Wenn ihr das Eichhofer
erobern wollt, müsst ihr ein paar Aufgaben lösen!
Der bunte Vogel
In einem großen Wald lebten ein Riese und ein Zwerg zusammen. Sie waren sehr alt und von allen Riesen und Zwergen die letzten. Jeder fühlte sich auf seine Art einsam, der eine laut, und der andere leise, aber beide wünschten sich nichts so sehr, als sich in eines jener Wesen zu verwandeln, die sich Menschen nannten. Aber wenn du denkst, der Riese und der Zwerg hätten sich gegenseitig getröstet, dann irrst du dich. Je älter sie wurden, umso mehr fingen sie an, einander zu quälen und sich das Leben schwer zu machen.
Der Riese zeigte dem Zwerg seine Riesenfäuste. Er blies ihm seinen Atem ins Gesicht, oder er stemmte ihn in die Luft, setzte ihn auf den Gipfel einer Tanne und sah lachend zu, wie er mühsam wieder hinunterkletterte. Der Zwerg dagegen zeigte dem Riesen seine Zwergenzunge. Er verspottete ihn mit Worten, oder er schlich ihn heimtückisch an, zwickte ihn in die Waden und sah lachend zu, wie er vergeblich nach dem Übeltäter suchte.
Aber trotzdem blieben sie einer in des andern Nähe. Sie brauchten einander, weil sie sonst niemanden hatten, den sie mit groben Fäusten ängstigen oder mit einer bösen Zunge kränken konnten. Die Tiere des Waldes gingen den beiden schon längst aus dem Weg.
Eines Tages fanden sie einen winzigen Vogel. Es war keine Amsel es war kein Specht, und es war kein Eichelhäher. Er war grau und unscheinbar, ein Vogel ohne Namen. Er lag auf der Erde und schaute sie mit seinen runden Augen bittend an. In Sie hoben ihn auf und bauten ihm ein Nest. Sie gaben ihm zu essen und gaben ihm zu trinken. Und abwechslungsweise wachten sie bei ihm, um ihn vor seinen Feinden zu schützen.
Der Zwerg staunte, wie behutsam der Riese mit seinen groben Fäusten den Vogel zu streicheln vermochte. Und der Riese staunte, wie gut es dem Zwerg mit seiner bösen Zunge gelang, den Vogel zu trösten. Der Riese und der Zwerg hatten mit der Pflege des verwaisten Vogels soviel zu tun, daß sie vergaßen, sich gegenseitig zu quälen und sich das Leben schwer zu machen. Der Vogel wurde dabei von Tag zu Tag ein wenig kräftiger. Und als er anfing, seine Flügel zu strecken sahen der Riese und der Zwerg mit Verwunderung, dass jede seiner Federn eine andere Farbe bekam. Und sie vertieften sich so sehr in den Anblick der bunten Federn, dass sie gar nicht merkten, wie nicht nur der Vogel, sondern auch sie selbst sich verwandelten.
Der Riese wurde kleiner und kleiner, der Zwerg aber größer und größer. Erst als sie sich auf gleicher Höhe gegenüberstanden und sich zum erstenmal richtig in die Augen sahen, hörte der Riese auf zu schrumpfen, und der Zwerg hörte auf zu wachsen. Ihr Wunsch war in Erfüllung gegangen. Sie waren zum Menschen geworden.
In den Augenblick aber spannte der Vogel seine Flügel aus, erhob sich aus dem Nest, flog in den Himmel hinauf und kam nie mehr wieder. Nur wenn die beiden in Versuchung kamen, die Fäuste zu ballen oder die Zunge herauszustrecken, flog über ihren Köpfen ein bunter Vogel vorbei und erinnerte sie an ihre alte Haut.
Bitte denkt daran, ihr befindet euch in einem Jagdgebiet. Bitte nicht nachts cachen, und schont die Umwelt.
Max Bolliger: Der bunte Vogel. Zürich: Bohem Press, 1986