsam auf die Eiche zu schwebte.
„Was zur Hölle…!“ entfuhr es dem jungen Adligen, doch weiter kam er nicht, denn mehrere Dinge geschahen nun gleichzeitig. Ingeborg von Gundelach riss sich von Carl Ludwig los und versuchte in panischer Angst wegzurennen. Gleichzeitig begannen sämtliche Blätter der Eiche zu zittern, die Äste und der ganze Baum begannen in einer bestimmten Frequenz gemeinsam zu vibrieren, während die silberne elektrische Kugel (in heutiger Zeit würde man das Phänomen als Kugelblitz bezeichnen) ihre Geschwindigkeit erhöhte und direkt auf Fräulein Gundelach zusteuerte und sie schließlich komplett verschluckte.
Der junge Mann war wie gelähmt und sah völlig apathisch zu, wie die Kugel nun langsam schrumpfte und seine Geliebte, von kleinen Blitzen und Flames umhüllt, aus der Kugel wieder auftauchte. Sie fiel ohnmächtig ins Gras, während die Kugel zu einem kleinen Ball schrumpfte und dann plötzlich einer Kanonenkugel gleich beschleunigte, durch die alte Eiche hindurchschoss und sich funkensprühend auflöste.
Es legte sich kurz eine unheimliche Stille über den Ort, dann öffnete der Himmel seine Schleusen und es begann heftig zu regnen. Carl Ludwig kroch zu seinen Angebeteten hinüber und versuchte sie wachzurütteln, doch nichts passierte. Erst nach mehreren Ohrfeigen ins Gesicht regte sich die Adlige. Doch anstatt sich nach dem furchtbaren Schrecken in die Arme ihres Lovers fallen zu lassen, blickte die Frau verwirrt in sein Gesicht, begann wie wild zu schreien und begann ihn mit ihren Fäusten am Oberkörper und im Gesicht zu bearbeiten. Den kräftigen impulsiven Schlägen hatte der schmächtige junge Mann nichts entgegenzusetzen. Er fiel ausgeknockt ins nasse Gras und sah seine Geliebte langsam verwirrt davon gehen.
Er wusste nicht, wie lange er dort unter „ihrer“ Eiche gelegen hatte, als er sich endlich aufrappelte und nach seinem Mädchen Ausschau hielt. Doch weit und breit war niemand zu sehen, nur im alten Baum klaffte jetzt ein großes Loch, das der Kugelblitz in die Eiche gebrannt hatte, als er hindurchschoss und sich auflöste. Niedergeschlagen ging er nach Hause und erfuhr erst am nächsten Morgen, dass man seine Geliebte ohne Gedächtnis in den umliegenden Wäldern am Gut Altenpleen aufgegriffen hätte.
Erst ein halbes Jahr später, zum Winterball auf Gut Nisdorf, sah er seine Angebetete zufällig wieder. Doch sie erkannte ihn nicht, würdigte ihn keines Blickes und hatte nur Augen für den Gastgeber der Veranstaltung. Überhaupt gab sie sich völlig anders, so als wäre sie ein komplett anderer Mensch. Hatte diese seltsame Kugel sie so verändert? In den Jahren danach hörte er immer mal wieder merkwürdige Gerüchte über seine ehemalige Geliebte, Geschichten übers Schlafwandeln in den Wäldern, über Wutanfälle und Selbstmordversuche, doch es blieb bei Gerüchten, er sah sie in all den Jahren danach nie wieder.
So ergab sich Carl Ludwig schließlich in sein Familien-Schicksal, führte die nächsten Jahrzehnte eine mustergültige Ehe, kümmerte sich um seine Ländereien und vergrößerte seinen Status und Besitz. Doch in einem Fleckchen seines Herzens bewahrte er stets seine schönen Erinnerungen an die Zeit damals unter der alten Eiche. Schaut doch dort gerne einmal vorbei, es liegt jetzt eine kleine Dose vor Ort.