Vergessene Spuren der Elektrifizierung
Vor gut 100 Jahren verlief hier mal eine 110kV Hochspannungsleitung mitten durch das Naturschutzgebiet Untere Mulde. Alte Fundamente der Masten sind heutzutage noch vom Wege aus sichtbar und ruhen im Unterholz und teilweise auch mitten in der Mulde.
Dieses Luftbild aus 1928 zeigt den Verlauf der Leitung durch ihre Masten und die Schneise im Wald ganz deutlich:
Datenquelle: © GeoBasis-DE / LVermGeo LSA, dl-de/by-2-0 (Stand: 1928)
Sie verlief vom Kraftwerk Zschornewitz aus durch die Oranienbaumer Heide, über Sollnitz und auf Luftbildern zu sehen über die Mulde, durch Dessau Törten, weiter über Alten Richtung Förderstedt und endete schließlich in Magdeburg/Diesdorf. In Betrieb ging die Leitung in den Jahren 1921 und 1922 und wurde von EWAG und ESAG betrieben. Sie war Teil des frühen Ausbaus des 110kV-Netzes in Ostdeutschland um die Braunkohleenergie aus der Region Bitterfeld an die großen Städte und Abnehmer anzubinden. Folgendes historisches Bild zeigt das ehemalige Kraftwerk Zschornewitz und das Aussehen der Masten (Mast im Vordergrund mit Erdseiltraverse oben), die zu dieser Leitung gehörten.
Urheber*in: Stoedtner, Franz (Lichtbildverlag) (Fotografische Aufnahme) | Digitalisierung: Deutsche Fotothek
Auf dem Bild sieht man, dass es sich um einen umgekehrten Donaumast handelte. Diese Bauform von Hochspannungsmasten ist heutzutage sehr unüblich geworden.
Ebenfalls im Naturschutzgebiet befand sich eine weitere Hochspannungsleitung in Richtung Norden. Das beweisen weitere alte Betonfundamente einer anderen Bauform und dieses Luftbild aus 1953 auf dem ich diese Leitung mal blau und die anderen in rot und grün eingezeichnet habe:
Datenquelle: © GeoBasis-DE / LVermGeo LSA, dl-de/by-2-0 (Luftbild 1953), bearbeitet.
Rot: Ehemalige Leitung KW Zschornewitz - Magdeburg (1921/22 bis 50er Jahre)
Blau: Ehemalige Leitung KW Vockerode - Marke (ca. 1940 bis vermutlich 1946/47)
Grün: Aktueller Verlauf der beiden Leitungen ab 50er Jahre (Hier schon die neue breite Schneise zu sehen, allerdings noch keine Masten auf dem Originalbild)
Bei der blauen Trasse handelte es sich höchstwahrscheinlich um eine weitere 110kV Leitung, welche das Kraftwerk Vockerode mit dem Umspannwerk in Marke verbunden hat. Diese wurde vermutlich mit der Demontage des Umspannwerkes durch sowjetische Besatzer 1946/47 auch schon wieder entfernt. Auf dem Originalbild von 1953 ist nämlich nur noch die Schneise und nicht mehr die Masten zu sehen.
Mit dem Wiederaufbau des Umspannwerkes 1955 wurde schließlich auch die Leitung vom KW Zschornewitz (rot) neu organisiert. Seither gibt es nämlich einen neuen Trassenverlauf (grün), bei dem nun beide 110kV Leitungen von Marke aus nebeneinander verlaufen und sich bei Dessau trennen und von dort aus wieder ihre ursprünglichen Wege gehen. Der Abschnitt Zschornewitz bis Dessau (rot), der hier durch das Naturschutzgebiet verlief wurde stillgelegt und später demontiert.
Da die Infos sehr rar waren gestaltete sich die Recherche auch dementsprechend schwierig. Verbesserungen und Korrekturen sind daher sehr erwünscht. Schreibt es gerne in euren Log oder schreibt mich persönlich an. Vielen Dank.
Vorsicht!
Das anliegende Naturschutzgebiet darf und muss nicht betreten werden!
Viel Spaß beim Suchen wünscht Atti8!