Sturzprozesse
In der Geologie spricht man von Sturzprozessen, wenn festes und/oder lockeres Gestein entlang von Trennflächen an einem steilen Hang ausbrechen und überwiegend frei fallend, springend oder rollend zu Tal stürzen. Dies erfolgt dabei in schnellen Massenbewegungen, wobei das hinabstürzende Material beim Aufprall in kleinere Teile zerbrechen kann, je nachdem wie der Untergrunds beschaffen ist und die Flugbahn des Materials verläuft. Potenzielle Ausbruchgebiete für Sturzprozesse befinden sich in der Regel in Hangbereichen mit Neigungen von mehr als 35°. "Stumme Zeugen" wie alte Sturzblöcke oder Einschläge im Untergrund oder an Bäumen lassen auf die Sprungweite, -höhe und Reichweite von Steinschlägen bis hin zu Felsstürzen schließen.
Sturzereignisse werden nach dem Volumen des herabgestürzten Gesteinsmaterials in verschiedene Kategorien unterteilt:
1. Steinschlag und Blockschlag
Steinschlag bezieht sich auf Ereignisse, bei denen die Gesamtkubatur des herabgestürzten Materials bis zu 10 m3 beträgt und die einzelnen Komponenten ein Volumen von weniger als 0,25 m3 haben.
Blockschlag beschreibt Ereignisse mit einer Gesamtkubatur von bis zu 10 m3, wobei die wesentlichen herabgestürzten Komponenten ein Volumen von mindestens 0,25 m3 aufweisen.
Diese Ereignisse entstehen oft durch Verwitterung, besonders entlang von Trennflächen. Die Sturzbahn wird von Baumbestand und Untergrund beeinflusst, wobei die Komponenten häufig bei Hangneigungen von weniger als 30° zum Stillstand kommen. Wälder haben eine dämpfende Wirkung, da sie die fallenden Gesteinskörper verlangsamen oder stoppen können.
2. Felzsturz
Hierbei löst sich ein größeres Gesteinspaket mit einem Volumen von über 10 m3 aus dem Hang oder der Felswand.
Felsstürze können sich durch das vorherige Abstürzen kleinerer Komponenten, wie bei Steinschlägen, ankündigen und erreichen oft größere Reichweiten.
3. Bergsturz
Diese seltenen Ereignisse betreffen Sturzmassen mit einem Volumen von über 1 Million m3. Aufgrund ihrer enormen Masse sind Bergstürze hochdynamisch und können mehrere Kilometer weit reichen.
In schmalen Tälern können sie den Aufstau von Gewässern verursachen, was nach einem Durchbruch zu katastrophalen Überflutungen führen kann. Bergstürze kündigen sich oft durch Vorbewegungen wie vermehrten Steinschlag oder das Öffnen von Felsspalten an.

Auslöser von Sturzereignissen
Die Größen von Steinen und Blöcken werden hauptsächlich durch das Trennflächengefüge der Gesteine (wie Schichtung, Schieferung und Klüftung) sowie die fortschreitende Verwitterung entlang dieser Trennflächen bestimmt. Sturzereignisse werden oft durch Einwirkungen entlang der Trennflächen ausgelöst. Zu den auslösenden Faktoren gehören:
Wasser
- Aufstau in geöffneten Klüften, was zu Kluftwasserdruck und hydrostatischem Druck führt.
- Abspülen bereits gelöster Steine und Blöcke bei starken Regenfällen, besonders in steilem Gelände.
- Aufweichen der Aufstands- oder Auflageflächen von Felspartien.
Temperaturänderungen
- Gefrierendes Kluftwasser, das eine Volumenvergrößerung verursacht.
- Gefügeauflockerung durch Frost-Tau-Wechsel.
Vegetation
- Wurzelsprengung durch Dickenwachstum von Wurzelsträngen, die in Trennflächen einwachsen.
- Dynamischer Lasteintrag durch Bäume, insbesondere durch Hebelwirkung unter Windlast.
Erschütterungen
- Lostreten von Steinen und Blöcken durch Menschen und Tiere.
- Erdbeben und Reibungen bzw. Spannungen an tektonischen Grenzen
Sturzprozesse am Kleinen Mühlhornsturz
Die Mühlsturzhörner sind zwei Gipfel der Reiteralm in den Berchtesgadener Alpen und grenzen an das Klausbachtal. Das Große Mühlsturzhorn erhebt sich auf 2234 m ü. NHN und liegt etwa 300 Meter südöstlich des Stadelhorns, nahe der Grenze zwischen Bayern und Salzburg. Das Kleine Mühlsturzhorn befindet sich 280 Meter ostnordöstlich und hat eine Höhe von 2141 m ü. NHN.

Hier am Kleinen Mühlsturzhorn kann man einen ganz besonderen Sturzprozess vorfinden, welcher sich am 8. September 1999 ereignete und noch heute deutlich sichtbare Spuren im Klausbachtal hinterlassen hat. Am besagten Tag löste sich eine große Mengen von Gesteinsmaterial an der Südwest-Flanke des Kleinen Mühlsturzhornes und stürzte hinab ins Klausbachtal. Ganz überraschend war dies nicht, denn zuvor gab es schon einige Anzeichen dafür, dass sich ein Ereignis bevorstehen würde. So stellte man an der Kletterroute fest, dass dort schon eine Vielzahl von Haken nur noch lose in der Wand hingen.
Bei diesem Sturzereignis brachen am Kleinen Mühlsturzhorn im Gipfelbereich 250.000 m3 Gestein ab und stürzten ins Klausbachtal.