„Künstlerisches vom Fabrikschornstein“
von Heinrich Pudor
Zeitschrift für Architektur und Ingenieurwesen, 1909, Band 55
-stark gekürzt-
Wir müssen uns langsam daran gewöhnen, dass der Fabrikschornstein als Bauwerk, als Architektur, eine durchaus künstlerische Form darstellt, gegen welche keinerlei ästhetische Bedenken zu erheben sind. Es sind lediglich die mit der Romantik in Zusammenhang stehenden Gedankenassoziationen gewesen, welche uns die Schlote verleidet haben, als Mörder der natürlichen landschaftlichen Schönheit.
Mit Bäumen verträgt sich der Schornstein schlecht, denn sie sind gewissermaßen seine Rivalen. An Größe überragt er sie zwar fast immer, aber dem Schornstein fehlt das Laubdach, die Bekrönung. Mit den Bäumen trägt die Erde den Himmel gleichsam auf Händen, mit den Schornsteinen aber trägt sie den Himmel auf Säulen. Säulen, die als der einsam aufragende Schornstein wie der Finger Gottes wirken.
Die Schönheit beruht auf der Übereinstimmung von Zweck und Form. Das sogenannte Prinzip des kleinsten Zwanges, das Grundgesetz der Mechanik, ist mithin bei der Zylinderform des Schornsteines erfüllt.
Die Säule stützt, der Schornstein ragt frei auf wie ein Denkmal - Denkmäler der Arbeit hat man daher die Schornsteine längst schon genannt. Je schmuckloser der Schornstein ist, desto grandioser und souveräner wirkt er. Es gibt Stadt-Türme und Tor-Türme und neuerdings baut man Wasser-Türme. Aber alle solche Bauten sind Spielereien gegenüber den Fabrikschornsteinen, und die letzteren wirken gegenüber den ersteren wahrhaft königlich mit ihrem langen stolzen Halse, wie Ausrufungszeichen der Ewigkeit, und wenn sie rauchen und brennen, wie Weihnachtskerzen, wie die Prozessionskerzen der Industrie, wie Flammenflaggen, wie die Fackeln der Industrie. Wirkt er nicht wahrhaft königlich in seiner sich selbst genügenden Einfachheit und Größe? Es spricht eine feierliche Stimmung aus diesen Fabrikschornsteinen, die so hoch über dem Getöse der Werkstätten ihren Hals emporheben, als wollten sie der Gottheit näher kommen, und die ihren Rauch hinaus senden, wie ihren Atem oder als den Atem der Industrie.
Hier rührt an uns das innerste Wesen der modernen Zeit: der Mensch hat sich auf der Erde seine eigne Welt geschaffen, die auch Natur, vielleicht eine Natur höherer Ordnung ist.
(Klimawandel war noch kein Thema anno 1909)
Location: von hier aus kann man den Schornstein der ehemaligen Margarinefabrik sehen. Heute ist dort der Gewerbehof Strese 375.