Der Wind strich kalt über die Felder, als ich durch das hohe Gras stapfte. Ein seltsames Gefühl überkam mich, als sich vor mir, wie aus dem Nichts, der trübe Schimmer von Lichtern und Schatten abzeichnete. Ich folgte dem schwachen Leuchten und hörte bald das dumpfe Murmeln von Stimmen und den Klang ferner Musik. Dort, inmitten der weiten, leeren Landschaft, stand ein Jahrmarkt – ein Ort, der nicht hierhergehörte, nicht in diese stille Einsamkeit.
Ohne nachzudenken, trat ich durch das rostige Tor. Der Lärm und das Licht verschlangen mich, doch alles wirkte gedämpft, wie ein Traum am Rande des Erwachens. Zwischen schäbigen Zelten und seltsam stillen Fahrgeschäften fiel mein Blick auf ein schmaleres Zelt, das sich kaum bewegte, obwohl der Wind immer stärker blies.
Im Inneren saß eine alte Frau, ihre Augen wie aus Glas, ihr Lächeln verzerrt. Sie deutete auf den Stuhl mir gegenüber, ohne ein Wort zu sagen. Auf dem Tisch lagen Karten – Tarotkarten, abgenutzt und alt. Mit einem langsamen, fließenden Bewegungen mischte sie sie, und ihre Hände schienen länger zu sein, als sie hätten sein dürfen. Jede Karte, die sie vor mir auslegte, pulsierte mit einem unheilvollen Wissen, das ich nicht begreifen konnte.
Als erstes breitete sie eine Karte aus, auf der zwei identische Wesen zu sehen waren. Die alte Frau raunte: "Es ist immer von Wert, Abkürzungen zu gehen!".
Als nächstes zog sie eine Karte hervor, die wie Musik klang. Der Wert des hellsten Tones brannte sich in mein Gedächtnis ein.
Darauf folgte eine Karte mit herrschaftlichem Vogel im Flug über dem Kolosseum. Seine hellsten Augen blitzten mich an. Es waren mehr als die üblichen zwei Augen.
Die alte Frau fing eine neue Reihe an Karten an. Die Szene der Karte glich einer märchenhaften Schlacht. Im Vordergrund war ein prächtiges Ross zu sehen, dessen Rang an seinem langen Horn hing.
Die alte Frau griff nach der nächsten Karte und legte sie mit einem widerlichen Lächeln auf den Tresen. Ein großer Krieger mit mächtigem Schwert grinste mir entgegen. Seine Brust zierten die schimmerndsten Wappen.
Die letzte Karte zierte ein unheilvolles Kreuz. Auf dem Querbalken stand "Erstmals gemalt".
„Dein Schicksal ist gesiegelt,“ flüsterte sie schließlich, und ihre Stimme klang wie ein Echo aus einer anderen Zeit.
Bevor ich etwas erwidern konnte, spürte ich, wie die Welt um mich her begann zu verschwimmen. Die Farben des Jahrmarkts lösten sich auf, die Lichter wurden schwächer, die Stimmen verstummten. Nebel kroch über den Boden, verschlang Zelte, Lichter und Geräusche gleichermaßen. Dann war es still.
Ich stand allein auf dem Feld, die Sterne blickten kühl auf mich herab, als hätte es den Jahrmarkt nie gegeben. Doch in meiner Hand hielt ich eine Tarotkarte – den Gehängten – als einziger Beweis für das, was ich erlebt hatte. Neben dem Bildnis des Gehängten entdeckte ich eine filigrane Handschrift mit Bleistift geschrieben: N49 A.BC E8 D.EF. Oder war es nur ein Traum gewesen?
