“Die Eule
Die Eule saß entfernt vom Sonnenlichte.
In altem Mauerwerk, wo nur die Fichte
Und dürres Moos ihr die Gefährten sind;
Kein Vogel zeigte sich dem traurigen Gebiete,
Kein Bächlein rauschte, keine Rose blühte,
Und einsam sprach sie so zum Abendwind:
„Du siehst in mir das Muster jeder Tugend,
Die Weisheit war mein Stern seit früher Jugend
Und ich erlangte dies erhab'ne Ziel;
Kann noch ein Vogel sich mit mir vergleichen?
Leichtsinnig flattern sie in den Gesträuchen
Mit schnödem Sang und sind der Sünde Spiel.“
Der Abendwind fängt stärker an zu wehen,
Denn ohne Lachen kann er nicht die Eule sehen,
Wie sie so still ihr dürftig‘ Wesen treibt,
Und, da Versuchung ihr stets fern geblieben,
Sie abgeneigt zum Hassen oder Lieben,
Die grauen Federn selbstzufrieden sträubt.”
von Luise Hecker